Stille

Stille Fotografie

(c) Andrea Gunkler 2016

50° 48′ 27“ N, 9° 32′ 59“ O

Süden

Der Wirtschaftsweg führt geradeaus, folgt dem Weihersbach talabwärts, Grasbüschel durchstoßen die Asphaltdecke. Links Straßenrandbewuchs mit Gräsern und Brennnesseln, darin versteckt ein Stacheldrahtzaun zur Talwiese. Rechts ein Flutgraben, darüber ansteigend die Wiese hinter einem Stacheldrahtzaun, davor Brennnesseln, Gräser und ein Holunderstrauch. „Stille“ weiterlesen

Recherchieren: Frisiersalon

Schaufenster eines Frisiersalons

Bad Hersfeld, ein Frisiersalon, 9.6.16, 12:20 – 12:40 Uhr

8 Spiegel in der Reihe, vor allen sitzen Kunden. 2 lesen mit Einwirkzeug auf dem Kopf. 6 werden behandelt: gestutzt, geschnippelt, gepinselt, gekämmt, rasiert – akkurat, freehand.
… Aruba … darunter hätte ich mir was anderes vorgestellt … lange Flugzeit … eine Insel jetzt … es gibt bestimmt schönere Inseln.
2 Friseurinnen auf Rollhockern, die anderen stehen.
Chlorgeruch, darüber Schampooparfum. Der Föhn scheucht Haarkringel über den Kunststoffholzboden. Husten über dem saloneigenen Kaffee.
Bisschen Gel rein oder lieber Spray? Spray?
Ein Kurzhaarschneider summt. Musik dudelt aus Deckenlautsprechern. Pop. Kabel klappern gegen den Frisiertisch.
Machen wir’s lieber gerade. Ich hab gedacht. Ist schon eine Weile her, der Schnitt. Machen wir einen Sommerschnitt.
Husten. Föhn dröhnt. Friseurinnen rufen sich etwas zu.
Scheitel sein, oder? … kein ganz so strenger Scheitel sein, oder?
Eine Fliege sucht Verwertbares.
Nach vier Wochen ist da kein Schnitt mehr drin. Zu hoch? Runter fällt’s von alleine … wo man immer rumwuscheln kann.
Gummibesen für die Haarkringel. Spritzen aus einer Wasserkugel. I’m on top of the world. Schnipp. Pinkfarbene Haarklammern wie für die Frisuren von Riesenkindern. Zeitung lesen. Illustrierte blättern.
Hab ich bisher immer selber gemacht. Ich schneid Ihnen das raus. Acht Euro siebenundzwanzig … aussieht … genau. Soll ich mal ein Glas Wasser holen? Das ist nicht normal. Das müssen Sie mal durchchecken lassen. Und jetzt kommt die Sonne raus und dann wieder Gewitter. Wie gestern. In zwei Wochen haben wir Besprechung. Aber geht auch so.
Haarspray stäubt. Tür klappert. Klaviermusik aus den Lautsprechern, immer noch Pop. Ein LKW draußen übertönt alles. Föhn föhnt, Kundin macht es sich selbst. Martinshorn. Kurzhaarschneider summt.
Ich warte nur.
Ein neunter Spiegel hinter dem Schrank. Lachen.
Tschühüs. Schönen Donnerstag. Und, ist es ok? Was machen wir denn rein? Packung oder Spülung?
Männerstimme kämpft gegen Föhn. Waschbeckengelenk ächzt. Noch ein Martinshorn.
Bisschen Haarfestiger oder nicht?

Webcam/Porträt: City Galerie III

City Galerie Lichthof

Porträt: Die ehrgeizige Mutter

(1) setzt ihr Baby in einen Metallkorb mit Lochrand für ein Foto im Stil von Anne Geddes.
(2) nimmt ihr weinendes Kind auf den/in den Arm und redet auf es ein: tröstet/muntert auf/schimpft/fordert.
(3) kleidet ihr Kind in der Öffentlichkeit um.
(4) zupft am Kleid, steckt das Hemd in die Hose, rückt die Kappe zurecht, bindet das Mützchen oder die Haarschleife, schiebt und dreht und wendet das Kind.
(5) fragt wieder und wieder bei der Fotografin nach, wann die vorige Kundschaft endlich fertig und sie an der Reihe ist.
(6) bittet um Wiederholung, weil das mit verheulten Augen keine schöne Fotos geben kann, das muss die Fotografin doch einsehen.
(7) macht dem Kind das Trommeln/Pferdchenschaukeln/Plüschtierliebhaben vor.
(8) schiebt das Kind nach dem Tränentrocknen auf die Bühne zurück.

Webcam: Bad Hersfeld, City Galerie, Freitag, 20.5.2016, Anfang: 15:28, Ende: 15:59

Sitze vorm Café, Blickrichtung Lichthof, Säule vor mir und die vier Cafétische auf der Freifläche vor dem TiTo-Gang und den Bekleidungsgeschäften. An einem der Tische eine Grauhaarige mit blauem Stoffbeutel auf dem Stuhl neben ihr, in meine Richtung schaut ein jüngerer Mann mit orangerotem Hoodie, der schon das dritte Päckchen Zucker in seine Tasse schüttet.
Rechts von mir, zwei runde Tische weiter, eine Gruppe von vier Frauen, eine mit durchdringender Lache und eine im Rollstuhl.
Links im Lichthof, an der Rossmann-Wand, eine Bühne, ein Baby posiert für eine Fotografin in knielanger Strickjacke, blau-weißes Rautenmuster.
„Nadine, nicht so viel Wasser trinken … musst du zur Toilette.“
„Schau mal, die hält sich automatisch fest, Wahnsinn.“
Die Frauen am Tisch beobachten die Fotosession.
„Weidenkörbchen auf dem Feld.“
Das Baby hockt in einem Metallkorb mit Durchbruchmuster am oberen Rand.
„Ist bestimmt nicht so einfach. Echt nicht. Auch nicht bei euch?“
Die Kleine hält es im Metallkorb nicht aus, greint, will auf den Arm der Mutter, eine Dicke in Jeans und schwarzem Pullover. Auf und neben dem Podest allerhand Spielzeug und Plüschtiere. Die Fotografin setzt ein Nilpferd – oder ist es eine Kuh – mit rosa Schnauze auf die Bühne und das Baby darauf. Scheinwerfer mit viereckigen Schirmen rechts und links. Eine Frau mit roter Lederjacke und roter Jeans kommt von der Seite, nimmt das Plüschtier wieder weg.
„Guck, guck.“
Die Fotografin singt, klatscht auf die Bühne, sucht die Aufmerksamkeit des Kleinkinds, das mit seinen Händchen auf Bongos patscht.
Die Dicke nimmt das Kind hoch, die Rotlederne zieht dem Mädchen das schwarzweißgeblümte Kleidchen aus und etwas anderes an, rosafarbenes Hängerchen und blaue Leggings. Die Fotografin spricht derweil mit einer anderen Frau. Die Rotjacke setzt dem Kind, das Jana heißt, einen rosafarbenen Hut auf. Jana will den Hut nicht, rupft ihn sich vom Kopf. Die Kleine quietscht. Blitzlicht zuckt. Die Fotografin tätschelt der Kleinen die Hand. Die Dicke lässt ein Tamburin rasseln, schnippt mit den Fingern der Fotografin über die Schulter, will den Blick der Kleinen lenken.
Im Lichthof wartet neben einem Buggy eine Blonde mit pinkfarbenen Schuhen, Blümchenleggings, pinkfarbenem Top mit Spitze unten und kurzer Jeansjacke darüber. Die Arme verschränkt, beißt sich auf die Lippen, schaut sich um, schiebt den Buggy vor und zurück.
Das Tamburin rasselt, die Kleine weint.
Die Pinkbeschuhte bekommt Gesellschaft von einer Dunkelhaarigen mit einem Jungen, Jeanshose und Jeanscap.
Jana greint über den Schnuller in ihrem Mund hinweg auf dem Arm der Dicken. Die Fotografin schaut von ihrem Hocker hoch und kitzelt dem Kind den Fuß. Die Rotbejackte streckt der Kleinen einen pinkfarbenen Trinkbecher hin. Die Fotografin spricht mit der Dicken, lächelt. Die Rotbejackte steht dahinter, Oberkörper leicht vorgebeugt, die Hände so einandergelegt, wie ich es zuletzt bei einer entfernten Oma gesehen habe in der Kirche, wenn sie darin ihr Schnupftuch hielt. Sie geht mit der Kleinen auf dem Arm ab zu den Tischen.
Ein anderes Kind steht nun auf dem Podest, rosafarbene Strumpfhose, Jeansrock, geblümte Bluse, dunkle Haare, mit Schleifenhaarreif zurückgehalten, dabei eine Frau mit hellrosa Pullover und dunkler Brille, dunkelblaue Hose, Pagenkopf. Die Frau diskutiert mit der Fotografin die Position des Kindes. Schon größer, die Kleine. Die Fotografin schaut sich um, eine weitere Frau mit Kinderwagen nähert sich, fragt etwas, die Fotografin hebt die Hand.
Die Blonde in Jeans und Pink sitzt am Tisch hinter der Säule und beobachtet die Fotosession.
Die Frau mit dem rosafarbenen Pullover und die Fotografin geben dem Mädchen auf der Bühne Anweisungen, wie das Mädchen stehen soll, ganz hinten an die weiße Wand stellt es sich, die Hände hinter dem Rücken. Das Mädchen senkt den Kopf, flieht zu Mama auf den Arm. Die Pagenfrau diskutiert mit dem Mädchen, tröstet, tätschelt ihm den Rücken, stellt es wieder auf die Bühne, zupft das Blüschen zurecht. Die Kleine weint. Rosamama nimmt sie wieder hoch, trägt sie vom Podest weg, tröstet. Die Kleine schreit.
Die Fotografin diskutiert am Tisch mit den Wartenden, fasst sich an den Haarknoten, hebt einen Zettel in die Höhe. Kann man nichts machen.
Sie ruft die Jeanspinke mit dem Jeansjungen auf. Der hat vorher schon die Umgebung erkundet, von der Rolltreppe hat ihn die Dunkelhaarige gefischt.
Die stellt den Jeansjungen auf das Podest. Allein will er da nicht bleiben. Die Frau setzt sich auf die Bühnenkante, spricht mit der Jeanspinken, zieht dem Jungen die Schuhe aus. Die Fotografin schaut den Jungen an, wartet, bis er seine Haltung gefunden hat. Der Junge albert herum. Die Dunkelhaarige hat die Bongos auf die Bühne gestellt. Der Junge bleibt am Fleck stehen. Die Fotografin zupft an seinem Shirt, redet auf den Kleinen ein. Die Dunkelhaarige macht ihm vor, wie das Trommeln geht. Der Kleine geht in die Knie und probiert es. Will bei der Dunkelhaarigen auf den Arm. Steht da mit verknoteten Händen. Blitzlicht zuckt.

Recherchieren: City Galerie II

Magia e Pasta (c) Andrea Gunkler 2016

(c) Andrea Gunkler 2016

Bad Hersfeld, City Galerie, Café, 17.4.2016, 14:22 – 14:50

Auf dem Glaskasten über den abgefüllten Getränken Flaschen mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten, dunkelbraun bis klar, Dosierspender, das Etikett trägt den Namen eines Universalgenies der Renaissance. Aromen für ein Getränk, das für sich selbst sprechen kann. „Wir lieben guten Kaffee“ auf den Tassen.
Die Buchhandlung ist vom Tresen aus zu sehen.
Die Bank, auf der die Zeitungsfrau sitzen soll, muss ich tiefer in den Raum stellen, unter der Rolltreppe statt an deren Fuß. Buchhändlerin und Bäckereiverkäuferin könnten sie dann sehen; die Bank und die Zeitungsfrau.
Der Dunstabzug über den Soßentöpfen brummt, beständiger Ton.
Ein elektronischer Ton, Weckton vielleicht, ein Handy oder Telefon?, zwei Mal hintereinander eine Folge aus drei Tönen, „di di di“, hoher Ton, tieferer Ton, nicht ganz so hoher Ton, gleichmäßiger Rhythmus, kehrt in regelmäßigen Abständen wieder. Kann weder Noten noch Kadenzen erkennen. Sind das überhaupt Kadenzen, die Abstände zwischen Tönen auf der Leiter? (Keine Kadenz, habe nachgesehen, was ich meine, ist ein Intervall. Darauf hätte ich auch ohne Internet kommen können.)
Holzpfeffermühle buchenfarben unterarmlang neben Plastikflasche für Dressing, rostfarbener, transparenter Gießaufsatz.
War nicht das Telefon, es tönt beständig elektronisch, „di di di“, aus der Küche vielleicht, das „Hallo“ galt einer Kundin vorm Tresen.
Gedämpftes Plappern, ein Gewebe aus Stimmen, eine hellere sticht heraus, als hätte sich der Teppich an irgendetwas einen Faden gezogen, keine Stimme so deutlich, das Worte verständlich wären.
Ein Wecker „biep biep biep biep“ in schneller Tonfolge überlagert das „di di di“. Einen Biep-Wecker hatte ich selbst mal, hellblau, Reisewecker, nervtötendes Ding.
Weiße Pappkartons zum oben Zufalten hinter dem Glastresen, wie beim Asiaten, neben Basilikumtopf und Pfeffermühle aufgereiht, aufgestapelt – gebratene Nudeln und Asiaschrimps aus einer Bäckerei?
Weiter „di di di“.
Aus der Küche Geschirrscheppern und Besteckrappeln, eine Spülmaschine muss ihre Arbeit beendet haben.
Ich frage mich, ob der etwas modrige Geschmack des Milchschaums vom Milchaufschäumen kommt oder von einem Spülmittel, von dem Reste am Löffel haften.
Es gibt Eiswasser zum Kaffee, serviert mit einem Knusperstück, in Plastik verpackt, auf ovalen graugemaserten Kunststofftabletts, auf die nicht mehr passt als eine Tasse mit Untertasse und das Wasserglas.
Die Tische schlicht viereckig, Vollholz, Landhaus weiß lasiert, die Längsseiten gegen die Maserung mit einem Brett abgesetzt, so dick wie die Tischplatte selbst, das Gestell darunter gerade, etwas fünf Zentimeter vom Tischkantenrand nach innen versetzt, die Tischbeine an den kurzen Seiten unten verstrebt, dazwischen ein Balken als Mittelstrebe unter der Tischlänge entlang, ideale Fußstütze.
Tischdekoration: eine Plastikaloe in faustgroßem grauen Keramiktopf. Ich muss es anfassen, um sicher zu sein, dass der Topf nicht aus Plastik ist. Außerdem ein Holzklotz, oben angeschrägt mit einer Nut darin für die Frühstückskarte.
Über dem Tisch die Brauhausleuchten, gealterte Kupferschirme mit gestanzten Löchern darin, in der Lampe über meinem Tisch fehlt die Birne.
Die Wände treppenartig gefliest bis auf Armausstreckhöhe, hochglanzglasierte Fliesen, waagerecht im Mauerverband geklebt, graubeige, strukturierte Oberfläche, zwischen Küchentür und Fenster nach draußen Stockfotos mit Essensbezug, quadratisch, ebenfalls Hochglanz, unter der Decke im gestrichenen Grau als kapitaler Schriftzug ein Fellini-Zitat: „La vita e una combinazione di magia e pasta.“ Das Zitat muss Rafael bei passender Gelegenheit verwenden.
Rot-rosa Siebdruckoliven seitlich am Dunstabzug.
Klappern, Rattern, Besteck klirrt auf den Boden, Geschirrwagen Richtung Küche, und weiter „di di di“. Ob das Thekenpersonal den Ton noch hört? Dann der Biep-Wecker, zum dritten Mal.
Rascheln: Gebäcktüten. Klappern: Plastiktabletts.
„Ein Getränk dazu?“
„Drei Euro …“
„Das geht schnell. Bis ich abgezogen habe, ist das fertig.“
Münzen klappern in den Plastikschalen der Registrierkasse.
Zeigen mit ausgestrecktem Zeigefinger. „Ich hätte gern …“
Rückfrage mit ausgestrecktem Zeigefinger.
Antwort mit ausgestrecktem Zeigefinger.
Biep-Wecker zum vierten Mal.
Klappern: Backofentür. Schaben: Pizzaschieber. Rascheln: Gebäcktüte.

Recherchieren: City-Galerie I

City-Galerie (c) Andrea Gunkler

Bad Hersfeld, City Galerie
Innen, 25.4.2016 und 26.4.2016, 10:39 – 11:11 und 10:16 – 10:23

Der Eingang zur Galerie ist ein Tunnel, der Besucher auf die Rolltreppe spuckt. Aufzüge, einer rechts im Eingangstunnel, einer links neben der Parfümerie. Keine Treppe. Rechts und links Gänge zu den Geschäften: links Schmuck, Brötchen, Fleisch, Bücher und Bekleidung rechts, zwischen Büchern und Bekleidung der Gang zu Toiletten und Tiefgarage. Toiletten ja, der Zugang zur Tiefgarage scheint geheim. Offener Raum, zwei Etagen hoch, das Untergeschoss sieht nur, wer sich auf die Rolltreppe stellt. Wieder keine Treppe. Die meisten Besucher drängen sich links an der Rolltreppe vorbei, vor der Bäckerei und der Metzgerei entlang zum hinteren Ausgang der Galerie. Hier rechts eine Drogerie, im Knick ein Reisebüro und anschließend eine Apotheke mit einer Plüschkuh vorm Eingang, lebensgroß.
Beton – Säulen, Stürze – eierschalenfarben gestrichen, die Fliesen hellgrau gesprenkelt, dunkelgraue Fugen. Die Zwischendecke rechts treppenförmig auskragend, drei Stufen, jede etwa dreißig Zentimeter hoch. Darüber das Geländer der Empore, Glaswände und Holzhandlauf, halbrund, Buche womöglich oder Birke. Säulen durchstoßen die Galerie von unten bis oben, etwas vom Geländer zurückgesetzt auf der einen Seite; man könnte hindurchgehen zwischen Geländer und Säulen. Wenige Menschen oben.
Über allem ein Pultdach aus Glas, Stahlkonstruktion, Rechteckscheiben, Streben zu den Fenstern für den Mechanismus, damit im Sommer Tauben einfliegen könnten. Im Abstand von sechs Stahlrahmen Lampen, nach umgestülpte Glasvasen größer als Eimer, mit Lochblechen über der Fassung, paarig angeordnet rechts und links der Glasluken, ein Stahlprofil Abstand dazwischen. Die Sonne malt Streifen an den Sturz links, wo die Strahlen von Streben aufgebrochen werden, und Quadrate auf den grauen Fußboden im Lichthof, wo die Ausstellungskuben Platz dafür lassen. Es könnte Sommer sein, wenn die Leute nicht dicke Jacken trügen. Sonnenkaros, strebendurchkreuzt, auch am Sturz über der Drogerie.
Lichtquadrate unter der Brücke der Empore, oben über der Galerie rechts Leuchttüllen mit dem Umfang von Kaffeetassen und runde Leuchten dahinter, über den Eingängen der Geschäfte, Glasrondelle zur Abschirmung, groß wie Kuchenteller. Auf der linken Seite der Galerie eine Reihe dieser runden Leuchten, dann in die Decke eingelassene Quadrate, indirektes Licht von den Rändern, darin paarig angeordnete quadratische Leuchten, Glasquadrate als Abschirmungen, vier Reihen hintereinander, dazwischen Notausgangsschilder. Links sind die Säulen breiter, tragen das Geländer der umlaufenden Empore, dreimal so dick wie die Säulen rechts.
Die Rolltreppe vom und zum Obergeschoss, vom und zum Untergeschoss, wummert unablässig. Im Lichthof raumhohe Ausstellungskuben, rot, gelb, blau, grün – Wanderkino mit Filmen über die Weimarer Republik – versperren Sichtachsen, verwehren Sitzplätze, verdunkeln die Stimmung.
Links hinter dem einsamen Schmuckgeschäft, halb noch im Eingangstunnel, ein Bäckereitresen, über Eck eine Essenstheke, Cafébetrieb, gemischte Sitzzone mit dem Metzger mit Mittagstisch nebenan, nur wenige Tische besetzt. Wandelemente mit Holzdekor als Raumteiler, schaffen so etwas wie Abgeschiedenheit. Rollwagen für benutztes Geschirr zwischen den Tischen, mannshoch, in feste Seitenwände montierte Fächer für Tabletts. Gäste sitzen neben Müll, Essensresten, benutztem Geschirr.
Um die Ecke, entlang des Gangs vor den Rollwagen und den Tischen, die Cafétheke, wo sich die Gäste Kaffee und Menüs auf Tellern abholen, wenn sie sitzen wollen. Spots in der Decke laufen bis über den Brötchenstand, immer zwei dicht nebeneinander, eingebaut in Gitterwürfel, die sich kippen lassen, die Leuchte auf die Wände gerichtet, Lichtflecken blenden im burgunderroten Firmenschild. Über der Essensausgabe so etwas wie Wärmelampen, tief abgesenkt über den Tresen, an der Decke befestigt mit grobgliedrigen Ketten, gedengeltes Kupfer die Deckenanschlussblende, geschliffenes Kupfer die Lampenschirme, die an Brauereien oder jahrhundertealte Gaststätten erinnern.
Am Bäckereitresen Brotlaibe in Regalen unter dem lichtfleckigen Firmenschild, runde, kastenförmige, längliche, zwölf oder dreizehn verschiedene Brotsorten, in der Vitrine davor Brötchen und Gebäck, süß und salzig. Eine Schlange hat sich gebildet. Die Verkäuferin findet für jeden Kunden die passende Ansprache, redet mit einem Kind, ob es etwas Süßes wolle, schaut die Kundschaft an, bis die Bestellung klar ist, zählt das Geld, behält die Kasse im Auge, wenn Kunden bezahlen, redet mit dem Brot, wenn sie die Sorten erklärt. Sie ist blond, nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht mittelalt, lehnt sich über die Theke, den Kunden entgegen, nennt den Preis, tütet Brote und Brötchen ein. Für die Umgebung hat sie keine Zeit. Ihre Stimme übertönt selbst das Dauergemurmel und -getrappel in der Galerie, das Rauschen der Rolltreppe, das Geschrei eines ungeduldigen Kindes. Der Duft von Brötchen wabert um die Schlange.

Wird fortgesetzt …