Webcam/Porträt: City Galerie III

City Galerie Lichthof

Porträt: Die ehrgeizige Mutter

(1) setzt ihr Baby in einen Metallkorb mit Lochrand für ein Foto im Stil von Anne Geddes.
(2) nimmt ihr weinendes Kind auf den/in den Arm und redet auf es ein: tröstet/muntert auf/schimpft/fordert.
(3) kleidet ihr Kind in der Öffentlichkeit um.
(4) zupft am Kleid, steckt das Hemd in die Hose, rückt die Kappe zurecht, bindet das Mützchen oder die Haarschleife, schiebt und dreht und wendet das Kind.
(5) fragt wieder und wieder bei der Fotografin nach, wann die vorige Kundschaft endlich fertig und sie an der Reihe ist.
(6) bittet um Wiederholung, weil das mit verheulten Augen keine schöne Fotos geben kann, das muss die Fotografin doch einsehen.
(7) macht dem Kind das Trommeln/Pferdchenschaukeln/Plüschtierliebhaben vor.
(8) schiebt das Kind nach dem Tränentrocknen auf die Bühne zurück.

Webcam: Bad Hersfeld, City Galerie, Freitag, 20.5.2016, Anfang: 15:28, Ende: 15:59

Sitze vorm Café, Blickrichtung Lichthof, Säule vor mir und die vier Cafétische auf der Freifläche vor dem TiTo-Gang und den Bekleidungsgeschäften. An einem der Tische eine Grauhaarige mit blauem Stoffbeutel auf dem Stuhl neben ihr, in meine Richtung schaut ein jüngerer Mann mit orangerotem Hoodie, der schon das dritte Päckchen Zucker in seine Tasse schüttet.
Rechts von mir, zwei runde Tische weiter, eine Gruppe von vier Frauen, eine mit durchdringender Lache und eine im Rollstuhl.
Links im Lichthof, an der Rossmann-Wand, eine Bühne, ein Baby posiert für eine Fotografin in knielanger Strickjacke, blau-weißes Rautenmuster.
„Nadine, nicht so viel Wasser trinken … musst du zur Toilette.“
„Schau mal, die hält sich automatisch fest, Wahnsinn.“
Die Frauen am Tisch beobachten die Fotosession.
„Weidenkörbchen auf dem Feld.“
Das Baby hockt in einem Metallkorb mit Durchbruchmuster am oberen Rand.
„Ist bestimmt nicht so einfach. Echt nicht. Auch nicht bei euch?“
Die Kleine hält es im Metallkorb nicht aus, greint, will auf den Arm der Mutter, eine Dicke in Jeans und schwarzem Pullover. Auf und neben dem Podest allerhand Spielzeug und Plüschtiere. Die Fotografin setzt ein Nilpferd – oder ist es eine Kuh – mit rosa Schnauze auf die Bühne und das Baby darauf. Scheinwerfer mit viereckigen Schirmen rechts und links. Eine Frau mit roter Lederjacke und roter Jeans kommt von der Seite, nimmt das Plüschtier wieder weg.
„Guck, guck.“
Die Fotografin singt, klatscht auf die Bühne, sucht die Aufmerksamkeit des Kleinkinds, das mit seinen Händchen auf Bongos patscht.
Die Dicke nimmt das Kind hoch, die Rotlederne zieht dem Mädchen das schwarzweißgeblümte Kleidchen aus und etwas anderes an, rosafarbenes Hängerchen und blaue Leggings. Die Fotografin spricht derweil mit einer anderen Frau. Die Rotjacke setzt dem Kind, das Jana heißt, einen rosafarbenen Hut auf. Jana will den Hut nicht, rupft ihn sich vom Kopf. Die Kleine quietscht. Blitzlicht zuckt. Die Fotografin tätschelt der Kleinen die Hand. Die Dicke lässt ein Tamburin rasseln, schnippt mit den Fingern der Fotografin über die Schulter, will den Blick der Kleinen lenken.
Im Lichthof wartet neben einem Buggy eine Blonde mit pinkfarbenen Schuhen, Blümchenleggings, pinkfarbenem Top mit Spitze unten und kurzer Jeansjacke darüber. Die Arme verschränkt, beißt sich auf die Lippen, schaut sich um, schiebt den Buggy vor und zurück.
Das Tamburin rasselt, die Kleine weint.
Die Pinkbeschuhte bekommt Gesellschaft von einer Dunkelhaarigen mit einem Jungen, Jeanshose und Jeanscap.
Jana greint über den Schnuller in ihrem Mund hinweg auf dem Arm der Dicken. Die Fotografin schaut von ihrem Hocker hoch und kitzelt dem Kind den Fuß. Die Rotbejackte streckt der Kleinen einen pinkfarbenen Trinkbecher hin. Die Fotografin spricht mit der Dicken, lächelt. Die Rotbejackte steht dahinter, Oberkörper leicht vorgebeugt, die Hände so einandergelegt, wie ich es zuletzt bei einer entfernten Oma gesehen habe in der Kirche, wenn sie darin ihr Schnupftuch hielt. Sie geht mit der Kleinen auf dem Arm ab zu den Tischen.
Ein anderes Kind steht nun auf dem Podest, rosafarbene Strumpfhose, Jeansrock, geblümte Bluse, dunkle Haare, mit Schleifenhaarreif zurückgehalten, dabei eine Frau mit hellrosa Pullover und dunkler Brille, dunkelblaue Hose, Pagenkopf. Die Frau diskutiert mit der Fotografin die Position des Kindes. Schon größer, die Kleine. Die Fotografin schaut sich um, eine weitere Frau mit Kinderwagen nähert sich, fragt etwas, die Fotografin hebt die Hand.
Die Blonde in Jeans und Pink sitzt am Tisch hinter der Säule und beobachtet die Fotosession.
Die Frau mit dem rosafarbenen Pullover und die Fotografin geben dem Mädchen auf der Bühne Anweisungen, wie das Mädchen stehen soll, ganz hinten an die weiße Wand stellt es sich, die Hände hinter dem Rücken. Das Mädchen senkt den Kopf, flieht zu Mama auf den Arm. Die Pagenfrau diskutiert mit dem Mädchen, tröstet, tätschelt ihm den Rücken, stellt es wieder auf die Bühne, zupft das Blüschen zurecht. Die Kleine weint. Rosamama nimmt sie wieder hoch, trägt sie vom Podest weg, tröstet. Die Kleine schreit.
Die Fotografin diskutiert am Tisch mit den Wartenden, fasst sich an den Haarknoten, hebt einen Zettel in die Höhe. Kann man nichts machen.
Sie ruft die Jeanspinke mit dem Jeansjungen auf. Der hat vorher schon die Umgebung erkundet, von der Rolltreppe hat ihn die Dunkelhaarige gefischt.
Die stellt den Jeansjungen auf das Podest. Allein will er da nicht bleiben. Die Frau setzt sich auf die Bühnenkante, spricht mit der Jeanspinken, zieht dem Jungen die Schuhe aus. Die Fotografin schaut den Jungen an, wartet, bis er seine Haltung gefunden hat. Der Junge albert herum. Die Dunkelhaarige hat die Bongos auf die Bühne gestellt. Der Junge bleibt am Fleck stehen. Die Fotografin zupft an seinem Shirt, redet auf den Kleinen ein. Die Dunkelhaarige macht ihm vor, wie das Trommeln geht. Der Kleine geht in die Knie und probiert es. Will bei der Dunkelhaarigen auf den Arm. Steht da mit verknoteten Händen. Blitzlicht zuckt.

Recherchieren: City Galerie II

Magia e Pasta (c) Andrea Gunkler 2016

(c) Andrea Gunkler 2016

Bad Hersfeld, City Galerie, Café, 17.4.2016, 14:22 – 14:50

Auf dem Glaskasten über den abgefüllten Getränken Flaschen mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten, dunkelbraun bis klar, Dosierspender, das Etikett trägt den Namen eines Universalgenies der Renaissance. Aromen für ein Getränk, das für sich selbst sprechen kann. „Wir lieben guten Kaffee“ auf den Tassen.
Die Buchhandlung ist vom Tresen aus zu sehen.
Die Bank, auf der die Zeitungsfrau sitzen soll, muss ich tiefer in den Raum stellen, unter der Rolltreppe statt an deren Fuß. Buchhändlerin und Bäckereiverkäuferin könnten sie dann sehen; die Bank und die Zeitungsfrau.
Der Dunstabzug über den Soßentöpfen brummt, beständiger Ton.
Ein elektronischer Ton, Weckton vielleicht, ein Handy oder Telefon?, zwei Mal hintereinander eine Folge aus drei Tönen, „di di di“, hoher Ton, tieferer Ton, nicht ganz so hoher Ton, gleichmäßiger Rhythmus, kehrt in regelmäßigen Abständen wieder. Kann weder Noten noch Kadenzen erkennen. Sind das überhaupt Kadenzen, die Abstände zwischen Tönen auf der Leiter? (Keine Kadenz, habe nachgesehen, was ich meine, ist ein Intervall. Darauf hätte ich auch ohne Internet kommen können.)
Holzpfeffermühle buchenfarben unterarmlang neben Plastikflasche für Dressing, rostfarbener, transparenter Gießaufsatz.
War nicht das Telefon, es tönt beständig elektronisch, „di di di“, aus der Küche vielleicht, das „Hallo“ galt einer Kundin vorm Tresen.
Gedämpftes Plappern, ein Gewebe aus Stimmen, eine hellere sticht heraus, als hätte sich der Teppich an irgendetwas einen Faden gezogen, keine Stimme so deutlich, das Worte verständlich wären.
Ein Wecker „biep biep biep biep“ in schneller Tonfolge überlagert das „di di di“. Einen Biep-Wecker hatte ich selbst mal, hellblau, Reisewecker, nervtötendes Ding.
Weiße Pappkartons zum oben Zufalten hinter dem Glastresen, wie beim Asiaten, neben Basilikumtopf und Pfeffermühle aufgereiht, aufgestapelt – gebratene Nudeln und Asiaschrimps aus einer Bäckerei?
Weiter „di di di“.
Aus der Küche Geschirrscheppern und Besteckrappeln, eine Spülmaschine muss ihre Arbeit beendet haben.
Ich frage mich, ob der etwas modrige Geschmack des Milchschaums vom Milchaufschäumen kommt oder von einem Spülmittel, von dem Reste am Löffel haften.
Es gibt Eiswasser zum Kaffee, serviert mit einem Knusperstück, in Plastik verpackt, auf ovalen graugemaserten Kunststofftabletts, auf die nicht mehr passt als eine Tasse mit Untertasse und das Wasserglas.
Die Tische schlicht viereckig, Vollholz, Landhaus weiß lasiert, die Längsseiten gegen die Maserung mit einem Brett abgesetzt, so dick wie die Tischplatte selbst, das Gestell darunter gerade, etwas fünf Zentimeter vom Tischkantenrand nach innen versetzt, die Tischbeine an den kurzen Seiten unten verstrebt, dazwischen ein Balken als Mittelstrebe unter der Tischlänge entlang, ideale Fußstütze.
Tischdekoration: eine Plastikaloe in faustgroßem grauen Keramiktopf. Ich muss es anfassen, um sicher zu sein, dass der Topf nicht aus Plastik ist. Außerdem ein Holzklotz, oben angeschrägt mit einer Nut darin für die Frühstückskarte.
Über dem Tisch die Brauhausleuchten, gealterte Kupferschirme mit gestanzten Löchern darin, in der Lampe über meinem Tisch fehlt die Birne.
Die Wände treppenartig gefliest bis auf Armausstreckhöhe, hochglanzglasierte Fliesen, waagerecht im Mauerverband geklebt, graubeige, strukturierte Oberfläche, zwischen Küchentür und Fenster nach draußen Stockfotos mit Essensbezug, quadratisch, ebenfalls Hochglanz, unter der Decke im gestrichenen Grau als kapitaler Schriftzug ein Fellini-Zitat: „La vita e una combinazione di magia e pasta.“ Das Zitat muss Rafael bei passender Gelegenheit verwenden.
Rot-rosa Siebdruckoliven seitlich am Dunstabzug.
Klappern, Rattern, Besteck klirrt auf den Boden, Geschirrwagen Richtung Küche, und weiter „di di di“. Ob das Thekenpersonal den Ton noch hört? Dann der Biep-Wecker, zum dritten Mal.
Rascheln: Gebäcktüten. Klappern: Plastiktabletts.
„Ein Getränk dazu?“
„Drei Euro …“
„Das geht schnell. Bis ich abgezogen habe, ist das fertig.“
Münzen klappern in den Plastikschalen der Registrierkasse.
Zeigen mit ausgestrecktem Zeigefinger. „Ich hätte gern …“
Rückfrage mit ausgestrecktem Zeigefinger.
Antwort mit ausgestrecktem Zeigefinger.
Biep-Wecker zum vierten Mal.
Klappern: Backofentür. Schaben: Pizzaschieber. Rascheln: Gebäcktüte.

Recherchieren: City-Galerie I

City-Galerie (c) Andrea Gunkler

Bad Hersfeld, City Galerie
Innen, 25.4.2016 und 26.4.2016, 10:39 – 11:11 und 10:16 – 10:23

Der Eingang zur Galerie ist ein Tunnel, der Besucher auf die Rolltreppe spuckt. Aufzüge, einer rechts im Eingangstunnel, einer links neben der Parfümerie. Keine Treppe. Rechts und links Gänge zu den Geschäften: links Schmuck, Brötchen, Fleisch, Bücher und Bekleidung rechts, zwischen Büchern und Bekleidung der Gang zu Toiletten und Tiefgarage. Toiletten ja, der Zugang zur Tiefgarage scheint geheim. Offener Raum, zwei Etagen hoch, das Untergeschoss sieht nur, wer sich auf die Rolltreppe stellt. Wieder keine Treppe. Die meisten Besucher drängen sich links an der Rolltreppe vorbei, vor der Bäckerei und der Metzgerei entlang zum hinteren Ausgang der Galerie. Hier rechts eine Drogerie, im Knick ein Reisebüro und anschließend eine Apotheke mit einer Plüschkuh vorm Eingang, lebensgroß.
Beton – Säulen, Stürze – eierschalenfarben gestrichen, die Fliesen hellgrau gesprenkelt, dunkelgraue Fugen. Die Zwischendecke rechts treppenförmig auskragend, drei Stufen, jede etwa dreißig Zentimeter hoch. Darüber das Geländer der Empore, Glaswände und Holzhandlauf, halbrund, Buche womöglich oder Birke. Säulen durchstoßen die Galerie von unten bis oben, etwas vom Geländer zurückgesetzt auf der einen Seite; man könnte hindurchgehen zwischen Geländer und Säulen. Wenige Menschen oben.
Über allem ein Pultdach aus Glas, Stahlkonstruktion, Rechteckscheiben, Streben zu den Fenstern für den Mechanismus, damit im Sommer Tauben einfliegen könnten. Im Abstand von sechs Stahlrahmen Lampen, nach umgestülpte Glasvasen größer als Eimer, mit Lochblechen über der Fassung, paarig angeordnet rechts und links der Glasluken, ein Stahlprofil Abstand dazwischen. Die Sonne malt Streifen an den Sturz links, wo die Strahlen von Streben aufgebrochen werden, und Quadrate auf den grauen Fußboden im Lichthof, wo die Ausstellungskuben Platz dafür lassen. Es könnte Sommer sein, wenn die Leute nicht dicke Jacken trügen. Sonnenkaros, strebendurchkreuzt, auch am Sturz über der Drogerie.
Lichtquadrate unter der Brücke der Empore, oben über der Galerie rechts Leuchttüllen mit dem Umfang von Kaffeetassen und runde Leuchten dahinter, über den Eingängen der Geschäfte, Glasrondelle zur Abschirmung, groß wie Kuchenteller. Auf der linken Seite der Galerie eine Reihe dieser runden Leuchten, dann in die Decke eingelassene Quadrate, indirektes Licht von den Rändern, darin paarig angeordnete quadratische Leuchten, Glasquadrate als Abschirmungen, vier Reihen hintereinander, dazwischen Notausgangsschilder. Links sind die Säulen breiter, tragen das Geländer der umlaufenden Empore, dreimal so dick wie die Säulen rechts.
Die Rolltreppe vom und zum Obergeschoss, vom und zum Untergeschoss, wummert unablässig. Im Lichthof raumhohe Ausstellungskuben, rot, gelb, blau, grün – Wanderkino mit Filmen über die Weimarer Republik – versperren Sichtachsen, verwehren Sitzplätze, verdunkeln die Stimmung.
Links hinter dem einsamen Schmuckgeschäft, halb noch im Eingangstunnel, ein Bäckereitresen, über Eck eine Essenstheke, Cafébetrieb, gemischte Sitzzone mit dem Metzger mit Mittagstisch nebenan, nur wenige Tische besetzt. Wandelemente mit Holzdekor als Raumteiler, schaffen so etwas wie Abgeschiedenheit. Rollwagen für benutztes Geschirr zwischen den Tischen, mannshoch, in feste Seitenwände montierte Fächer für Tabletts. Gäste sitzen neben Müll, Essensresten, benutztem Geschirr.
Um die Ecke, entlang des Gangs vor den Rollwagen und den Tischen, die Cafétheke, wo sich die Gäste Kaffee und Menüs auf Tellern abholen, wenn sie sitzen wollen. Spots in der Decke laufen bis über den Brötchenstand, immer zwei dicht nebeneinander, eingebaut in Gitterwürfel, die sich kippen lassen, die Leuchte auf die Wände gerichtet, Lichtflecken blenden im burgunderroten Firmenschild. Über der Essensausgabe so etwas wie Wärmelampen, tief abgesenkt über den Tresen, an der Decke befestigt mit grobgliedrigen Ketten, gedengeltes Kupfer die Deckenanschlussblende, geschliffenes Kupfer die Lampenschirme, die an Brauereien oder jahrhundertealte Gaststätten erinnern.
Am Bäckereitresen Brotlaibe in Regalen unter dem lichtfleckigen Firmenschild, runde, kastenförmige, längliche, zwölf oder dreizehn verschiedene Brotsorten, in der Vitrine davor Brötchen und Gebäck, süß und salzig. Eine Schlange hat sich gebildet. Die Verkäuferin findet für jeden Kunden die passende Ansprache, redet mit einem Kind, ob es etwas Süßes wolle, schaut die Kundschaft an, bis die Bestellung klar ist, zählt das Geld, behält die Kasse im Auge, wenn Kunden bezahlen, redet mit dem Brot, wenn sie die Sorten erklärt. Sie ist blond, nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht mittelalt, lehnt sich über die Theke, den Kunden entgegen, nennt den Preis, tütet Brote und Brötchen ein. Für die Umgebung hat sie keine Zeit. Ihre Stimme übertönt selbst das Dauergemurmel und -getrappel in der Galerie, das Rauschen der Rolltreppe, das Geschrei eines ungeduldigen Kindes. Der Duft von Brötchen wabert um die Schlange.

Wird fortgesetzt …

Registrat: Am Lullusbrunnen

Am Brünnchen, Bad Hersfeld (c) Andrea Gunkler 2016

(c) Andrea Gunkler 2016

Am Lullusbrunnen, Bad Hersfeld, 11:47 – 12:06 Uhr, sonnig, 10 Grad

Am Lullusbrunnen vor dem Rathaus in Bad Hersfeld. Mittagszeit. Die südliche Gebäudezeile liegt im Schatten, auf die Treppen vor dem Rathaus scheint die Sonne. Der Wind ist kühl, das Thermometer an einer Apotheke zeigte 6 Grad. Es herrscht Betrieb, ein Kommen und gehen – von oben nach unten, von links nach rechts, von vorn nach unten und so weiter – zu viele Menschen, um sie vollständig zu registrieren. Das Gesammelte bildet einen Ausschnitt aus dem, was insgesamt zu beobachten gewesen wäre.

Zusammenfassend:
Es sind mehr Menschen allein unterwegs als in Begleitung.
Bis auf drei Frauen sind alle Menschen in Bewegung.
Die meisten von ihnen haben ein konkretes Ziel, nur wenige schlendern oder stocken in ihrem Vorankommen.
Die vorherrschende Farben an diesem Tag sind grau und schwarz, gefolgt von Blautönen.
Bis auf eine Person tragen alle langärmelige Oberbekleidung, von zwei Ausnahmen abgesehen Jacken darüber.
Nur eine Person isst, obwohl Mittagszeit ist.
Zwei Personen rauchen.
Nur eine Person trägt einen Anzug.
Eine Person hat auffällig gefärbtes Haar.
Insgesamt fünf Kinderwagen, einen Rollator, einen Hackenporsche, ein Fahrrad und einen Rollstuhl.
Die meisten haben etwas in der Hand – Handtaschen, Einkaufstaschen, Stoffbeutel, Herrenhandtasche, Smartphone, Essbares, Papiere, Kaffeebecher, Kinderhände – oder schieben oder ziehen etwas – Rollator, Rollstuhl, Kinderwagen, Fahrrad, Einkaufstrolley.
Sie sind zielstrebig unterwegs, verweilen kaum. Der Platz am Brünnchen ist ein Durchgangsort.

Eine Dame mit blauem Mantel schiebt einen Rollator bergan, bleibt vor der Buchhandlung stehen, dreht sich um, schaut eine Weile zurück in die Richtung, aus der sie gekommen ist, geht dann weiter nach oben ab.
Ein Mann mit grauem Hut eilt von links heran und biegt nach unten ab.
Eine Jeansjackenfrau schiebt einen Kinderwagen bergan, scheinbar dem Rollator hinterher folgend.
Eine kleine Frau schiebt einen Elektrorollstuhl mit einem massigem Mann darin bergan.
Ein Raucher in Schwarz geht vor dem Brunnen entlang nach unten ab.
Von unten kommt eine Frau mit blauem Kopftuch.
Eine Frau in Türkisjacke mit Sienaledertasche schlendert von oben nach unten.
Ein Anzugträger eilt von rechts nach unten.
Von unten biegt eine dunkelblaue Steppjacke um die Ecke, gefolgt von einem Mann mit Brille in grauem Pullover. Sie geht nach links ab, er steigt in den weißen Lieferwagen, der vor dem Modeschmuckladen geparkt ist, schwarze Dreiecke auf dem Lack mit weißen Quadraten darin.
Personen von vorn – Personen von links
Ein Junge mit Neonfleckenrucksack biegt nach links ab.
Ein Mann in rot-schwarzer Wetterjacke trottet gebückt nach oben ab.
Eine Frau in weißer Daunenjacke ist auf dem Weg nach unten, sie sucht etwas in ihrer Handtasche.
Eine Altherrenweste mit Halbglatze und Kurzarmpique unter der Weste, dunkelblau mit weißen und hellblauen Streifen, hält die Träger des Stoffbeutels ums linke Handgelenk geschlungen, geht mit geradem Blick nach unten ab.
Ein Paar, älter, schlendert an der Buchhandlungen vorbei nach oben, die Blicke mal hierhin, mal dorthin.
Drei Frauen stehen vor dem Bauzaun und dem Durchfahrt-Verboten-Schild, sie schwätzen.
Ein Mann mit weißen Haaren und dunklem Pullover schiebt einen Kinderwagen bergan, neben ihm geht die Türkisfrau mit der Sienaledertasche, aufrecht, unterhält sich mit einer kleinere Frau außen.
Ein Rotschopf hebt einen Graubengel auf den Brunnenrand, der Junge schaut, dann hebt sie ihn wieder herunter und geht mit dem Kind an der Hand nach unten ab.
Der Junge mit dem Neonfleckenrucksack kehrt von links zurück, die Hände in den Hosentaschen, geht nach unten ab.
Ein Mann führt ein Rosakind mit Kindergartenrucksack von rechts heran und nach unten ab.
Nur noch zwei Frauen palavern vor dem Bauzaun, eine mit Pferdeschwanz und Brille, Rock, Strumpfhose schwarz, die andere größer, mit beigefarbenem Rücken und brauner Handtasche.
Rotlocken eilen im Walkingschritt von rechts heran, Ziel zwischen den Zähnen und weiße Sporthose an, gerade Haltung, gerader Blick, sie geht nach links ab.
Die dritte Frau ist wieder bei den beiden anderen vor dem Bauzaun, sie ist kleiner, gestikuliert, erklärt die drei gehen, bleiben zwei Schritte später wieder stehen, schwätzen weiter.
Eine Langbraunhaarige mit schwarzem Pulli, Rissröhrenjeans und weißen Turnschuhen, in der Hand ein Papier, passiert den Brunnen von unten und geht nach rechts ab, der Blick verunsichert.
Zwei Frauen mit langen Haaren schieben Kinderwägen von oben nach unten.
Ein Paar schlendert am Bauzaun entlang von geradeaus, sie trägt eine Sonnenbrille, hat die Hände in den Taschen, schaut sich um, er ist schon um den Bauzaun geboten, sie folgt ihm nach unten.
Der Mann in der rot-schwarzen Wetterjacke stapft von rechts heran, vor dem Brunnen, sein Schritt wankt, er hält den Kopf gesenkt, er geht nach links ab.
Ein Mann in Burgunderjacke mit weißer Baseballmütze kommt von unten vor dem Brunnen entlang, schaut verwundert zur Treppe, wo ich sitze, zögert kurz, geht ohne Halten weiter nach rechts ab.
Eine Frau mit Burgundersteppjacke und Kurzhaarschnitt rauscht von rechts heran und nach eilt links ab.
Ein rundlicher Weißkranzglatzkopf strebt bergan, gebückt, eine Herrenhandtasche in der Rechten. Er stoppt hinterm Brunnen, bleibt ein paar Sekunden, und als ich ihn wieder im Blickfeld habe, ordnet er die Kleidung, steckt sich im Gehen nach oben das Hemd in den rückwärtigen Hosenbund.
Eine Frau mit Haarknoten, sie trägt einen schwarzen Blouson und Stelzenjeans, Sonnenbrille im Gesicht, ihr Blick ist gesenkt auf den Togo-Becher in ihrer Rechten, schlendert nach oben.
Eine Frau mit dunkelblauer Karosteppjacke klackert von unten heran, ihr Pferdeschwanz blondiert, die Louis-Vuitton-Kopie unter den Arm geklemmt, klackert sie nach links ab.
Eine Frau mit Kopftuch mit pink-türkisfarbenem Muster trottet von unten herauf und geht nach links ab.
Eine Frau in Königsblaustepp überquert von links kommend den Platz, strebt am Bauzaun entlang geradeaus, verschwindet im Blauschatten der Buchhandlung.
Eine Frau in weißer Jeans, Schwarzjacke, die schwarzen Haare zum Dutt frisiert, führt ein Kleinkind an der Hand. Das Kind hat einen Pferdeschwanz, es kreischt im Umdrehen, rennt zurück, auf einen vor dem Brunnen folgende Gruppe zu, begrüßt zwei andere Kleinkinder und zwei Frauen mit Kinderwagen, gemeinsam gehen sie nach unten ab.
Eine Frau mit denimblauem Pixieschnitt und Sonnenbrille vor den Augen spaziert von links heran, raucht, beklagt sich bei ihrem Smartphone, das sie in der aufgeklappten Schutzhülle flach vor den Mund hält: Muss ich jetzt so lang warten? Sie geht nach unten ab.
Ein Mann in Schwarz, groß, Dreitagebart, gefolgt von einer Frau mit weißem Kopftuch und blaugeblümtem Rock, er wartet vor dem Brunnen, bis sie da ist, spricht mit ihr, gemeinsam gehen sie nach unten.
Eine Frau in königsblauem Fleece mit weißen Locken schiebt ihr Treckingrad bergan. Dabei schaut sie sich in alle Richtungen um.
Ein Mann mit Piratenbart und Sonnenbrille, Hose, Hemd, Weste: grau, grau, grau, strebt von unten kommend nach rechts weg.
Eine Frau mit Zebramusterfleece, rote Haare, die Bügel der Handtasche fest in der Hand, zieht einen Hackenporsche hinter sich her nach oben.
Eine Frau mit brauner Wildlederjacke schlendert von rechts heran, im Ellenbogen trägt sie einen Wildledershopper und geht nach unten ab.
Ein Rosafrauchen mit blondiertem Kurzschopf und rosa Handkoffer mit goldfarbenen Knöpfen im Ellenbogen beißt im Gehen in Gebackenes und geht nach links ab.
Voraus die Baustelle mit orangegelbem Kran, den Arm in der Luft über dem Dach nach unten geschwenkt, Löcher im Grünvorhang wie Augen mit Tränensäcken.