Vernetzt – Teil 1: Büchercommunities und Textkritik

Das Internet wimmelt nur so von Plattformen, auf denen sich Bücherliebhaber zusammenfinden. Weil sie sich über Leseerfahrungen austauschen wollen oder weil sie Informationen zum Literaturbetrieb suchen. Ein paar davon möchte ich hier vorstellen. Im „Uschtrin-Handbuch“ fehlen sie noch. Die neueren Plattformen nutzen die Möglichkeiten des Social Webs, andere sind schon etwas betagt und setzen auf Forentechnologie. Informativ sind sie alle. Und manche davon bieten zusätzlich die Möglichkeit, eigene Texte vorzustellen und durch die Mitglieder der Community beurteilen zu lassen.

Reine Literaturcommunities

LovelyBooks

http://www.lovelybooks.de/

LovelyBooks ist ein Forum für Leser. Hier treffen sie sich und stellen den zuletzt gelesenen Schmöker vor, sie chatten miteinander und finden sich in Gruppen zusammen, nach regionalen oder Genre-Gesichtspunkten. Man findet Termine von Lesungen, bekannte Autoren wie Sybille Berg, Milena Moser oder Sebastian Fitzek werden portraitiert und man kann ihnen Fragen stellen.
Hinter LovelyBooks steht der Holtzbrinck-Ableger „aboutbooks“. Holtzbrinck selbst ist im Social Web mit StudiVZ etc. erfolgreich. Das Web-2.0-Knowhow springt einen förmlich an. Alle Neuigkeiten auf lovelybooks finden sich auch bei Twitter und Facebook, außerdem betreiben Mitarbeiter und weitere Büchermenschen ein Weblog.

Ich mach was mit Büchern

http://wasmitbuechern.de/

Initiator Leander Wattig hatte die Idee, Menschen zusammenzubringen, die etwas mit Büchern machen. Ob das nun Buchhändler sind oder Bibliothekare, Autoren oder Lektoren, Leser oder Verleger. Ziel ist es, die gesamte Branche einander näher zu bringen. Büchermenschen stellen sich in Interviews vor oder schreiben Beiträge zu ihren Themen. Zu allen Aspekten des Literaturbetriebs findet man Namen und Adressen. Jeder kann mitmachen und sich entweder selbst vorstellen oder Informationen ergänzen. Und natürlich findet man „Ich mach was mit Büchern“ auch bei Twitter und Facebook und anderen Communities.

Mischformen

Literatur-Community

http://www.literatur-community.de/

Das Forum nimmt für sich in Anspruch, der „zentrale und aktuelle Treffpunkt für Bücherdiskussionen und Informationsbeschaffung literarischer Art“ zu sein. Hier diskutieren die Mitglieder über die zuletzt gelesenen Bücher, E-Books und ihre Leseerfahrungen. Einzige Web-2.0-Komponente ist die Anbindung ans Social Web via Twitter und Facebook.

Autoren bietet es die Möglichkeit, eigene Texte einzustellen und der allgemeinen Kritik auszusetzen. Und die fällt durchaus konstruktiv aus. Die im Autorenbereich Lesenden und Schreibenden nehmen das wirklich ernst.

quillp

http://www.quillp.com/

quillp führt Leute mit ähnlichen Leseinteressen zusammen. Hauptbestandteil der Plattform ist die eigene Bibliothek, die ein Nutzer anlegt. Die Bücher, die er liest oder im Regal stehen hat, lassen sich durch wenige Mausklicks in die eigene Bibliothek einfügen und bewerten. Rezensionen von amazon und eigene reichern die Bibliothek inhaltlich an. Wer ein ähnliches Leseprofil hat, wird einem als möglicher „Freund“ vorgeschlagen, mit dem man sich austauschen kann. Ein Weblog sowie Twitter verbinden quillp mit der Web-2.0-Welt. Ein Magazin informiert über neue Strömungen im Literaturbetrieb und stellt Texte von Lesern vor.

Das ist das zweite Standbein von quillp: Mitglieder können eigene Texte einstellen und so einen neuen Leserkreis finden. Die Idee dahinter ist, dass viele Talente unentdeckt bleiben, weil Verlage ihre Fahrwasser selten verlassen und keine Risiken eingehen wollen. quillp will Autoren eine Plattform bieten, ihre Werke dennoch an die Öffentlichkeit zu bringen, ohne einen Zuschussverlag oder Ähnliches einzuschalten. Als Nebeneffekt könnten Verlage hier auf neue Talente aufmerksam werden, so der eigene Anspruch der Plattformbetreiber. Mag sein, ein dort eingestelltes Buch fand ich auch bei amazon. Doch auf konstruktive Kritik der anderen Teilnehmer darf man nicht hoffen. Hier geht es mehr um Selbstdarstellung.

BookRix

http://www.bookrix.de/

Gleiches gilt für BookRix. Hier kann jeder seinen Text einstellen und als E-Book zum direkten Lesen oder Download anbieten, was mich als Anhänger des mobilen Lesens an sich begeistert. Die Qualität der Texte ist naturgemäß durchwachsen. Und im Forum herrschte eher Hauen und Stechen als friedliches und harmonisches Miteinander, so jedenfalls mein Eindruck. (Offensichtlich hat man im Forum gründlich aufgeräumt!). Konstruktive Kritik ist eher nicht zu erwarten. Schimpfen darf ich über die Plattform freilich nicht, hat mir der dort ausgeschriebene Krimi-Wettbewerb „Der Mörder geht ins Netz“ in diesem Jahr doch meine erste Veröffentlichung eingebracht.

Eine Literaturcommunity mit regem Austausch über Gelesenes und den Büchermarkt ist BookRix nur in zweiter Linie. Erst in letzter Zeit kann man sich eine eigene Bibliothek anlegen und so den anderen Mitgliedern seine Lektürevorlieben preisgeben. BookRix besitzt ebenfalls ein Weblog und ist bei Twitter und Facebook vertreten.

Xinxii

http://www.xinxii.com/

Diese Plattform passt hier nicht richtig hinein, deshalb erwähne ich sie nur am Rande. Sie ermöglicht Autoren den direkten Vertrieb ihrer Texte. Ohne Lektorat, versteht sich. Weshalb auch die Qualität stark schwankt. Vom Bestseller über ein Leben ohne Alkohol – der dank Xinxii inzwischen einen Verlag gefunden hat und im Buchhandel erhältlich ist – bis hin zu Strickmustern und Dokumentvorlagen findet sich allerhand. Und wie es sich für ein Web-2.0-Plattform gebührt, findet man Xinxii auch bei Twitter und Facebook. Pluspunkt auf dieser Seite: Es gibt reichlich Informationen zur Selbstvermarktung im Social Web für Autoren.

Tempest – Sturm im Schreiberkopf

Ganz begeistert bin ich immer wieder, wenn Menschen ihr Wissen teilen. Einen ganzen Fundus davon bietet die seit über 10 Jahren erscheinende Online-Zeitschrift Tempest, zu lesen im Autorenforum, dem Wissensportal für AutorInnen.

Schon der monatliche Tipp im Editorial macht Spaß. Ein kleiner Happen für’s Schreibergemüt und sehr nützlich: Astrologieseiten benutzen für das Charakterblatt, Zeilen noch einmal schreiben, wenn der Schreibfluss stockt, sprachliche Stolpersteine durch lautes Vorlesen aus dem Weg räumen, nach Fotos suchen, die einen inspirieren können …

Los geht es mit dem Schreib-Kick. Jeden Monat wird eine kleine Übung vorgestellt, die einem auf die Sprünge helfen kann, z. B. im Januar: Echo-Texte. Zu vorhandenen Texten einen Werbetext schreiben oder einen Verriss, eine Person aus einem Text in eine andere Situation versetzen und Ähnliches. Im Februar dann: Kombiniere Charakter-Eigenschaften von Mutter, Freund, Geliebter, Feind und Nachbarn und lass diese Figur ein Abenteuer erleben. Genau richtig. um loszuschreiben.

Der Lesetipp verweist auf Webseiten, die sich mit dem Schreiben beschäftigen. Der vom Juni 2008 empfiehlt die Webseite von Andreas Eschbach, auf der er seinen „10-Punkte-TÜV“ vorstellt. (Warum kommt mir das so bekannt vor?)

Weiter geht es mit dem Autorenwissen. In der Januarausgabe 2010 wird zum Beispiel erklärt, wie man ein Anschreiben an einen Verlag gestaltet und wie man beim Einsenden eines Manuskripts vorgehen sollte. Die Februarausgabe wartet in dieser Rubrik mit Tipps von Autoren auf, die man zwar schon vielerorts gelesen hat (Lesen vor dem Schreiben, sich einen Plan machen, üben, durchhalten, mit Rückschlägen fertig werden), die für den Anfänger jedoch ermutigend klingen. Etwas Anderes würde man hier vermutlich auch nicht veröffentlichen.

Im Schreibkurs geht es in der Februarausgabe um das Planting, also das Pflanzen einer Idee, die im Text dann zu allerhand spannenden Wendungen führen kann. Dazu gibt es Textbeispiele und Übungen. Jede Menge Futter für die Schreibgruppe.

In Abständen nimmt sich ein Experte des Autorenforums eingeschickte Texte zur Brust und analysiert sie. Die Januarausgabe startete den Aufruf für „Spannung, der Unterleib der Literatur„. Zu dieser Rubrik können Leser Texte einsenden, die eine bestimmte Form erfüllen müssen, Hans Peter Roentgen – dessen neuestes Werk „3 Seiten für ein Exposé“ gerade erschienen ist und in der Februarausgabe eine Buchbesprechung erhalten hat – nimmt sich den Text vor und gibt Tipps, wie der Autor ihn spannender gestalten kann. Handfestes Lektorat also, von dem man als Leser vermutlich ebensoviel lernt wie der Einsender des Textes.

Nach Interviews mit Autoren, Buchbesprechungen und Verlagsportraits beantworten die Experten Fragen zu verschiedenen Bereichen (Schreibhandwerk, Literaturagenturen, Verlagen) bzw. Genres (Fantasy, Kinderbuch, Lyrik, Krimis). Beispiele: Wie überbrücke ich lange Zeitsprünge? Wie finde ich den Namen des zuständigen Lektors bei einem Verlag? In welchem Zustand befindet sich meine Leiche, wenn sie … liegt? (Die letzte Frage beantwortete übrigens die Schriftstellerin Nikola Hahn, deren historische Frankfurt-Krimis „Die Detektivin“ oder „Die Farbe von Kristall“ ich sehr gern gelesen habe.)

Lauter nützliche Dinge für Möchtegerns wie mich. Die Zeitschrift kann ich nur weiterempfehlen. (… und mir vielleicht Gedanken darüber machen, ob ich dieses Weblog hier weiterführen will, wenn im Tempest ohnehin schon alles steht – und noch viel mehr. Aber nein, ich will ja üben!)

Den Tempest kann man abonnieren wie einen Newsletter. Erscheint eine neue Ausgabe (jeweils in der Mitte eines Monats), wird sie an die angegebene E-Mail-Adresse geschickt. Die aktuelle Ausgabe erhalten ausschließlich Abonnenten, die früheren Ausgaben sind online auf der Webseite nachzulesen. Teil 1 enthält die oben erwähnten Rubriken (und vielen mehr), Teil 2 kommt mit Hinweisen auf Veranstaltungen, Messen, Wettbewerbe und Publikationsmöglichkeiten. Die Zeitschrift ist kostenlos im Internet zu lesen, die Redaktion bittet den regelmäßigen Leser um finanzielle Unterstützung, die mit 15 € pro Jahr (Richtwert) sehr knapp bemessen ist. Nach bisheriger Lektüre ist die Zeitschrift davon jeden Cent wert.

Mein Fazit: Danke und weiter so!