Val McDermid: Nacht unter Tag

Der jüngste Roman von Val McDermid ist wieder einer dieser „intermediates“, ein selbständiger Krimi außerhalb der Reihe von Kriminalromanen mit den Hauptfiguren Tony Hill und Carol Jordan. McDermid hat in diesem Roman ein Thema aufgegriffen, das ihre eigene Heimat im schottischen Fife geprägt hat, den Bergarbeiterstreik von 1984. Während  einer Lesung erzählte sie, sie habe gewusst, dass sie dieses Thema einmal in einem ihrer Bücher aufgreifen werde. Es sei ein sehr persönliches Thema, da ihre eigene Familie von den damaligen Ereignissen direkt betroffen war. Wie sich die Ideen für diesen Roman ansammelten, schilderte sie während der Lesung sehr anschaulich: Mit mehreren Freundinnen machte sie in der Toskana zusammen Urlaub. Diese Frauenrunde hatte eine Villa gemietet und ließ es sich dort gut gehen. Eine davon, eine passionierte Joggerin, entdeckte während ihres Morgenlaufs eben jene casa rovina, von der im Buch die Rede ist, natürlich ohne den im Buch vorkommenden Blutfleck. Die Erzählungen ihrer Freundin wälzte sie tagelang hin und her und speicherte sie zunächst ab, bis ihr mehr dazu einfallen würde. Als sie dann später einmal in der Loge ihres Fußballklubs neben einem anderen berühmten Mitglied des Klubvorstands, der derzeit Downing Street No. 10 bewohnt, saß und man so beim Reden war, ließ der etwas fallen, das in McDermid den Zündfunken für den Roman gegeben hat, so jedenfalls ihre Darstellung. Herausgekommen ist das Folgende:

Eine junge Frau meldet ihren Vater, Mick Prentice, als vermisst. Dieser ist allerdings bereits seit 22 Jahren verschwunden und alle glauben zu wissen, er habe sich seinerzeit den Streikbrechern angeschlossen und sei nach Nottingham gegangen (von wo regelmäßig Geldbeträge an Mutter und Tochter geschickt wurden), obwohl man Mick so etwas nie zugetraut hätte. Auch dessen bester Freund Andy Kerr, Gewerkschaftsfunktionär, verschwindet zur selben Zeit spurlos. Karen Pirie und ihr Kollege Phil Parhatka von der Abteilung für ungelöste Fälle in Glenrothes, Schottland, nehmen sich der Sache an, obwohl sie nicht zuständig sind, beginnen Befragungen im Wohnort des Vermissten und spüren die damaligen Streikbrecher in Nottingham auf.

In der Toskana entdeckt derweil eine Journalistin, Bel Richmond, die dort mit ihren ehemaligen Kommilitoninnen einen einwöchigen Urlaub verbringt, auf ihrer morgendlichen Joggingrunde eine herunter gekommene Villa. Ihrer ausgeprägten Neugier folgend betritt sie das teilweise baufällige Haus und entdeckt, dass es erst vor kurzem von vermutlich nicht rechtmäßigen Bewohnern Hals über Kopf verlassen wurde. Die Entdeckung eines Siebdruckrahmens und der damit verfertigten Poster sowie einer großen Blutlache lassen sie die Geschichte ihres Lebens wittern.

Die Wege von Ermittlerin und Journalistin kreuzen sich, als ein Bauunternehmer, Brodie Grant, millionenschwer, pressescheu und selbstgefällig, die Ermittlerin bittet, den Fall seiner bei einer missglückten Lösegeldübergabe getöteten Tochter Catriona und des damals verschwundenen Enkels Adam wieder aufzurollen. Die Journalistin hatte ihm aus der Toskana als neues Beweismaterial das Poster mitgebracht und nun hegt er die Hoffnung, den Mörder seiner Tochter endlich zu finden. Nun verfolgen beide unabhängig voneinander Spuren dieses Falls. Pirie benutzt den Entführungsfall dazu, ihre Ermittlungen im Prentice-Fall zu verschleiern und weiterzuführen und wird bald fündig, allerdings findet sich nicht das, was sie erwartet hat. Richmond dagegen stößt in Italien auf neue Informationen, die sie Grant mitteilt, der jedoch gar nicht daran denkt, sie auch der Polizei weiterzugeben. Grant hat ganz andere Pläne und bringt Richmond damit in Gewissensnöte. Während Richmond ein zweites Mal nach Italien fliegt, entdeckt Pirie, dass beide Fälle zusammen hängen müssen und kommt mit Hilfe der italienischen Polizei, mit der Richmond jede Zusammenarbeit ablehnt, auf des Rätsels Lösung.

McDermid erzählt diese Geschichte, indem sie in die laufenden Ermittlungen von Pirie und Richmond immer wieder Rückblenden einbaut. An einem bestimmten Punkt der Befragung bricht die Handlung in der Jetzt-Zeit ab und beleuchtet ein Ereignis in der Vergangenheit. Für die bessere Orientierung des Lesers sind die Kapitel deshalb mit Ort und Datum überschrieben. Diese Rückblenden illustrieren die damalige Situation oder ein Ereignis besser als das der Erzählung einer der beteiligten Figuren in einer Befragung möglich wäre. Man ist als Leser viel näher an den Geschehnissen dran. Leider bleibt die Autorin in den Rückblenden oft nicht bei der personalen Erzählweise, sondern bedient sich eines allwissenden Erzählers, was mich manchmal gestört hat. Besonders in den Episoden, die während des Bergarbeiterstreiks spielen, lag ihr vermutlich zu viel daran, die Not und das Leid der Familien der Bergarbeiter aus möglichst vielen Sichtweisen zu schildern. Deshalb schaut sie in einer Sequenz verschiedenen Protagonisten in Herz und Seele. Eine genaue Charakterisierung einzelner Figuren kommt dabei zu kurz. Das ist aber nur ein kleines Manko und schmälert das Lesevergnügen kaum. Die Story selbst ist anfangs vielschichtig und man fragt sich, wie das alles zusammen passen wird. Das Ende wird es jedoch irgendwann vorhersehbar. Dennoch spannend zu lesen und, wie die Krimi-Couch zu Recht sagt: Großes Kino.

Val McDermid
Nacht unter Tag
München : Droemer, 2009
19,95 € (Gebundene Ausgabe)

Nachtrag:
Der nächste Krimi mit Tony Hill erscheint im September im englischen Original unter dem Titel „The fever of the bone“ heraus.

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