Birgit Vanderbeke: Die Frau mit dem Hund

Birgit Vanderbeke
Die Frau mit dem Hund
München : Piper, 2012
148 S., Hardcover, 16,99 €

Die Autorin führt uns in eine nahe, mögliche Zukunft. Ein nicht näher bezeichneter Krieg, in dem es „irgendwann gegen die eigenen Leute ging“, ist zu Ende. Es herrschen friedliche Zeiten. Verantwortlich dafür ist die „Stiftung“. Viele Menschen sind ihrem Ruf gefolgt, haben sich in Städten registrieren lassen und fristen nun dort ihr Dasein, nachdem die Dörfer eines nach dem anderen „vom Netz genommen“ worden sind. Alles außerhalb der Städte und die aufgegebenen Vororte sind „Detroit“. Dort gibt es all die gefährlichen Dinge, die es in der Stadt nicht mehr gibt: Tiere, Krankheiten, Keime. Gegen sie schützt sich die Stadt durch Zäune.

Unter der Obhut der „Stiftung“ erhalten die Menschen Wohnung, vorgefertigtes Essen – so viel sie brauchen, nicht mehr und nicht weniger – und Beschäftigung. Sei es in stiftungseigenen Betrieben, wie die Wäscherei, in der Jule Tenbrock arbeitet, oder bei ‚freiwilligen‘ gemeinnützigen Diensten, wie etwa den Aufbauarbeiten zum „Oktoberfest“, für die Timon Abramowski sich gemeldet hat. Für ihre Tätigkeiten erhalten sie Punkte auf ihrer Di-Card gutgeschrieben, die sie für Freizeitvergnügungen ausgeben können. Timon Abramowski lädt sich alte Filme für die Punkte. Jule Tenbrock mag schöne Dinge, und Clemens. Mit den Punkten auf ihrer Di-Card will sie ein Tafelservice erwerben, das ihr der Homeshopping-Kanal anpreist und mit dem sie Clemens bei einem romantischen Diner beeindrucken will.

Doch dazu kommt Jule nicht. Eines Tages kauert vor ihrer Tür eine Frau. Mit einem Hund. Jule weiß selbst nicht, warum sie es tut, aber sie gewährt der Frau Einlass in ihre Wohnung, lässt sie sogar dort übernachten und gibt ihr zu Essen. Jule ist froh, sie am nächsten Morgen wieder los zu sein.

Jules Nachbar Timon Abramowski nimmt sich der Frau an. Sie ist schwanger. Seine Mutter hat damals ohne sein Wissen seine Bewerbung an die „Stiftung“ abgeschickt. Die Frau, die sich als Pola vorstellt, erinnert ihn an seine Kindheit in einem Dorf, als er noch das kleine Kino besaß und seinen Hund Abraxus, der während einer Epidemie eingeschläfert wurde – wie fast alle Hunde. Er beschließt, sich um sie zu kümmern. Wenigstens, bis das Kind da ist. Auf dem Dachboden richtet er ein Haus im Haus für sie ein, mit Angebotsprospekten aus dem Flur und allem, was sich finden lässt.

Aber das genügt nicht. Pola braucht Nahrung und Strom. Von ihr geführt, unternehmen sie Ausflüge aufs Land, in die Gegend, die Pola verlassen hat. Dort leben noch immer die Menschen, die sie früher gekannt hat. Timon taucht immer tiefer ein in die Welt seiner Kindheit. Sehnsucht regt sich in ihm. In einer vernagelten Villa, die einst einem Industrieboss gehört hat, finden sie alles, was sie brauchen. Verlängerungskabel, Decken, ein kostbares Geschirr, mit dem Timon Jule bestechen will. Er begegnet einem Schulkameraden von früher, der in Bibelversen zu seiner Ratte spricht, wenn er Timon antwortet.

Das „Oktoberfest“ verläuft so ganz anders, als Jule sich das gewünscht hat. Sie beobachtet Clemens, der in einer Art Kochshow vorstellt, wie die Großmütter noch gekocht haben, wie gefährlich das war und wie verschwenderisch man damals mit den kostbaren Ressourcen umgegangen ist. Die Präsenz eines echten Hühnereis versetzt die Zuschauer in wohliges Grauen. Als er eine Frau aus dem Publikum bittet, einmal selbst eine Zwiebel zu schneiden, begegnet Jule ihrer eigenen Lust. Clemens interessiert sie fortan nicht mehr.

Die Frau mit dem Hund interessiert sie. Vom Dachboden wabert der Geruch von Zwiebeln, den sie nie mehr im Leben vergessen wird. Niemand außer ihr scheint das im Haus zu bemerken, nicht einmal der Hausdienst. Sie geht nachsehen und wird mit offenen Armen von Pola, Timon und einer Frau aus dem Klinikdistrikt empfangen. Gemeinsam essen sie Bratkartoffeln und Jule streichelt sogar den Hund. Von nun an geht sie öfter hinauf und isst mit Pola und Timon. Als das Baby geboren wird, muss sie aufpassen, ihren Kollegen in der Wäscherei nichts von dessen niedlichen Händchen zu erzählen.

Eines Tages findet Jule vor ihrer Tür den Rest des Geschirrs. Noch während sie die Teile zählt, bemerkt sie, wie still es auf dem Dachboden ist. Sie sind weg. Alle vier.

 

Birgit Vanderbekes „Die Frau mit dem Hund“ ist eine Dystopie. Sie zeichnet eine Welt, wie sie sein könnte, wenn die Menschen sich der Bevormundung durch ein Staatsgebilde beugen. In dieser Hinsicht hat mit der Roman an Juli Zehs „Corpus Delicti“ erinnert. Allerdings geht es Birgit Vanderbeke nicht darum, dem Staat seine Fehlbarkeit vor Augen zu führen, sondern um die Menschen. Die Frau mit dem Hund stellt einen Katalysator dar, der ihre verschütteten Sehnsüchte an die Oberfläche bringt. Durch sie nehmen sie Kontakt auf zu ihrer eigenen Lust auf und kommen davon nicht mehr los.

Bizarr wirkt die Welt, in der die Geschichte spielt, aber denkbar. Nach und nach erfährt man als Leser die konkreten Ausmaße der Bevormundung und Manipulation und was zu diesem Gesellschaftssystem geführt hat. Wie es die Art der Autorin ist, verpackt sie solche Informationen in lapidaren, aber messerscharfen Nebensätzen. Genau das mag ich so an ihr.

Die Geschichte bewegt sich zwischen Liebesgeschichte und Gesellschaftskritik. Erzählt werden die Ereignisse abwechselnd von Jule Tenbrock, Timon Abramowski und dazwischen immer wieder von Pola Nogueira, der schwangeren Frau mit dem Hund.

Die Sprache in ihren Büchern hat eine Wandlung erfahren. In ihren ersten Werken (z. B. „Das Muschelessen“ oder „abgehängt“) wabern ihre Sätze um Gegenstände und Begriffe, die sie immer wieder aufnimmt und in neue Zusammenhänge stellt. Dieses Stilmittel benutzt sie nach wie vor, jedoch sehr viel sparsamer. Das vermisse ich.

Fazit: Ich bin hin- und hergerissen. Ich mochte das Buch, es hat mich jedoch nicht so begeistert wie ihre früheren Werke. Das Thema, dessen Birgit Vanderbeke sich annimmt, ist jedoch brandaktuell und sie widmet sich ihm mit der von ihr gewohnten sprachlichen Präzision.

(Diese Rezension findet ihr auch bei den Büchereulen.)

Bücher im Oktober

Dem Monat Oktober bleiben nicht mehr allzu viele Tage im Kalender. Höchste Zeit, mit meiner Lesechronik fortzufahren.

Im Oktober beendet:

Auf dem Lesetisch:

Buchladenbeute:

Belohnung:

Dankeschön:

Bücher im Juli

Was für die Törnvorbereitungen galt, gilt auch für den Törn selbst: Kaum Zeit zum Lesen. Deshalb hat sich in meinem Nicht-Gelesen-Regal noch kein Plätzchen für neue Bücher aufgetan – was den Zuwachs an Büchern allerdings nicht beeinträchtigt. Weil sich Bücher und alte Segelschiffe nicht gut vertragen, rein feuchtigkeitstechnisch, habe ich zur Lektüre nur mein iPhone eingepackt.

Im Juli beendet:

  • Andreas Altmann: Triffst du Buddha, töte ihn! (Frei von jeglichem spirituellen oder esoterischen Schnickschnack kann man sich also auch der Mediation nach fernöstlichem Vorbild nähern. Interessanter Ansatz, den ich für meine eigene Weiterentwicklung im Auge behalten will.)
  • Sibylle Engels, Jan Eßwein: Meditation für Neugierige und Ungeduldige (Beschreibt und erklärt mit wissenschaftlichem Hintergrund die Wirkungen der Achtsamkeitsmeditation nach dem Vorbild der „Mindful based stress reduction“ (MBSR) des amerikanischen Arztes Jon Kabat-Zinn. Beschreibt und erklärt das, was ich intuitiv nach der Lektüre des ersten Buches ausprobiert habe, und gibt viele Anregungen zum Üben von Body Scan, Geh- und Sitzmeditationen. Darüber hinaus ist es sehr ansprechend gestaltet und bebildert. Nach anfänglicher Skepsis einem GU-Ratgeber gegenüber hat sich das Buch als Volltreffer erwiesen.)

Auf dem iPhone:

  • Stephan Schmid: Mrs. Winchester (unveröffentlichtes Manuskript als epub)
  • und noch allerhand mehr

Auf dem Lesetisch:

Buchladenbeute:

Gewonnen:

Literaturhaus Schleswig-Holstein

Ein Ort, an dem Literatur für jeden erlebbar gemacht wird, ist das Literaturhaus in Kiel.

Literaturhaus Schleswig-Holstein

Das Gebäude selbst, ein ehemaliges Wohnhaus im Alten Botanischen Garten am Schwanenweg, zwischen Universitätsklinik und Fördewasser gelegen, ist allerdings nur einer von vielen realen Orten, an denen sich die Arbeit des Literaturhauses „materialisiert“. Dort lesen bekannte Autoren aus ihren neuesten Werken, einmal im Jahr findet das Lesefest als Auftakt des „Europäischen Festivals des Debütomans“ statt, Autoren finden Beratung und Jugendliche üben sich im literarischen Schreiben.

Die Aufgaben, denen sich der Trägerverein verschrieben hat, sind vielfältig. Im Vordergrund steht jedoch, die Literatur des Landes und ihre Autoren zu unterstützen und einem großen Publikum bekannt zu machen. Damit das gelingt, arbeitet das Literaturhaus mit verschiedenen öffentlichen Einrichtungen im Land zusammen, zum Beispiel mit der Universität in Kiel bei der Realisierung der „Liliencron-Dozentur“ oder dem Nordkolleg in Rendsburg, wo Seminare zu unterschiedlichen Themen für Literaturproduzenten stattfinden.

Wie so viele andere Einrichtungen dieser Art ist auch das Literaturhaus auf finanzielle Zuwendung von Freunden und Förderern angewiesen. Deshalb hat sich ein Förderverein etabliert. Er unterstützt das Literaturhaus durch die Mitgliedsbeiträge materiell und ganz persönlich, indem Mitglieder des Vereins die Bewirtung an den Veranstaltungstagen übernehmen.

Die Homepage des Literaturhauses Schleswig-Holstein bietet neben einer ausführlichen Selbstdarstellung das Veranstaltungsprogramm und eine Autorendatenbank, mit deren Hilfe man sich einen Überblick über die literarische Landschaft in Schleswig-Holstein verschaffen kann.

Lesung Peter Stamm: Sieben Jahre

Das Jahr 2009 ist so schnell verflogen, dass ich es heute zum ersten Mal ins Literaturhaus geschafft habe, zur Lesung von Peter Stamm, der seinen aktuellen Roman „Sieben Jahre“ vorgestellt hat. Es ist schon einige Zeit vergangen, seit ich das Buch zu Ende gelesen habe, doch die Lesung heute brachte das Gefühl der Leidenschaftslosigkeit und des Sachlichen in diesen von Stamm beschriebenen Beziehungen wieder an die Oberfläche.

Peter Stamm, Schweizer Autor aus Winterthur mit einer Affinität zum Norden, schreibt über Menschen. Ihn interessieren die Beziehungen, sagt er, was den Menschen geschieht. Seine Hauptfigur Alexander, jung, studiert, Architekt, mit hochfliegenden Träumen, die er sich nie traut zu realisieren, erzählt aus der Ich-Perspektive, was ihm geschieht. Er bestimmt sein Leben kaum selbst, lässt sich so dahin treiben, etwas zu sagen oder zu tun sei eine Bewegung, die eine Entscheidung erforderlich gemacht hätte, heißt es irgendwo am Anfang des Buchs, als er Iwona trifft, eine Frau aus Polen, die illegal in Deutschland lebt.

Ich fragte mich, weshalb ich auf Iwona wartete, wenn mir ihre Gesellschaft so unangenehm war. Vielleicht aus einem Rest von Anstand, vielleicht auch nur, weil es zum Gehen einen Entschluss erfordert hätte und meine schlechte Laune mich lähmte.

Dann gibt es da noch Sonja, die Alex schon lange kennt, auch sie Architektin, schön, intelligent, aus gutem Stall, fast zu perfekt für einen wie Alex. Sie habe ihn überfordert mit ihrer Schönheit und allem, sagt sein Studienfreund Rüdiger, der eine Weile mit Sonja zusammen war. Alex fängt eine Beziehung mit Iwona an. Man wagt es kaum, dazu Beziehung zu sagen, weil sie nicht dem entspricht, was man landläufig darunter versteht. Er versucht sie zu küssen, mit ihr zu schlafen, sie wehrt ihn ab. Dass sie ihn liebt, wie sie sagt, mag man ihr kaum glauben. Erst, als Sonja und er sich dafür entscheiden, gemeinsame Pläne für die Zukunft zu machen (Architekturbüro, Haus, Hochzeit, Familie), zieht er sich von ihr zurück, keine Erklärung dafür findend, welche Anziehungskraft Iwona auf ihn ausübt.

Alles scheint geklärt, es könnte so ewig weitergehen mit Alex und Sonja, das Haus ist gebaut, das gemeinsame Architekturbüro läuft, wenn auch irgendwie mit angezogener Handbremse, Sonja hat ihre Träume von einem Leben in Marseille (fast) aufgegeben. Etwas fehlt: Sonja wird nicht schwanger. Was folgt: Sex nach der Temperaturmethode. Dann meldet sich Iwona bei ihm, braucht Geld. Alex wird – beinahe wie ein Süchtiger – rückfällig und diesmal schlafen sie miteinander. Durch Iwonas Nachbarn, der sich um sie kümmert, erfährt Alex eines Tages, dass Iwona schwanger ist. Als logische Folge seiner rationalen Überlegungen schlägt Alex ihr vor, das Kind zu sich zu nehmen, da sie es als Illegale in Deutschland nicht adäquat würde aufziehen können. Er spricht mit Sonja, die zunächst abweisend und mild schockiert reagiert, dann aber doch darauf eingeht. Dass Alex alles richtig macht, liest er daraus, dass Sonja dieselben Gedanken hat wie er, dass sie sogar dieselben Worte benutzt: „Schließlich ist es ja auch dein Kind“. Alex bringt das Neugeborene nach Hause, zunächst wissen sie nichts damit anzufangen.

Sonja kam näher und fragte, ob alles in Ordnung sei. Alles bestens, sagte ich. Sonja setzte sich im Schneidersitz neben mich und fing an zu weinen. Nach einer Weile fragte sie, was machen wir jetzt? Ich weiß nicht. Warten, dass sie aufwacht.

Dann beginnt das Befremden. Das Kind bleibt ein Fremdkörper.

Bis hier hin etwa las Peter Stamm in erstaunlich akzentfreiem Hochdeutsch (ich kenne nicht viele Schweizer, aber ich hatte mehr typisches Schweizerisch erwartet) Auszüge aus dem Buch; wie es ausgeht, sei hier nicht verraten. Es gibt eine Rahmenhandlung, die die einzelnen Teile des Romans zusammenfasst. Alex und Sonja begleiten Antje, eine Freundin von Sonja, die in Marseille als Malerin lebt und in deren Appartement die Beziehung zwischen Alex und Sonja begann, zu ihrer Vernissage. Antje kommt bei den beiden unter und auf der Autofahrt und später im Haus erzählt Alex ihr von Iwona und seiner Beziehung zu ihr.

Peter Stamm hat die zu lesenden Passagen sehr gut ausgewählt, um auch dem Publikum, das sein Buch noch nicht gelesen hatte, einen Eindruck zu vermitteln, worum es darin geht. Die Lesestimme des Autors untermalte die Kühle der kurzen und klaren Sätze. Sie machte Appetit auf mehr Stamm, den ich wohl jetzt immer mit dieser Stimme lesen werde.

Peter Stamm
Sieben Jahre

Frankfurt am Main : S. Fischer, 2009
18,95 € (Gebundene Ausgabe)