Hans Peter Roentgen: Vier Seiten für ein Halleluja

Einen „Schreibratgeber der etwas anderen Art“ verspricht der Autor im Untertitel zu seinem Buch. Das hält er auch. Roentgens Tipps sind für Vorgebildete, was die Lektüre von Schreibratgebern betrifft, nichts wirklich Neues. Die Darreichungsform allerdings ist besonders anschaulich.

Aus der Textwerkstatt in Kühlungsborn kennen das die Mitglieder meiner Schreibgruppe. Man nehme sich die ersten vier Seiten des Textes vor und schaue, was einen im kommenden Text erwartet. Wer ist der Protagonist? Was erfahren wir über ihn? Animiert der Text zum Weiterlesen? Die ersten vier Seiten entsprechen etwa einer Viertelstunde Lesen. Mehr Zeit gibt der ungnädige Leser einem Text nicht. Dann ist er entweder gefangen oder er legt das Buch genervt bis gelangweilt zur Seite. Zu diesen ungnädigen Lesern gehören übrigens in erster Linie Verlagslektoren und Literaturagenten.

Im Rahmen der Schreibwerkstatt haben wir anhand der vier Seiten versucht, die Hauptfigur zu charakterisieren. Roentgen zeigt an den Beispielen nicht nur dies. Er entlarvt Infodump, analysiert die Perspektive, deckt Erzählstimmen auf, enthüllt die Angst des Autors vor dem eigenen Stoff und hadert mit Rückblenden bzw. Flashbacks. Er ermuntert zu glaubwürdigem Schreiben, zeigt, was man mit unterschiedlichen „Brennweiten“ anstellen kann, fordert zu Recherche auf und zum Auslegen von Angelhaken.

Mir hat es Spaß gemacht, den Ratgeber zu lesen. Roentgen wird nie ätzend, seinem Ton entnimmt man, dass er es gut meint mit den Autoren und mit den Texten. Nie zerreißt er einen in der Luft. Statt dessen zeigt er auf, wo Potential verspielt wurde und hat so vermutlich schon so manchen auf neue Ideen gebracht. Als Leser des Ratgebers bietet diese Herangehensweise viele Aha-Effekte. Zunächst steht da ein Auszug aus den vier Seiten, dann folgt die Kritik des Lektors. Indem man zuerst den Text durchgängig liest, bekommt man ein Gefühl dafür – und für seine Schwachstellen. Er hat Beispiele ausgewählt, an denen Anfängerfehler besonders deutlich werden und er erläutert, warum es dem Leser an einer bestimmten Stelle langweilig wird, zum Beispiel weil der Autor durch eine Rückblende den Handlungsverlauf unterbricht.

Am Schluss des Buches schreibt er über den Umgang mit Kritik und wie ein Autor seine Testleser so einsetzen kann, dass sie ihm von großem Nutzen sind. Was hat dir gefallen? Was hat dir nicht gefallen? Wie siehst du Figur A? Was hast du nicht verstanden? Dieses Kapitelchen hätte für meinen Bedarf üppiger ausfallen dürfen. Außerdem findet man Links zu Autorenforen, Schriftstellerwerkstätten und einigen Zeitschriften im Internet sowie ein kurzes Lexikon der Fachbegriffe. Die Links funktionieren teilweise nicht mehr, obwohl das Buch noch relativ neu ist. So schnell ist die Internetwelt.

Fazit: Lesenswert. Unterhaltsam. Lehrreich.

Hans Peter Roentgen
Vier Seiten für ein Halleluja

Fischbachtal : Sieben-Verlag. 4. Aufl. 2008. 146 S.
Taschenbuch, 12,90 €

Sandra Uschtrin: Handbuch für Autorinnen und Autoren

Druckfrisch kam heute das neue „Handbuch für Autorinnen und Autoren“ aus dem Uschtrin-Verlag ins Haus. Die 7. Auflage (Erscheinungstermin 27. Mai 2010) wurde vollständig überarbeitet und erheblich erweitert. Herausgegeben haben es Sandra Uschtrin (bekannt durch die gleichnamige Webseite www.uschtrin.de) und Heribert Hinrichs. Es enthält eine Unzahl von Adressen und Internetlinks rund um den Literaturbetrieb und eine riesige Anzahl nützlicher Tipps für alle, die schreiben und veröffentlichen (wollen) und spart dabei keine Sparte aus. Es geht um:

  • Verlage und Genres
  • Alternative Vermarktungsmöglichkeiten
  • Heftromane und wie man sie verkauft
  • Literaturzeitschriften
  • Literaturagenturen
  • Schreiben fürs Theater
  • Hörspiele schreiben und produzieren
  • Drehbuchschreiben
  • Kontaktaufnahme, Anschreiben, Exposé (13 Beispiele mit Anmerkungen der Lektoren, die sich von den Exposés beeindrucken ließen), Textprobe/Manuskript
  • Aus- und Fortbildung für Schriftstellter/innen
  • Geld verdienen mit literarischen Dienstleistungen
  • Marketing
  • Recht und Soziales
  • Literarische Einrichtungen
  • Übersetzen

Angesprochen werden alle schriftstellerischen Fachrichtungen, ob man nun Belletristik verfasst, Kinder- und Jugendbücher schreibt oder Biographien.

Es gibt Stimmen aus dem aktiven Literaturbetrieb von Verlegern, Agenten, Schreibcoaches etc. sowie von Fachleuten aus Funk, Theater, Film und Fernsehen, die entweder in Form von Beiträgen aus ihrem Fach berichten oder Interviews gegeben haben. Manche haben Fragebögen ausgefüllt, um zum Beispiel die Frage zu beantworten, ob es sich lohnt, eigene Schreibkurse anzubieten. In diesen Beiträgen erhalten Schreibende wertvolle Tipps für ihre Arbeit. Darüber hinaus enthält das Buch einen Schreibkurs: „Gut und verständlich schreiben in zehn einfachen Schritten“.

Im redaktionellen Teil zu den einzelnen Kapiteln findet man, nach Genres geordnet, Namen und Internetadressen von deutschsprachigen Verlagen, Literaturzeitschriften, Agenturen etc. Den Literaturzeitschriften wird besonderer Raum gewidmet: Auf über 50 Seiten kann man sich ausführlich über deren Profile informieren. Außerdem gibt es zahlreiche Literaturhinweise, Musterverträge, Honorarempfehlungen und vieles, vieles mehr.

Das Handbuch beeindruckt durch Aufmachung und Vielfalt der Themen. Die Ratschläge und Hinweis sind praxisnah und leicht verständlich. Es scheint auch kaum etwas zu fehlen, soweit ich das beurteilen kann. Im Abschnitt über die Selbstvermarktung könnte vielleicht noch die eine oder andere Internetplattform stehen, z. B. BookRix oder XinXii, wobei diese Plattformen dem E-Book-Kontext zuzurechnen sind, der im Handbuch noch relativ kurz abgehandelt wird. Wer weiß, das könnte sich in einer nächsten Ausgabe schon ändern.

Punktabzug bringt jedoch die Gestaltung des Textes. Zwar hat man eine führende Firma in Sachen Typographie und Gestaltung hinzugezogen, doch allzu lesefreundlich ist das Ergebnis für meinen Geschmack nicht ausgefallen. Im Inhaltsverzeichnis zum Beispiel wird eine graue Schrift verwendet, die beim Lesen der zweiten Zeile eines Eintrags alle Konzentration erfordert. Die serifenlose schmale Schrift des Fließtextes sieht zwar sehr elegant aus, fördert aber ebenfalls nicht die Lesbarkeit. In den Kapiteln 10 bis 13 befinden sich auf einer Seite zuweilen zwei verschiedene Texte: Der Haupttext füllt die obere Hälfte einer Seite, ein Interview oder Gastbeitrag den grau unterlegten unteren Teil der Seite. Das erfordert viel Hin- und Herblättern und wäre meines Erachtens nicht nötig gewesen.

Insgesamt ist das Handbuch sehr zu empfehlen, auch unter dem Aspekt, dass es den Blick für andere Genres öffnet, mit denen man sich als Schreibende/r bisher noch gar nicht beschäftigt hat. Warum es also nicht einmal mit einem Theaterstück versuchen?

Handbuch für Autorinnen und Autoren
hrsg. von Sandra Uschtrin und Herbert Hinrichs

München : Uschtrin Verlag, 2010
Gebundene Ausgabe: 49,90 €
Bestellen via Uschtrin-Webseite

Angela Leinen: Wie man den Bachmannpreis gewinnt

„Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben“ lautet der Untertitel des Buches von Angela Leinen, das – wie könnte es anders sein – das Versprechen des Titels gar nicht einhalten will. Es soll auch kein Leitfaden zum kreativen Schreiben sein oder gar eine Stilfibel. Die Autorin richtet sich an den Leser und will ihm Anleitung geben, gute von schlechten Texten zu unterscheiden. „Literaturkritik für alle“ eben, wie die Einleitung übertitelt ist. Anhand der Texte, die in den letzten Jahren während der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt vorgestellt wurden, möchte sie zeigen, welche Fehler Autoren vermeiden können, um den „idealen Leser“ milde zu stimmen. Ein Text sei erst beim Leser wirklich fertig, denn der fügt dem Geschriebenen seine Vorstellungswelt hinzu. Und ob der Text gelungen ist, entscheidet sich erst hier: In den Augen des Lesers.

Wenn man alles zusammen nimmt, hat Angela Leinen dann doch wieder eine Art Anleitung zum kreativen Schreiben verfasst. Denn das Buch behandelt genau die Aspekte, die man auch in einem „Lehrbuch“ finden könnte, mehr oder weniger gut illustriert an Beispielen aus Klagenfurt. Es geht um die Auswahl des Stoffs, das Experimentieren mit Sprache, das Erzeugen von Spannung, den Plot, die Gestaltung literarischer Figuren, um Erzählperspektive, Schauplätze, Requisiten und Bedeutungsebenen. Ein Kapitel widmet sie ausführlich dem Dialog, ein anderes dem Thema Sex, das in Klagenfurt-Texten kaum vorkommt, offenbar, weil die Autoren fürchten, sich damit auf zu dünnes Eis zu begeben. Und am Ende geht es dann doch um Stilistisches, wenn sie den Autor bittet, seinen Sorgfaltspflichten nachzukommen, etwa in Bezug auf Textökonomie, Sprachbilder oder einfache Recherchen.

Angela Leinens Buch liest sich wunderbar leicht. Ich habe es an einem Abend durchgelesen. Es ist kurzweilig und amüsant und die Beispiele sind gut ausgewählt. Da sie ausdrücklich persönliche Leseerfahrungen schildert, muss man nicht in allem mit ihr übereinstimmen. An vielen Stellen jedoch konnte ich herzlich schmunzeln.

Angereichert wird das Buch durch Interviews und Gastbeiträge, in denen eine Literaturkritikerin, ein Autor, ein Autor/Lektor, eine Lektorin und eine Literaturagentin zu Wort kommen. Vom Lektor erfährt man darin zum Beispiel, wo er die Autoren findet, die er zur Abgabe eines Manuskripts einlädt. Daneben wird die „Automatische Literaturkritik der Riesenmaschine“ vorgestellt, mit der die Betreiber des gleichnamigen Weblogs die in Klagenfurt eingereichten Wettbewerbstexte anhand bestimmter Kriterien bewerten. Ein Teil dieser Kriterien ist im Anhang abgedruckt. Mit dieser Bewertung wurde 2008 Tilman Rammstedt ausgewählt, der später tatsächlich den Bachmannpreis gewann.

Die Autorin unterhält das Weblog „Sopran“ und schreibt für das Gemeinschaftsweblog „Lesemaschine“, ein Schwesterschiff der „Riesenmaschine“.

Angela Leinen
Wie man den Bachmannpreis gewinnt

München : Heyne, 2010
broschiert, 12,95 €

Tempest – Sturm im Schreiberkopf

Ganz begeistert bin ich immer wieder, wenn Menschen ihr Wissen teilen. Einen ganzen Fundus davon bietet die seit über 10 Jahren erscheinende Online-Zeitschrift Tempest, zu lesen im Autorenforum, dem Wissensportal für AutorInnen.

Schon der monatliche Tipp im Editorial macht Spaß. Ein kleiner Happen für’s Schreibergemüt und sehr nützlich: Astrologieseiten benutzen für das Charakterblatt, Zeilen noch einmal schreiben, wenn der Schreibfluss stockt, sprachliche Stolpersteine durch lautes Vorlesen aus dem Weg räumen, nach Fotos suchen, die einen inspirieren können …

Los geht es mit dem Schreib-Kick. Jeden Monat wird eine kleine Übung vorgestellt, die einem auf die Sprünge helfen kann, z. B. im Januar: Echo-Texte. Zu vorhandenen Texten einen Werbetext schreiben oder einen Verriss, eine Person aus einem Text in eine andere Situation versetzen und Ähnliches. Im Februar dann: Kombiniere Charakter-Eigenschaften von Mutter, Freund, Geliebter, Feind und Nachbarn und lass diese Figur ein Abenteuer erleben. Genau richtig. um loszuschreiben.

Der Lesetipp verweist auf Webseiten, die sich mit dem Schreiben beschäftigen. Der vom Juni 2008 empfiehlt die Webseite von Andreas Eschbach, auf der er seinen „10-Punkte-TÜV“ vorstellt. (Warum kommt mir das so bekannt vor?)

Weiter geht es mit dem Autorenwissen. In der Januarausgabe 2010 wird zum Beispiel erklärt, wie man ein Anschreiben an einen Verlag gestaltet und wie man beim Einsenden eines Manuskripts vorgehen sollte. Die Februarausgabe wartet in dieser Rubrik mit Tipps von Autoren auf, die man zwar schon vielerorts gelesen hat (Lesen vor dem Schreiben, sich einen Plan machen, üben, durchhalten, mit Rückschlägen fertig werden), die für den Anfänger jedoch ermutigend klingen. Etwas Anderes würde man hier vermutlich auch nicht veröffentlichen.

Im Schreibkurs geht es in der Februarausgabe um das Planting, also das Pflanzen einer Idee, die im Text dann zu allerhand spannenden Wendungen führen kann. Dazu gibt es Textbeispiele und Übungen. Jede Menge Futter für die Schreibgruppe.

In Abständen nimmt sich ein Experte des Autorenforums eingeschickte Texte zur Brust und analysiert sie. Die Januarausgabe startete den Aufruf für „Spannung, der Unterleib der Literatur„. Zu dieser Rubrik können Leser Texte einsenden, die eine bestimmte Form erfüllen müssen, Hans Peter Roentgen – dessen neuestes Werk „3 Seiten für ein Exposé“ gerade erschienen ist und in der Februarausgabe eine Buchbesprechung erhalten hat – nimmt sich den Text vor und gibt Tipps, wie der Autor ihn spannender gestalten kann. Handfestes Lektorat also, von dem man als Leser vermutlich ebensoviel lernt wie der Einsender des Textes.

Nach Interviews mit Autoren, Buchbesprechungen und Verlagsportraits beantworten die Experten Fragen zu verschiedenen Bereichen (Schreibhandwerk, Literaturagenturen, Verlagen) bzw. Genres (Fantasy, Kinderbuch, Lyrik, Krimis). Beispiele: Wie überbrücke ich lange Zeitsprünge? Wie finde ich den Namen des zuständigen Lektors bei einem Verlag? In welchem Zustand befindet sich meine Leiche, wenn sie … liegt? (Die letzte Frage beantwortete übrigens die Schriftstellerin Nikola Hahn, deren historische Frankfurt-Krimis „Die Detektivin“ oder „Die Farbe von Kristall“ ich sehr gern gelesen habe.)

Lauter nützliche Dinge für Möchtegerns wie mich. Die Zeitschrift kann ich nur weiterempfehlen. (… und mir vielleicht Gedanken darüber machen, ob ich dieses Weblog hier weiterführen will, wenn im Tempest ohnehin schon alles steht – und noch viel mehr. Aber nein, ich will ja üben!)

Den Tempest kann man abonnieren wie einen Newsletter. Erscheint eine neue Ausgabe (jeweils in der Mitte eines Monats), wird sie an die angegebene E-Mail-Adresse geschickt. Die aktuelle Ausgabe erhalten ausschließlich Abonnenten, die früheren Ausgaben sind online auf der Webseite nachzulesen. Teil 1 enthält die oben erwähnten Rubriken (und vielen mehr), Teil 2 kommt mit Hinweisen auf Veranstaltungen, Messen, Wettbewerbe und Publikationsmöglichkeiten. Die Zeitschrift ist kostenlos im Internet zu lesen, die Redaktion bittet den regelmäßigen Leser um finanzielle Unterstützung, die mit 15 € pro Jahr (Richtwert) sehr knapp bemessen ist. Nach bisheriger Lektüre ist die Zeitschrift davon jeden Cent wert.

Mein Fazit: Danke und weiter so!

Andreas Eschbach: Übers Schreiben

Der deutsche Bestsellerautor Andreas Eschbach („Das Jesus-Projekt“, „Ausgebrannt“) verschafft uns auf seiner Homepage einen Blick in das Schaffen eines Schriftstellers. Er empfängt den Leser mit 11 Mythen über die Schriftstellerei und räumt sogleich mit ihnen auf.

Andreas Eschbach: Übers Schreiben

Es folgt eine Artikelserie von 9 Texten, in denen Eschbach sich zur Verlagssuche, zum Arbeitszimmer oder dazu äußert, wie man gut schreibt oder wie man von der Idee zum Roman kommt. Die Artikel scheinen beliebig gereiht, er beginnt mit dem Format für das Manuskript und endet mit dem „Wie“. Darunter versteht Eschbach die Erzählperspektive.

Mir hat am besten seine „10-Punkte-Text-ÜV“ gefallen, wobei „ÜV“ für „Überarbeitungsvorbereitung“ steht. So bezeichnet er seine Vorgehensweise beim Überarbeiten eines Textes. Eschbach gibt wertvolle Tipps zum Streichen. Es sind überwiegend stilistische Tipps, die er in diesem Artikel unterbringt. Außerdem erfährt man einiges über die verschiedenen Schritte: lesen, markieren, überarbeiten, laut lesen, überarbeiten, laut lesen, überarbeiten … vergleichen.

Zuletzt stellt Eschbach ein Textverarbeitungsprogramm vor, das speziell für die Bedürfnisse von Schriftstellern entwickelt wurde. Einige seiner eigenen Wünsche seien in die Programmierung eingeflossen, so Eschbach. Jeder kann sich davon einen eigenen Eindruck verschaffen, die Textverarbeitung kann kostenlos getestet werden.