Das stille Haus

Das stille Haus

(c) Horst-Dieter Radke

Im Zweiundvierziger, den Blog der 42erAutoren, erschien kürzlich die Reihe „Das stille Haus„. Viele Autoren haben es besucht und erzählen davon, was sie darin erlebt haben. Hier ist mein Beitrag:

Still steht es da. Und doch scheint es bewohnt. Die Fenster sind klar, die Treppe ist immer gefegt, der Garten sauber, wenn auch nicht akkurat. Der Teich davor mit klarem Wasser, obwohl es ein wenig bräunlich ist.

Und doch. Niemand öffnet, wenn man klingelt. Seit Jahren macht sie es, wenn sie auf seiner Wanderung an diesem Haus vorbeikommt, schon aus Tradition. Auch diesmal. Sie hat sich schon umgewandt und will wieder gehen, weil der Pflicht genüge getan ist, da stutzt Andrea, wendet sich noch einmal um.

Etwas zieht sie hinein. Hier war sie schon einmal. Der Flur, die Treppe nach oben, die Tür geradeaus … genau wie in dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Sogar der Kranz aus Stechapfelblättern und Vogelbeeren an der Tür sieht aus wie der, den ihre Großmutter in der Adventszeit aufgehängt hatte. Aber … das kann nicht sein. Und doch …

Buttrig und süß umfängt sie der Duft von eben aus dem Ofen geholten Plätzchen. In der Ecke vor der Treppe stecken weihnachtlich geschmückte Kiefernzweige in einer Bodenvase. Es ist September. Wer dekoriert sein Haus schon jetzt für die Weihnachtszeit?

Andrea greift nach dem Pfosten des Treppengeländers, Holz, warm, wie zu Hause. Sie lugt nach oben, von wo der Duft kommen muss. Die Glastür am oberen Treppenabsatz steht einen Spalt offen. Sie lauscht, aber da ist nichts, kein Geräusch. Alles ist still. Nur dieser Duft.

Dem Plätzchenduft folgt sie hinauf in den ersten Stock. Noch ein Weihnachtsstrauß in einer Bodenvase vor der Tür. Sie schaut nach oben: dieselbe Klappe zum Dachboden.

Mama?

Die Tür mit dem undurchschaubaren Glaseinsatz quietscht zart, als Andrea sie aufdrückt, aber sie bietet keinerlei Widerstand. Links die Tür zur Küche steht sperrangelweit offen. Andrea streckt den Kopf in den Raum, niemand da. Das Blech mit den Butterplätzchen ist zum Abkühlen halb aus dem Ofen gezogen. Auf der Arbeitsfläche entdeckt sie die Dose mit den Zuckerperlen – rosa, mintgrün, weiß – mit denen die Butterplätzchen dekoriert sind. Die Eckbank, die Schränke, das Radio auf der Anrichte, bei dem das Kassettendeck kaputt ist, der ausrangierte Vogelkäfig auf dem Besenschrank.

Was ist das hier?

Andrea friert. Statt Wärme verströmt der offene Backofen Eiseskälte, der ihre Wangen trifft wie Stecknadeln. Sie wendet sich um, die anderen Türen sind ihr vertraut in ihrer Anordnung.

Der Flur ist mit Fliesen ausgelegt, das Muster kennt sie. Ist da nicht das Geräusch von Krallen, die über den glatten Boden wetzen? Sie bleibt stehen, lauscht. Nein, da ist nichts. Aber dort, neben der Flurgarderobe, steht das Hundekörbchen, auf der Wolldecke hellbraune Haare, als habe ihr Cockerspaniel eben noch darin geschlafen.

Das muss ein schlechter Scherz sein. Wie kommen diese Zimmer hierher, in dieses Haus an diesen Ort, den sie nur im Urlaub besucht?

Zufall. Alles Zufall.

Oder nicht?

Das erste Zimmer links war ihres. Die feinen Härchen in ihrem Nacken stellen sich auf, als sie nach der Türklinke greift und sie nach unten drückt. Dieses Licht hat sie fast fünfzehn Jahre lang geatmet: Nordausrichtung, die riesige Eiche vor dem Fenster. Ihr Vater hat sich ein Arbeitszimmer hier eingerichtet, nach Andreas Auszug. Doch in diesem Zimmer ist alles so, als wäre sie noch einmal fünfzehn: die Tapete mit dem grünen Blumendruck an den Wänden, die Jugendzimmermöbel eichenfurniert mit dem Fach, in das sie ihre Tagebücher eingeschlossen hat, damals. Sie hat sie alle weggeworfen, nachdem ihre Mutter sie …

Die Erinnerung verpasst ihr einen Hieb in die Magengrube. Mit zittrigen Fingern schließt Andrea das Fach auf.

Wo bin ich?

Das gibt es doch nicht.

Drei Kladden nimmt sie aus dem Fach, blättert eine nach der anderen durch. Das ist ihre Handschrift, ihre Schrift, die damals von Schulheft zu Schulheft eine andere wurde, Tintenbuchstaben, mal aufrecht, mal rechtsgeneigt, mal linksgeneigt, je nachdem, wie sie es sich gerade von einer Mitschülerin abgeschaut hatte. Die Phase der Herzchen über den Is hat sie Gott sei Dank übersprungen. Sie folgt den mal großen, mal kleinen Buchstaben mit den Augen, wie sie von Wut erzählen, von Unsicherheit, von Träumen, von …

Andrea lauscht, schaut sich um, sucht den Flur ab, da ist niemand. Sie öffnet ihren Rucksack und stopft die Kladden hinein. Das sind ihre. Nicht noch einmal soll ein Fremder sie lesen.

Sie will das Zimmer schon verlassen, da fällt ihr Blick auf einen Gegenstand, der mitten auf der Schreibfläche liegt: ihr Plastikgespenst. Wie hat sie das vermisst. Ihre Mutter hatte alle Spielsachen an Nachbarskinder weggegeben, nachdem Andrea ausgezogen war. Das Gespenst muss dabei gewesen sein. Und jetzt liegt es hier, vor ihr. Sie kann es aufheben, sie kann es sich an den Finger stecken, wie sie es so oft in der Nacht getan hat als Kind. Wenn das Licht aus ist, dann leuchtet es, leuchtet einem Kind durch die Nacht. So gruselig das aufgemalte Gesichtchen auch wirken mag, Andrea hat sich davon immer beschützt gefühlt.

Ohne Zögern steckt sie auch das Plastikgespenst in ihren Rucksack. Ein letztes Mal schaut sie sich um. Ihre Bücher stehen in den Regalen, ihre Kleider hängen im Schrank, aber davon will sie nichts. Bevor jemand sie entdecken kann, tritt sie durch die Glastür hinaus und will nur noch eins: raus aus diesem Haus.

Auf dem oberen Treppenabsatz bleibt sie stehen, als hielte eine unsichtbare Wand sie zurück. Da stehen Stiefel, ihre dunkelroten Kinderstiefel.

Wo kommen die auf einmal her?

Sie erinnert sich noch, dass sie in einem Winter alte Wollsocken darüber tragen musste, weil sie sonst auf ihrem Weg über die vereisten Straßen zum Schulbus gestürzt wäre. Und jetzt stehen sie dort, vor ihr, zwei Stufen unter ihren Füßen, daneben die Schuhputzkiste.

Wer hat das dorthin gestellt?

Andrea lauscht, schaut sich um, lugt durch die Stäbe des Treppengeländers, da ist niemand. Da sind nur die Stiefel und das Schuhputzzeug. Und die Weihnachtsgestecke in den Vasen. Als Kind hat sie auf dieser Treppe gesessen und ihre Stiefel für den Nikolaus feingemacht am 5. Dezember. Aber es ist noch kein Advent. Bis zum Nikolaustag sind es noch drei Monate.

Ihr Blick bleibt an der Schuhputzkiste hängen.

Soll sie?

Warum nicht?

Sie hockt sich auf die Stufe neben die Stiefel und fängt an sie zu putzen. Zuerst das Schuhwachs mit der Bürste auftragen, warten, bis es eingezogen ist, dann mit der feinen Bürste polieren.

Was tut sie hier? Bildet sie sich das alles nur ein? Aber die Bücher in ihrem Rucksack sind keine Einbildung und auch nicht das Schuhwachs, an dem sie sich gerade die Finger verschmutzt. Mit einem Taschentuch aus ihrer Hosentasche wischt sie das dunkelrote Wachs ab. Sie riecht daran: genauso wie damals.

Müsste jetzt nicht …

Diesen Gedanken hätte sie nicht denken dürfen. Da sind sie. Sie spürt sie in ihrem Rücken: ihre Mutter und ihre Großmutter über ihr auf dem Treppenabsatz, einträchtig nebeneinander wie sonst nie.

Pass auf!

Sie flüstern es. Ich weiß, was jetzt kommt. Ich habe es schon unzählige Male erlebt.

Dreh dich nicht um!

Es wird noch kälter. Ich muss mich zusammenreißen, damit meine Zähne nicht anfangen zu klappern.

Schau nach unten. Du darfst dich nicht umdrehen!

Nicht umdrehen. Ich darf mich nicht umdrehen.

Noch immer halte ich in der einen Hand die Bürste, mit der anderen bin ich in den Stiefel geschlüpft. Größe 35, ziemlich eng für meine Hand. Mit dem Gedanken will ich mich ablenken, aber es gelingt nicht. Die Gewissheit, dass gleich etwas Schreckliches passieren wird, kriecht meinen Rücken hinauf in den Kopf, bleibt dort als Nebel hängen und macht, dass ich mich nicht rühren kann. Keinen Zentimeter.

Und doch: Ich muss wissen, was es ist, was da auf mich zukommt, was dieses Gefühl verursacht, diese stocksteife Angst.

Ich muss es wissen.

Nur Millimeter wende ich meinen Kopf nach hinten. Da ist es. Im Augenwinkel. Es kommt näher. Grau und schwarz und weiß, pure Abwesenheit von Farbe, ein Schatten, und dann … nichts mehr.

Was für ein irrwitziger Gedanke, denkt Andrea. Wie käme sie auf die Idee, einfach so ein fremdes Haus zu durchstöbern? Sie schüttelt sich, macht auf dem Absatz kehrt und rennt hinaus. Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss, und mit zwei Sprüngen, wobei sie jeweils eine Stufe auslässt, hat sie die Außentreppe hinter sich gebracht und den gekiesten Weg erreicht, der sie vom Grundstück hinunterführt. Kaum hat sie das Tor in der Mauer durchquert, fällt das Engegefühl von ihr ab, das ihr fast die Kehle zugeschnürt hätte. Dieser Plätzchengeruch. Sie verabscheut Plätzchen schon, seit sie ein Kind war. Und dann dieser Traum. Woher kam bloß die Erinnerung an ihren ewigen Kindertraum?

Ein letztes Mal blickt sie zurück zu dem stillen Haus. Nie wieder wird sie dort klingeln. In den nächsten Jahren wird sie sich ein anderes Ziel für ihre Wanderungen aussuchen.

Ihr Hals ist trocken. Die Sitzbank unter der Linde kommt ihr gerade recht für eine Rast. Sie zieht ihren Rucksack auf und langt hinein. Ihre Hand stößt an etwas Kantiges. Sie zieht es heraus, öffnet es: Tintenbuchstaben, mal aufrecht, mal rechtsgeneigt, mal linksgeneigt, je nachdem, wie sie es sich gerade von einer Mitschülerin abgeschaut hatte.

Ihre Andrea Gunkler

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