Hans Peter Roentgen: Vier Seiten für ein Halleluja

Einen „Schreibratgeber der etwas anderen Art“ verspricht der Autor im Untertitel zu seinem Buch. Das hält er auch. Roentgens Tipps sind für Vorgebildete, was die Lektüre von Schreibratgebern betrifft, nichts wirklich Neues. Die Darreichungsform allerdings ist besonders anschaulich.

Aus der Textwerkstatt in Kühlungsborn kennen das die Mitglieder meiner Schreibgruppe. Man nehme sich die ersten vier Seiten des Textes vor und schaue, was einen im kommenden Text erwartet. Wer ist der Protagonist? Was erfahren wir über ihn? Animiert der Text zum Weiterlesen? Die ersten vier Seiten entsprechen etwa einer Viertelstunde Lesen. Mehr Zeit gibt der ungnädige Leser einem Text nicht. Dann ist er entweder gefangen oder er legt das Buch genervt bis gelangweilt zur Seite. Zu diesen ungnädigen Lesern gehören übrigens in erster Linie Verlagslektoren und Literaturagenten.

Im Rahmen der Schreibwerkstatt haben wir anhand der vier Seiten versucht, die Hauptfigur zu charakterisieren. Roentgen zeigt an den Beispielen nicht nur dies. Er entlarvt Infodump, analysiert die Perspektive, deckt Erzählstimmen auf, enthüllt die Angst des Autors vor dem eigenen Stoff und hadert mit Rückblenden bzw. Flashbacks. Er ermuntert zu glaubwürdigem Schreiben, zeigt, was man mit unterschiedlichen „Brennweiten“ anstellen kann, fordert zu Recherche auf und zum Auslegen von Angelhaken.

Mir hat es Spaß gemacht, den Ratgeber zu lesen. Roentgen wird nie ätzend, seinem Ton entnimmt man, dass er es gut meint mit den Autoren und mit den Texten. Nie zerreißt er einen in der Luft. Statt dessen zeigt er auf, wo Potential verspielt wurde und hat so vermutlich schon so manchen auf neue Ideen gebracht. Als Leser des Ratgebers bietet diese Herangehensweise viele Aha-Effekte. Zunächst steht da ein Auszug aus den vier Seiten, dann folgt die Kritik des Lektors. Indem man zuerst den Text durchgängig liest, bekommt man ein Gefühl dafür – und für seine Schwachstellen. Er hat Beispiele ausgewählt, an denen Anfängerfehler besonders deutlich werden und er erläutert, warum es dem Leser an einer bestimmten Stelle langweilig wird, zum Beispiel weil der Autor durch eine Rückblende den Handlungsverlauf unterbricht.

Am Schluss des Buches schreibt er über den Umgang mit Kritik und wie ein Autor seine Testleser so einsetzen kann, dass sie ihm von großem Nutzen sind. Was hat dir gefallen? Was hat dir nicht gefallen? Wie siehst du Figur A? Was hast du nicht verstanden? Dieses Kapitelchen hätte für meinen Bedarf üppiger ausfallen dürfen. Außerdem findet man Links zu Autorenforen, Schriftstellerwerkstätten und einigen Zeitschriften im Internet sowie ein kurzes Lexikon der Fachbegriffe. Die Links funktionieren teilweise nicht mehr, obwohl das Buch noch relativ neu ist. So schnell ist die Internetwelt.

Fazit: Lesenswert. Unterhaltsam. Lehrreich.

Hans Peter Roentgen
Vier Seiten für ein Halleluja

Fischbachtal : Sieben-Verlag. 4. Aufl. 2008. 146 S.
Taschenbuch, 12,90 €

Vernetzt – Teil 1: Büchercommunities und Textkritik

Das Internet wimmelt nur so von Plattformen, auf denen sich Bücherliebhaber zusammenfinden. Weil sie sich über Leseerfahrungen austauschen wollen oder weil sie Informationen zum Literaturbetrieb suchen. Ein paar davon möchte ich hier vorstellen. Im „Uschtrin-Handbuch“ fehlen sie noch. Die neueren Plattformen nutzen die Möglichkeiten des Social Webs, andere sind schon etwas betagt und setzen auf Forentechnologie. Informativ sind sie alle. Und manche davon bieten zusätzlich die Möglichkeit, eigene Texte vorzustellen und durch die Mitglieder der Community beurteilen zu lassen.

Reine Literaturcommunities

LovelyBooks

http://www.lovelybooks.de/

LovelyBooks ist ein Forum für Leser. Hier treffen sie sich und stellen den zuletzt gelesenen Schmöker vor, sie chatten miteinander und finden sich in Gruppen zusammen, nach regionalen oder Genre-Gesichtspunkten. Man findet Termine von Lesungen, bekannte Autoren wie Sybille Berg, Milena Moser oder Sebastian Fitzek werden portraitiert und man kann ihnen Fragen stellen.
Hinter LovelyBooks steht der Holtzbrinck-Ableger „aboutbooks“. Holtzbrinck selbst ist im Social Web mit StudiVZ etc. erfolgreich. Das Web-2.0-Knowhow springt einen förmlich an. Alle Neuigkeiten auf lovelybooks finden sich auch bei Twitter und Facebook, außerdem betreiben Mitarbeiter und weitere Büchermenschen ein Weblog.

Ich mach was mit Büchern

http://wasmitbuechern.de/

Initiator Leander Wattig hatte die Idee, Menschen zusammenzubringen, die etwas mit Büchern machen. Ob das nun Buchhändler sind oder Bibliothekare, Autoren oder Lektoren, Leser oder Verleger. Ziel ist es, die gesamte Branche einander näher zu bringen. Büchermenschen stellen sich in Interviews vor oder schreiben Beiträge zu ihren Themen. Zu allen Aspekten des Literaturbetriebs findet man Namen und Adressen. Jeder kann mitmachen und sich entweder selbst vorstellen oder Informationen ergänzen. Und natürlich findet man „Ich mach was mit Büchern“ auch bei Twitter und Facebook und anderen Communities.

Mischformen

Literatur-Community

http://www.literatur-community.de/

Das Forum nimmt für sich in Anspruch, der „zentrale und aktuelle Treffpunkt für Bücherdiskussionen und Informationsbeschaffung literarischer Art“ zu sein. Hier diskutieren die Mitglieder über die zuletzt gelesenen Bücher, E-Books und ihre Leseerfahrungen. Einzige Web-2.0-Komponente ist die Anbindung ans Social Web via Twitter und Facebook.

Autoren bietet es die Möglichkeit, eigene Texte einzustellen und der allgemeinen Kritik auszusetzen. Und die fällt durchaus konstruktiv aus. Die im Autorenbereich Lesenden und Schreibenden nehmen das wirklich ernst.

quillp

http://www.quillp.com/

quillp führt Leute mit ähnlichen Leseinteressen zusammen. Hauptbestandteil der Plattform ist die eigene Bibliothek, die ein Nutzer anlegt. Die Bücher, die er liest oder im Regal stehen hat, lassen sich durch wenige Mausklicks in die eigene Bibliothek einfügen und bewerten. Rezensionen von amazon und eigene reichern die Bibliothek inhaltlich an. Wer ein ähnliches Leseprofil hat, wird einem als möglicher „Freund“ vorgeschlagen, mit dem man sich austauschen kann. Ein Weblog sowie Twitter verbinden quillp mit der Web-2.0-Welt. Ein Magazin informiert über neue Strömungen im Literaturbetrieb und stellt Texte von Lesern vor.

Das ist das zweite Standbein von quillp: Mitglieder können eigene Texte einstellen und so einen neuen Leserkreis finden. Die Idee dahinter ist, dass viele Talente unentdeckt bleiben, weil Verlage ihre Fahrwasser selten verlassen und keine Risiken eingehen wollen. quillp will Autoren eine Plattform bieten, ihre Werke dennoch an die Öffentlichkeit zu bringen, ohne einen Zuschussverlag oder Ähnliches einzuschalten. Als Nebeneffekt könnten Verlage hier auf neue Talente aufmerksam werden, so der eigene Anspruch der Plattformbetreiber. Mag sein, ein dort eingestelltes Buch fand ich auch bei amazon. Doch auf konstruktive Kritik der anderen Teilnehmer darf man nicht hoffen. Hier geht es mehr um Selbstdarstellung.

BookRix

http://www.bookrix.de/

Gleiches gilt für BookRix. Hier kann jeder seinen Text einstellen und als E-Book zum direkten Lesen oder Download anbieten, was mich als Anhänger des mobilen Lesens an sich begeistert. Die Qualität der Texte ist naturgemäß durchwachsen. Und im Forum herrschte eher Hauen und Stechen als friedliches und harmonisches Miteinander, so jedenfalls mein Eindruck. (Offensichtlich hat man im Forum gründlich aufgeräumt!). Konstruktive Kritik ist eher nicht zu erwarten. Schimpfen darf ich über die Plattform freilich nicht, hat mir der dort ausgeschriebene Krimi-Wettbewerb „Der Mörder geht ins Netz“ in diesem Jahr doch meine erste Veröffentlichung eingebracht.

Eine Literaturcommunity mit regem Austausch über Gelesenes und den Büchermarkt ist BookRix nur in zweiter Linie. Erst in letzter Zeit kann man sich eine eigene Bibliothek anlegen und so den anderen Mitgliedern seine Lektürevorlieben preisgeben. BookRix besitzt ebenfalls ein Weblog und ist bei Twitter und Facebook vertreten.

Xinxii

http://www.xinxii.com/

Diese Plattform passt hier nicht richtig hinein, deshalb erwähne ich sie nur am Rande. Sie ermöglicht Autoren den direkten Vertrieb ihrer Texte. Ohne Lektorat, versteht sich. Weshalb auch die Qualität stark schwankt. Vom Bestseller über ein Leben ohne Alkohol – der dank Xinxii inzwischen einen Verlag gefunden hat und im Buchhandel erhältlich ist – bis hin zu Strickmustern und Dokumentvorlagen findet sich allerhand. Und wie es sich für ein Web-2.0-Plattform gebührt, findet man Xinxii auch bei Twitter und Facebook. Pluspunkt auf dieser Seite: Es gibt reichlich Informationen zur Selbstvermarktung im Social Web für Autoren.

Was für ein Typ!

Es sind nicht immer die in der Bücherkiste einsortierten Titel, die Hinweise für das eigene Schreiben bereithalten. Diesmal habe ich Interessantes im Regal Persönlichkeitsentwicklung der Buchhandlung meines Vertrauens gefunden. Mal davon abgesehen, dass ein Schreibratgeber ohnehin den Gang ans Ratgeberregal in der Buchhandlung empfiehlt, wenn man Anregeungen zu seinen Figuren braucht. Hier stimmt die Empfehlung eindeutig, weil das Buch, das ich aus ganz anderem Anlass lese, explizit eine Typologie enthält.

Zur Beschreibung verschiedener Persönlichkeitstypen benutzt die Autorin das sog. Enneagramm. Der Neunstern als Symbol wird zwar auch in der Esoterik verwendet, bezeichnet hier aber eine spezielle Typologie, die ihre Wurzeln in jahrtausendealten Kulturen hat. Die Wikipedia ist dazu nicht sehr ergiebig.

Im Folgenden liste ich die neun Typen mit ihren typischen Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften auf.

Typ 1: Die Perfektionisten

Kategorisch sein, Ernsthaftigkeit, Perfektion, Innerer Gerichtssaal, Fehler vermeiden, richtig und falsch, Schuld(-gefühle), Kritisieren, Gewissen, Selbstbeherrschung, hohe Ansprüche, Selbstbestimmung, Moral, Struktur, sich anstrengen, Empfindlichkeit, Verlässlichkeit, Rationalität, Toleranz, Verantwortung, Verbessern, Regeln, Prinzipien, Berechenbarkeit, die Wahrheit sagen, Integrität, Vorwürfe, Unbestechlichkeit, unterdrückter Zorn, Strenge

Typ 2: Die Helfer

Mitleid, Schutzengel, Mitgefühl, Unterstützung, Abhängigkeit, Anteilnahme, sich kümmern, schmeicheln, Aufmerksamkeit, Freundlichkeit, Charme, sich zurücknehmen, nachgeben können, Personenorientierung, Hingabe, eigene Bedürfnisse nicht wahrnehmen, Manipulation, Begeisterungsfähigkeit, Freundschaft, Wärme, Kummerkasten, gebraucht werden, Hilfsbereitschaft, einsichtig sein, Einfühlungsvermögen, Fürsorge, Dienstleistung, Hochmut, nachgeben, Nähe

Typ 3: Die Dynamiker

Gewinnen, Anerkennung, Chamäleon, Taktik, Tempo, Ehrgeiz, Dominanz, Effizienz, Ungeduld, Leistung, Hauptsache, es funktioniert, sich nicht mit negativen Gefühlen aufhalten, immer aktiv sein, immer gut aussehen, Lüge, Fassade, Image, Erfolg, Optimismus, Konkurrenz, Applaus, Eitelkeit, Prestige, Pragmatismus, Tatkraft, Zielorientierung, Rolle, Generalistentum, Harmoniebedürfnis

Typ 4: Die Künstler

Schönheit, gerettet werden wollen, Abneigung gegen Regeln, guter Geschmack, Individualität, Sensibilität, Launenhaftigkeit, Ferne, Intuition, komm her/geh weg, träumen, Romantik, Rätsel, Schmerz, Sehnsucht, Exzentrik, anders sein, Exklusivität, Einsamkeit, Fantasie, Kunst, Kreativität, Neid, Inspiration, Introversion, sich Gefühlen hingeben, Selbstverwirklichung, Luxus, Originalität, Melancholie

Typ 5: Die Beobachter

Gründlichkeit, Isolation, Genügsamkeit, analysieren, beobachten, Gleich-Gültigkeit, Reaktionsverzögerung, Geiz, Privatsphäre, in die Tiefe gehen, Zurückhaltung, Welt der Bücher, Ruhebedürfnis, sammeln, Objektivität, Respekt, zuhören, Klugkeit, Überflutung, denken statt handeln, die Weltformel finden, Theorie, Weisheit, Systematik, durchdringen, Distanz, Unerreichbarkeit, verstehen, erkennen, Experte

Typ 6: Die Loyalen

Zwiespalt gegenüber Autorität, Vorsorge, Konvention, Loyalität, Sinn für das Praktische, Verlässlichkeit, Vorsicht, Kooperation, Angst, Überlastung, Skepsis, Suche nach Sicherheit, Anpassungsbereitschaft, Belastbarkeit, Ambivalenz, Traditionsbewusstsein, Mut, Sorge, Treue, Verantwortung, Bescheidenheit, Humor, Engagement, Krisen meistern, Projektion, Vertrauen, Planung, Durchhaltevermögen, Misstrauen

Typ 7: Die Genießer

Spontaneität, Umherschweifen, Einfallsreichtum, Alleskönner, Feste feiern, Lockerheit, Impulsivität, Vielseitigkeit, positiv denken, Zukunft, Zerstreuung, Fülle, in Eile sein, möglichst viele Wahlmöglichkeiten, Verschwendung, (Über-)Aktivität, Oberflächlichkeit, Neugierde, genießen, Enthusiasmus, Spiel, Optimismus, Maßlosigkeit, Stimulation, Spiel, Leichtsinn, Getriebenheit, Ablenkung, Rigidität, Schmerzvermeidung, Witz

Typ 8: Die Bosse

Abenteuer, Charisma, Macht, Mut, Aggressivität, Energie, Gerechtigkeit, Exzess, Freiheit, Großzügigkeit, Disziplin, Autonomie, mein Clan, Herausforderung, Führung, Kraft, harte Arbeit, Willenskraft, Konfrontation, Grenzen überschreiten, Radikalität, Risiko, Sieg, Zerstörung, Ordnung, Wucht, schwarz-weiß, Rache, Wagnis, Unbeirrbarkeit

Typ 9: Die Vermittler

Unaufgeregtheit, Ausgeglichenheit, Übereinstimmung, unparteiisch sein, Unentschlossenheit, Stabilität, in sich ruhen, sich verzetteln, Bescheidenheit, Freundlichkeit, Diplomatie, Sturheit, Fleiß, Konfliktvermeidung, Fairness, sowohl/als auch, Harmonie, Bequemlichkeit, Zurückhaltung, Geduld, Gutmütigkeit, Friedfertigkeit, Teamgeist, Passivität, Zufriedenheit, sich raushalten, vermitteln, Probleme tiefer hängen, Zuversicht, Beharrlichkeit

Niemand ist nie nur eines dieser Charakterisierungen. In verschiedenen Lebensphasen zeigt der Mensch Aspekte eines anderen Typus. Das wird durch die Linien im Enneagramm symbolisiert. Gerät zum Beispiel ein „Künstler“ unter Stress, wandelt er sich zum „Helfer“ (Desintegrations- oder Stressrichtung, Pfeile weg vom Typus). In ruhigen Zeiten hingegen tendiert er eher zum „Perfektionisten“ (Integrations- oder Wachstumsrichtung, Pfeile hin zum Typus). Das soll die folgende Grafik verdeutlichen:

Wenn sich daraus nicht spannende Figuren für fiktive Texte zaubern lassen?

Begegnet ist mir diese Typologie in einem Buch über „Ausreden“. Übrigens ein Phänomen, mit dem sich auch der eine oder andere Schreiber herumschlägt, wie Pia Helfferich in ihrem Artikel „Die Kunst der Arbeitsverweigerung: Das Schreiben verzögern“ eindrucksvoll schildert. Und ich dachte, das ginge nur mir so!

Literatur:
– Die neun Typen im Enneagramm: Neun mal Ego, neun Mal rechthaben. Kapitel 15 in: Brigitte Roser: Das Ende der Ausreden. – München : Diana-Verlag, 2010. S. 159 – 198. Taschenbuchausgabe, 8,95 €
– Pia Helfferich: Die Kunst der Arbeitsverweigerung: Das Schreiben verzögern. In: The Tempest – Newsletter rund ums Schreiben. Ausgabe 12-05, Mai 2010 (ab Juni online verfügbar)

Ein starkes Team

Zwei Mitglieder meiner Schreibgruppe verfassen gerade in Gemeinschaftsarbeit einen Roman. Sie treffen sich, um über die Figuren zu diskutieren, sie schicken neue Texte per E-Mail hin und her. Alles gut und schön. Doch ließe sich das gemeinsame Arbeiten an Texten, Schauplätzen und Figuren nicht vereinfachen? Die heutige Netzwelt bietet dazu eine Menge Möglichkeiten. Und nach ein paar Wochen mit einer Autorensoftware kam mir eine Idee. Warum nicht diese in Kombination mit einer Synchronisierungssoftware nutzen, um alle Projektbeteiligten auf dem neuesten Stand zu halten? Also dachte ich mir:

Autorensoftware + Datensynchronisierung = yWriter5 + Dropbox

Natürlich gibt es andere Autorensoftware als diese und einer der beiden Beteiligten am Gemeinschaftsprojekt benutzt „Writer’s Café“, soweit ich weiß. Doch mag nicht jeder bereit sein, Geld auszugeben, also möchte ich hier die kostenlose Variante beschreiben. Links zu den verschiedenen Programmen stehen am Ende dieses Textes.

yWriter5

Die kostenlose Autorensoftware ist ein kleines, überaus nützliches Programm für jede Art von Schreiben, ob nun fiktiv oder nicht. Man startet damit, ein „Projekt“ anzulegen. Innerhalb des Projekts verwaltet man auf eigenen „Karteikarten“ Schauplätze, Figuren, Notizen für das gesamte Projekt, Szenen etc.

Innerhalb des Projekts beginnt man zunächst mit den Kapiteln, denen man mehrere Szenen zuordnet. Der Fokus des Programms liegt auf dieser Gliederungsebene eines Textes. Eine Szene bedeutet einen Sinnzusammenhang und meist braucht man dafür nur einen bestimmten Kreis von Personen, Gegenständen und Schauplätzen. Man kann es auch bei einem Kapitel belassen und nur Szenen benutzen.

Beim Erstellen eines Projekts hat es sich als praktisch erwiesen, zuerst die Figuren, Schauplätze und Gegenstände anzulegen, damit man sie beim Gliedern des Textes durch Kapitel und Szenen gleich zur Hand hat.

  • Kapitel
    Ein neues Kapitel besteht aus einem Titel und einer Beschreibung. Die Titel der darin enthaltenen Szenen werden auf einer zweiten Karteikarte aufgelistet, ggf. mit Inhaltsangabe, sofern vorhanden.
  • Figuren
    Für jede Figur legt man fest, ob sie Haupt- oder Nebenfigur ist, beschreibt sie, fügt ein Foto von ihr ein und schreibt eine Biographie. Selbst die Ziele der Figur lassen sich unter einem eigenen „Reiter“ ablegen, so dass man sie schnell parat hat.
    Ist man erst einmal am Schreiben, erhält man die Figurenbeschreibung immer dann, wenn man den Namen im Text markiert und doppelklickt. Unpraktisch, wenn man den Namen durch ein Personalpronomen ersetzen will, praktisch, wenn man auf die Schnelle eine Information zur Figur braucht. Alias-Namen für die Figuren machen es möglich, per Doppelklick aus dem Text heraus für alle möglichen Namensformen die richtigen Informationen aufzurufen.
  • Schauplätze
    Dasselbe, nicht ganz so umfänglich, gilt für Schauplätze. Es gibt einen Reiter für Beschreibungen, in einem zweiten kann man ein Foto hinterlegen. Praktisch, um sich beim Schreiben immer wieder Inspiration zu holen.
  • Gegenstände
    Spielen in der Geschichte bestimmte Gegenstände eine Rolle, können Beschreibungen und Fotos dazu in eigenen Datenblättern abgelegt werden.
  • Szenen
    Die Szene ist das Herzstück von yWriter. Deshalb ist das Datenblatt dafür sehr umfangreich. Figuren, Schauplätze und Gegenstände werden auf speziell dafür eingerichteten Reitern per Drag&Drop der Szene zugeordnet.
    Auf dem ersten Reiter des Szenenblatts erhält die Szene ihren Titel und man wählt die Perspektivfigur(en) aus. Hier ist auch Platz für eine Inhaltsbeschreibung – und auf diesem Reiter schreibt man.
    Auf dem zweiten Reiter werden Details abgelegt: Haupt- oder Nebenstrang, zeitlicher Umfang der Szene, wie relevant ist sie, beinhaltet sie Aktion oder Reaktion und in welchem Bearbeitungsstatus befindet sie sich (Entwurf, Überarbeitung).
    Dann gibt es noch einen Reiter für Notizen zur Szene.
    Im Szenenblatt unter dem Reiter „Inhalt“ schreibt man auch. Schriftart und Größe, Formatierungen sind frei wählbar. Alle hier eingefügten Wörter bzw. Zeichen werden gezählt und in einer RTF-Datei gespeichert. Der Szenenliste ist beides zu entnehmen.

In der Szenenübersicht bekommt man all diese Reiter unten auf der Seite für die markierte Szene angezeigt. Findet sich links neben der Bezeichnung des Reiters ein Symbol, ist eine entsprechende Information hinterlegt. Hier gibt es zusätzlich den Reiter „Ziele“. Dieser Tab erweist sich besonders hilfreich dann, wenn man überlegt, ob man eine Szene überhaupt braucht. Das Beantworten dieser drei Fragen „Was ist das Ziel der Szene?“, „Welcher Konflikt wird dargestellt?“, „Was kommt am Ende heraus?“ kann man sich gar nicht zu leicht machen. Kommt nichts heraus, kann man die Szene eigentlich vergessen. Es sei denn, sie erfüllt einen bestimmten Zweck.

Neben den reinen Schreib- und Notizfunktionen bietet das Programm noch allerhand mehr:

  • Import
    Bereits mit anderen Textverarbeitungsprogrammen geschriebene Texte lassen sich importieren, wenn sie im RTF-Format vorliegen. Das können ganze Arbeiten sein oder einzelne Texte, die man in ein neues oder bestehendes Projekt einfügen will.
  • Export
    Alle Texte in den Inhaltsfeldern einer Szene lassen sich als RTF- oder HTML-Datei exportieren. Im „Umriss“ werden nur die Szenenüberschriften als txt-Datei exportiert, wählt man die Szenenbeschreibungen für den Export, entsteht ein herrliches Treatment.
    (Mein Wunsch an den Entwickler: epub-Export. Das fehlt mir zum ganz großen Glück. Einen epub-Reader hat er programmiert, warum nicht die Ausgabe in yWriter integrieren?)
  • Arbeit planen
    Verschiedene Tools ermöglichen es, einen Arbeitsplan zu erstellen. Wer Abgabetermine einhalten muss, dem mögen diese Tools nützlich erscheinen.
  • Suchen/Ersetzen
    Ein globales Suchen+Ersetzen ermöglicht das Austauschen von Namen im Text, falls man sich mit der Benennung einer Figur doch getäuscht hat. Auf die Szenenbeschreibungen allerdings wirkt sich das nicht aus, soweit ich festgestellt habe.
  • Werkzeuge
    Storyboard, Worthäufigkeit, Szenenbewertungen können angezeigt werden und man kann selbst festlegen, welche Schriftart und -größe die Arbeitsoberfläche haben soll.

Wie erwähnt, ist die Software kostenlos. Der Autor freut sich allerdings über ein Geschenk.

Dropbox

Zum Synchronisierungstool Dropbox mit seinem kostenlosen Netzspeicherplatz habe ich hier im Weblog bereits etwas geschrieben. Deshalb möchte ich auf Wiederholung verzichten.

Vorausgesetzt, man besitzt die Autorensoftware und hat einen Dropbox-Account angelegt, braucht man eigentlich nur noch diese Schritte zu unternehmen:

  • das yWriter-Projekt auf dem eigenen Rechner im Ordner „My Dropbox“ abspeichern
  • den Projektordner in Dropbox für den Projektpartner (ebenfalls mit Dropbox-Account) freigeben (im Windows-Explorer den Projektordner mit der rechten Maustaste anklicken, im Kontextmenü „Dropbox“ wählen und „Share this“ anklicken)

Stellt der Partner mit Dropbox beim nächsten Mal eine Internetverbindung her, wird der Projektordner automatisch auf seinen Rechner heruntergeladen. Dann haben beide Beteiligte Zugriff auf den jeweils letzten Stand der Arbeiten.

Natürlich wird man sich über die Art der Änderungen, vor allem an Figuren und/oder Schauplätzen, auch noch auf den konventionellen Wegen verständigen. Mit dieser Verfahrensweise ist jedoch ausgeschlossen, dass einer an einem alten Textstand arbeitet, weil er eine Änderung nicht mitbekommen hat. Besteht eine Internetverbindung, sorgt Dropbox dafür, dass geänderte Dateien auf dem Rechner aktualisiert werden. Und das gilt dann auch für neue Texte und veränderte Figurenbeschreibungen in einem yWriter-Projekt.

Ich habe bisher nicht ausprobiert, ob es Konflikte gibt, wenn mehrere Beteiligte zugleich an einem Projekt arbeiten. Vermutlich wird man aber nicht gleichzeitig an ein und derselben Szene schreiben.

Fehlen nur noch die Links:

Kooperatives Arbeiten ohne die Vorteile einer Autorensoftware böte außerdem Google waves. Wer eine Einladung dazu möchte, hinterlasse mir bitte seine E-Mail im Kommentarfeld zu diesem Artikel. In der Welle kann man sogar in Echtzeit verfolgen, wenn der Projektpartner etwas schreibt. Wie gesagt: Die schönen Funktionen einer Autorensoftware fehlen.

Viel Spaß! Und natürlich viel Erfolg!

Sandra Uschtrin: Handbuch für Autorinnen und Autoren

Druckfrisch kam heute das neue „Handbuch für Autorinnen und Autoren“ aus dem Uschtrin-Verlag ins Haus. Die 7. Auflage (Erscheinungstermin 27. Mai 2010) wurde vollständig überarbeitet und erheblich erweitert. Herausgegeben haben es Sandra Uschtrin (bekannt durch die gleichnamige Webseite www.uschtrin.de) und Heribert Hinrichs. Es enthält eine Unzahl von Adressen und Internetlinks rund um den Literaturbetrieb und eine riesige Anzahl nützlicher Tipps für alle, die schreiben und veröffentlichen (wollen) und spart dabei keine Sparte aus. Es geht um:

  • Verlage und Genres
  • Alternative Vermarktungsmöglichkeiten
  • Heftromane und wie man sie verkauft
  • Literaturzeitschriften
  • Literaturagenturen
  • Schreiben fürs Theater
  • Hörspiele schreiben und produzieren
  • Drehbuchschreiben
  • Kontaktaufnahme, Anschreiben, Exposé (13 Beispiele mit Anmerkungen der Lektoren, die sich von den Exposés beeindrucken ließen), Textprobe/Manuskript
  • Aus- und Fortbildung für Schriftstellter/innen
  • Geld verdienen mit literarischen Dienstleistungen
  • Marketing
  • Recht und Soziales
  • Literarische Einrichtungen
  • Übersetzen

Angesprochen werden alle schriftstellerischen Fachrichtungen, ob man nun Belletristik verfasst, Kinder- und Jugendbücher schreibt oder Biographien.

Es gibt Stimmen aus dem aktiven Literaturbetrieb von Verlegern, Agenten, Schreibcoaches etc. sowie von Fachleuten aus Funk, Theater, Film und Fernsehen, die entweder in Form von Beiträgen aus ihrem Fach berichten oder Interviews gegeben haben. Manche haben Fragebögen ausgefüllt, um zum Beispiel die Frage zu beantworten, ob es sich lohnt, eigene Schreibkurse anzubieten. In diesen Beiträgen erhalten Schreibende wertvolle Tipps für ihre Arbeit. Darüber hinaus enthält das Buch einen Schreibkurs: „Gut und verständlich schreiben in zehn einfachen Schritten“.

Im redaktionellen Teil zu den einzelnen Kapiteln findet man, nach Genres geordnet, Namen und Internetadressen von deutschsprachigen Verlagen, Literaturzeitschriften, Agenturen etc. Den Literaturzeitschriften wird besonderer Raum gewidmet: Auf über 50 Seiten kann man sich ausführlich über deren Profile informieren. Außerdem gibt es zahlreiche Literaturhinweise, Musterverträge, Honorarempfehlungen und vieles, vieles mehr.

Das Handbuch beeindruckt durch Aufmachung und Vielfalt der Themen. Die Ratschläge und Hinweis sind praxisnah und leicht verständlich. Es scheint auch kaum etwas zu fehlen, soweit ich das beurteilen kann. Im Abschnitt über die Selbstvermarktung könnte vielleicht noch die eine oder andere Internetplattform stehen, z. B. BookRix oder XinXii, wobei diese Plattformen dem E-Book-Kontext zuzurechnen sind, der im Handbuch noch relativ kurz abgehandelt wird. Wer weiß, das könnte sich in einer nächsten Ausgabe schon ändern.

Punktabzug bringt jedoch die Gestaltung des Textes. Zwar hat man eine führende Firma in Sachen Typographie und Gestaltung hinzugezogen, doch allzu lesefreundlich ist das Ergebnis für meinen Geschmack nicht ausgefallen. Im Inhaltsverzeichnis zum Beispiel wird eine graue Schrift verwendet, die beim Lesen der zweiten Zeile eines Eintrags alle Konzentration erfordert. Die serifenlose schmale Schrift des Fließtextes sieht zwar sehr elegant aus, fördert aber ebenfalls nicht die Lesbarkeit. In den Kapiteln 10 bis 13 befinden sich auf einer Seite zuweilen zwei verschiedene Texte: Der Haupttext füllt die obere Hälfte einer Seite, ein Interview oder Gastbeitrag den grau unterlegten unteren Teil der Seite. Das erfordert viel Hin- und Herblättern und wäre meines Erachtens nicht nötig gewesen.

Insgesamt ist das Handbuch sehr zu empfehlen, auch unter dem Aspekt, dass es den Blick für andere Genres öffnet, mit denen man sich als Schreibende/r bisher noch gar nicht beschäftigt hat. Warum es also nicht einmal mit einem Theaterstück versuchen?

Handbuch für Autorinnen und Autoren
hrsg. von Sandra Uschtrin und Herbert Hinrichs

München : Uschtrin Verlag, 2010
Gebundene Ausgabe: 49,90 €
Bestellen via Uschtrin-Webseite