Olga Flor: Kollateralschaden

Olga Flors Buch, das 2008 auf der Long-List zum Deutschen Buchpreis stand und das es wegen des Lobs und des Themas in mein Bücherregal geschafft hat, brauchte eine zweite Chance, um endlich gelesen zu werden.

Die Form, in der Olga Flor Personen vorstellt, die sich zufällig in einem Supermarkt über den Weg laufen oder einander aus dem Weg gehen, hat mir zu schaffen gemacht. Die Kapiteleinteilung in Minuten ist sicher keine schlechte Idee, für mein Lesebedürfnis zerreißt es die Geschichten der einzelnen Protagonisten jedoch viel zu sehr. Ich bekam wenig Gelegenheit, mich auf eine Figur einzulassen und mehr über sie zu erfahren, weil innerhalb der 60 Sekunden, die ein Kapitel dauert, unter Umständen die Gedanken von 3-6 Personen „zur Sprache“ kommen. Die Perspektive wechselt dabei naturgemäß schnell, manchmal sogar innerhalb eines Absatzes von etwa 20 Zeilen.

Die unterschiedlichen Figuren haben trotz unterschiedlichster sozialer Herkunft und Altersgruppe zunächst eine sehr ähnliche Stimme: Mo, ein Teenager, dessen Mutter zeitgleich bei einer alten Dame bügeln geht, Tobias, ein Azubi, der seine Arbeitszeit lieber mit dem Anschauen von Pornos verbringt als mit dem Einräumen der Regale, Anna K, eine 60jährige Hausfrau, die sich über ihren Ehemann beklagt, Horst, der Rentner, dessen Frau gerade auf dem OP-Tisch liegt und der sich fragt, was wäre, wenn sie nicht wieder aufwachte, Luise, eine karrieregeile Jungpolitikerin, die vom Tod ihres Mannes erzählt und sich mühsam aus dem Bannstrahl ihres ehemaligen Lovers und Parteiaushängeschildes (ich meine, eine gewisse Ähnlichkeit zu einem real bereits gestorbenen Politiker entdeckt zu haben) zu befreien sucht oder Erich, ein Lokalreporter, den man „in die Chronik abgeschoben“ hat. Erst im letzten Drittel des Buches finden einige Figuren zu ihrer eigenen Sprache: Mo seinen Straßen-Jargon in Vorbereitung seiner Performance, Luises Worte und Gedanken werden hektisch bei dem Versuch, Ferdinand nun endlich zu übertrumpfen und die im Supermarkt entstandene Situation für sich auszunutzen, Erich hört man den Reporter jetzt deutlich an. Erst am Ende fügen sich die Stränge in ein Ganzes, das sich plötzlich wie ein Soufflée aufbläht und genauso schnell wieder in sich zusammen fällt. Übrig bleibt ein fader Geschmack im Mund. Erst, als ich das Ende des Buches kannte, wurden mir Absätze vom Anfang des Buches begreiflich.

Einzelne Gedankengänge und innere Kämpfe, die so manche Figur mit sich herum schleppt und an denen sie den Leser teilhaben lässt, fand ich jedoch sehr gelungen und auch nachvollziehbar. Sehr anrührend fand ich die Geschichte von Horst in seiner ganzen Hilflosigkeit. Ich hätte sie lieber zusammenhängend präsentiert bekommen.

Olga Flor
Kollateralschaden

Wien : Zsolnay, 2008
17,90 € (gebundene Ausgabe)

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