Autobahn, allgegenwärtig

Zwetschgenbaum

Genaues Zeichnen: 9.10.16, Tour de Windräder (Elgersbach, Donnertrift, Schiebelberg, Laufzeit: 2 h)

Sonnenstrahlen tasten die Äcker ab wie Suchscheinwerfer; könnten sie anhalten, leuchteten sie vielleicht den Gelbsenf aus, der am Hang gegenüber ihres Küchenfensters blühte, oder die Streuobstwiese, die man von ihrem Wohnzimmerfenster aus sehen konnte, und wo die Schatten der Obstbäume im Gras lagen wie riesige Lollipops.

Die Hügel, Kuppen und Berge entfernten sich in sich abschwächendem Blau, bis von den höchsten Erhebungen der Rhön nur noch eine Ahnung übrig war, die in den durchbrechenden Sonnenstrahlen allmählich verwusch.

Winterraps hatte seine Blätter zur Mittagssonne hin gedreht, Tautropfen netzten darauf wie von Insekten vergessener Proviant. Aus der Ferne wirkte der Rapsacker wie ein Persianerpelz. Nur die Furchen, die der Traktor bei der Ansaat hinterlassen hatte, störte den Eindruck von Perfektion und Prosperität im Stil russischer Oligarchen.

Die Autobahn zerteilte die Landschaft in unterschiedliche Gemeinden; die Gebietsreform hatte sich der Einfachheit halber an der Autobahn orientiert. Aus der Ferne hörte sich das unentwegte Rollen der Räder an wie Meeresrauschen. Man hätte an Brandung glauben können. Aber aus der Nähe betrachtet waren und blieben die asphaltenen Schleifen und Bänder mit der Brücke, die an das Eingangsportal eines schwedischen Möbelhauses erinnerte, in dieser Umgebung aus Äckern und Wald ein stinkender und kreischender Fremdkörper.

Seit wenigen Jahren hatte die Landschaft, die mancher als eintönig oder gar langweilig bezeichnen mochte, einen neuen Blickfang: Vier Windräder wuchsen mit weißen Säulen und weißen Flügeln aus den Flanken zweier Hügel, am Schaft je ein rotes Band als Farbklecks in der kulturlandschaftlichen Tristesse. Sie fand die hohen Windräder sympathisch und sie schaute sie gern an, fotografierte sie dann und wann, wenn sie die Lichtstimmung passend fand auf ihren Streifzügen. Regelmäßig ging sie die Windkraftanlagen ab und sammelte Müll auf, Zigarettenschachteln, Flaschen, Socken, Kronkorken, denn die Jugendlichen in ihrer Feierwut legten keinen Wert auf Umweltschutz. Sie mochte es, sich für ein paar Minuten auf die gittermetallenen Stufen zum Eingang in den Turm eines Windrads zu setzen und die Vibrationen zu spüren, die beim Rotieren der Flügel entstand. Wenn sie dabei die Augen schloss und das Gesicht in Sonne und Wind Richtung Autobahn hielt, hätte sie glauben können, sie führe mit einem Schiff über einen See oder ein Meer.

Die Autobahn war schon da gewesen, als sie noch nicht mit dem Denken angefangen hatte. Es gab ein Foto von ihr als Kleinkind, da konnte sie gerade mal stehen, und da stand sie, unsicher auf den speckigen Beinchen, mitten auf der Fahrbahn, die später nie wieder so unbeseelt sein sollte, außer, sie war wegen eines Unfalls gesperrt.

Ein Acker, vor kurzem eingesät und abgetrocknet, wartete im wechselnden Licht unter den Bauschwolken mit Farbspielereien auf: gebrannte Siena und Ziegelrot, wo der Boden noch feuchter war, lichter Ocker bis Beigerosé an den trockensten Stellen, dazwischen Streifen von Puderpink und Terracotta und Lachs.

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