Mord auf der Insel

Detering: Wer liebt, stirbt zweimal - Umschlagbild

Monika Detering: Wer liebt, stirbt zweimal (Insel-Krimi) – dp Digital Publishers 2016

Die Auricher Kripo-Kommissarin Carla Bernstiel tritt ihren Saisondienst auf der Ferieninsel Langeoog an. Außer mit Ruhestörungen und Fahrraddiebstählen bekommen sie und ihr einheimischer Kollege Gerrit Blau selten anderes zu tun im Inselrevier. Doch mit dem beschaulichen Dienst ist es vorbei, als die Feuerwehrsirenen tönen. Der Brand hat keinen allzu großen Schaden hinterlassen, doch findet die Feuerwehr auf dem Dachboden des Hauses zwei Mädchen, eines davon tot, das andere schwer verletzt. Die Besitzerin des Hauses weilt irgendwo am Bodensee. Als die Identität der Mädchen endlich geklärt ist, müssen Carla und Gerrit die Eltern mit einer unerträglichen Situation konfrontieren: Welche von beiden ist nun tot? Die lebenslustige Jördis, die zuletzt tiefe Persönlichkeitsveränderungen durchgemacht hat, oder ihre Freundin, die etwas biedere Ilka? Hat ein den Eltern unbekannter Freund die Mädchen erschlagen? Und was haben „die Auserwählten“, die zur Heilung sämtlicher Krankheiten ins „Haus der Insel“ laden, mit der ganzen Sache zu tun oder die Zettel mit den Gedichtzeilen, die am Brandhaus und an der Buchhandlung klebten?

Monika Detering spinnt in „Wer liebt, stirbt zweimal“ einen raffinierten Krimi zurecht, gespickt mit falschen Spuren, Missverständnissen und Aneinandervorbeiradeln. Der Leser ahnt viel mehr als die Kommissare wissen – die ziemlich damit beschäftigt sind, sich in dem kleinen Revier auf eine Form der Zusammenarbeit zu einigen. Für Gerrit Blau, der das ganze Jahr über allein sein Revier betreut, ist es alles andere als einfach, sich für den Sommer von einer Ranghöheren etwas sagen zu lassen. Erschwert wird die Arbeit noch durch die Insellage. Beweismittel müssen über die Nordsee geschippert werden, und wenn die Fähre weg ist, ist die Fähre weg. Monika Detering nutzt diese Situation einige Male, besonders um Carla Bernstiel eine Auszeit von den Inselquerelen zu gönnen, überstrapaziert sie aber nicht. Mittendrin, als die Ermittlungen nicht recht vorankommen wollen, bildet Staatsanwalt Storm eine SOKO und schickt die Polizistin Kirsten Köppel zur Unterstützung auf die Insel; noch ein Stein in Carla Bernstiels Weg, den sie gern allein geht. Was jedoch die Ursache für die Hassliebe zwischen ihr und Kirsten ist, erfährt der Leser in diesem Band nicht. Auch nicht, welche Gespenster der Kommissarin Kopfschmerzen bereiten. Sind das etwa Hinweise auf eine Fortsetzung?

Das Verhalten der Eltern in dieser schwierigen Situation schildert Monika Detering eindrucksvoll. Jeder reagiert anders: Bestürzung, Trauer, Agonie, Schuldzuweisung. Die eine Mutter traut sich nicht, ihr Glück zu zeigen, dass ihre Tochter überlebt hat, während die andere dem überlebenden Mädchen die Schuld für den Tod ihrer Tochter gibt. Deshalb können sie auch nur begrenzt zur Auflösung des Mordfalls beitragen.

Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas fehlt es dem Roman nicht an Witz und originellen Einfällen. Eine „Duschszene“ sticht dabei ganz klar hervor – obwohl die für den sonst eher ruhigen Krimi fast schon parodistisch wirkt. Die Tagung der „Auserwählten“ hätte ich mir ausführlicher gewünscht, hier wäre sicher noch mehr Platz für Komik gewesen. Originell wiederum, was sich Monika Detering für die – letztendlich gescheiterte – Beseitigung des Tatwerkzeugs hat einfallen lassen. Darauf muss man erst einmal kommen.

Einen – eher anderthalb Punkte – fehlen dennoch zur vollen 5-Sterne-Wertung. Und das liegt nicht etwa an der Geschichte, sondern an der Umsetzung. So gehen manchmal die Namen durcheinander und der Leser muss aufpassen, den Faden der Geschichte dabei zu behalten. Wer darüber hinwegsehen kann, erlebt einen befriedigenden Krimi. Darüber hinaus hätte ich mir – zusätzlich zu manchem Insel-Unikum, das auf Plattdütsch im Roman zu Wort kommt – mehr Insel-Flair gewünscht: Mehr Meer, mehr Dünen, mehr Strand. Aber den kann sich, wer Langeoog kennt, ja hinzudenken.

Birgit Vanderbeke: Die Frau mit dem Hund

Birgit Vanderbeke
Die Frau mit dem Hund
München : Piper, 2012
148 S., Hardcover, 16,99 €

Die Autorin führt uns in eine nahe, mögliche Zukunft. Ein nicht näher bezeichneter Krieg, in dem es „irgendwann gegen die eigenen Leute ging“, ist zu Ende. Es herrschen friedliche Zeiten. Verantwortlich dafür ist die „Stiftung“. Viele Menschen sind ihrem Ruf gefolgt, haben sich in Städten registrieren lassen und fristen nun dort ihr Dasein, nachdem die Dörfer eines nach dem anderen „vom Netz genommen“ worden sind. Alles außerhalb der Städte und die aufgegebenen Vororte sind „Detroit“. Dort gibt es all die gefährlichen Dinge, die es in der Stadt nicht mehr gibt: Tiere, Krankheiten, Keime. Gegen sie schützt sich die Stadt durch Zäune.

Unter der Obhut der „Stiftung“ erhalten die Menschen Wohnung, vorgefertigtes Essen – so viel sie brauchen, nicht mehr und nicht weniger – und Beschäftigung. Sei es in stiftungseigenen Betrieben, wie die Wäscherei, in der Jule Tenbrock arbeitet, oder bei ‚freiwilligen‘ gemeinnützigen Diensten, wie etwa den Aufbauarbeiten zum „Oktoberfest“, für die Timon Abramowski sich gemeldet hat. Für ihre Tätigkeiten erhalten sie Punkte auf ihrer Di-Card gutgeschrieben, die sie für Freizeitvergnügungen ausgeben können. Timon Abramowski lädt sich alte Filme für die Punkte. Jule Tenbrock mag schöne Dinge, und Clemens. Mit den Punkten auf ihrer Di-Card will sie ein Tafelservice erwerben, das ihr der Homeshopping-Kanal anpreist und mit dem sie Clemens bei einem romantischen Diner beeindrucken will.

Doch dazu kommt Jule nicht. Eines Tages kauert vor ihrer Tür eine Frau. Mit einem Hund. Jule weiß selbst nicht, warum sie es tut, aber sie gewährt der Frau Einlass in ihre Wohnung, lässt sie sogar dort übernachten und gibt ihr zu Essen. Jule ist froh, sie am nächsten Morgen wieder los zu sein.

Jules Nachbar Timon Abramowski nimmt sich der Frau an. Sie ist schwanger. Seine Mutter hat damals ohne sein Wissen seine Bewerbung an die „Stiftung“ abgeschickt. Die Frau, die sich als Pola vorstellt, erinnert ihn an seine Kindheit in einem Dorf, als er noch das kleine Kino besaß und seinen Hund Abraxus, der während einer Epidemie eingeschläfert wurde – wie fast alle Hunde. Er beschließt, sich um sie zu kümmern. Wenigstens, bis das Kind da ist. Auf dem Dachboden richtet er ein Haus im Haus für sie ein, mit Angebotsprospekten aus dem Flur und allem, was sich finden lässt.

Aber das genügt nicht. Pola braucht Nahrung und Strom. Von ihr geführt, unternehmen sie Ausflüge aufs Land, in die Gegend, die Pola verlassen hat. Dort leben noch immer die Menschen, die sie früher gekannt hat. Timon taucht immer tiefer ein in die Welt seiner Kindheit. Sehnsucht regt sich in ihm. In einer vernagelten Villa, die einst einem Industrieboss gehört hat, finden sie alles, was sie brauchen. Verlängerungskabel, Decken, ein kostbares Geschirr, mit dem Timon Jule bestechen will. Er begegnet einem Schulkameraden von früher, der in Bibelversen zu seiner Ratte spricht, wenn er Timon antwortet.

Das „Oktoberfest“ verläuft so ganz anders, als Jule sich das gewünscht hat. Sie beobachtet Clemens, der in einer Art Kochshow vorstellt, wie die Großmütter noch gekocht haben, wie gefährlich das war und wie verschwenderisch man damals mit den kostbaren Ressourcen umgegangen ist. Die Präsenz eines echten Hühnereis versetzt die Zuschauer in wohliges Grauen. Als er eine Frau aus dem Publikum bittet, einmal selbst eine Zwiebel zu schneiden, begegnet Jule ihrer eigenen Lust. Clemens interessiert sie fortan nicht mehr.

Die Frau mit dem Hund interessiert sie. Vom Dachboden wabert der Geruch von Zwiebeln, den sie nie mehr im Leben vergessen wird. Niemand außer ihr scheint das im Haus zu bemerken, nicht einmal der Hausdienst. Sie geht nachsehen und wird mit offenen Armen von Pola, Timon und einer Frau aus dem Klinikdistrikt empfangen. Gemeinsam essen sie Bratkartoffeln und Jule streichelt sogar den Hund. Von nun an geht sie öfter hinauf und isst mit Pola und Timon. Als das Baby geboren wird, muss sie aufpassen, ihren Kollegen in der Wäscherei nichts von dessen niedlichen Händchen zu erzählen.

Eines Tages findet Jule vor ihrer Tür den Rest des Geschirrs. Noch während sie die Teile zählt, bemerkt sie, wie still es auf dem Dachboden ist. Sie sind weg. Alle vier.

 

Birgit Vanderbekes „Die Frau mit dem Hund“ ist eine Dystopie. Sie zeichnet eine Welt, wie sie sein könnte, wenn die Menschen sich der Bevormundung durch ein Staatsgebilde beugen. In dieser Hinsicht hat mit der Roman an Juli Zehs „Corpus Delicti“ erinnert. Allerdings geht es Birgit Vanderbeke nicht darum, dem Staat seine Fehlbarkeit vor Augen zu führen, sondern um die Menschen. Die Frau mit dem Hund stellt einen Katalysator dar, der ihre verschütteten Sehnsüchte an die Oberfläche bringt. Durch sie nehmen sie Kontakt auf zu ihrer eigenen Lust auf und kommen davon nicht mehr los.

Bizarr wirkt die Welt, in der die Geschichte spielt, aber denkbar. Nach und nach erfährt man als Leser die konkreten Ausmaße der Bevormundung und Manipulation und was zu diesem Gesellschaftssystem geführt hat. Wie es die Art der Autorin ist, verpackt sie solche Informationen in lapidaren, aber messerscharfen Nebensätzen. Genau das mag ich so an ihr.

Die Geschichte bewegt sich zwischen Liebesgeschichte und Gesellschaftskritik. Erzählt werden die Ereignisse abwechselnd von Jule Tenbrock, Timon Abramowski und dazwischen immer wieder von Pola Nogueira, der schwangeren Frau mit dem Hund.

Die Sprache in ihren Büchern hat eine Wandlung erfahren. In ihren ersten Werken (z. B. „Das Muschelessen“ oder „abgehängt“) wabern ihre Sätze um Gegenstände und Begriffe, die sie immer wieder aufnimmt und in neue Zusammenhänge stellt. Dieses Stilmittel benutzt sie nach wie vor, jedoch sehr viel sparsamer. Das vermisse ich.

Fazit: Ich bin hin- und hergerissen. Ich mochte das Buch, es hat mich jedoch nicht so begeistert wie ihre früheren Werke. Das Thema, dessen Birgit Vanderbeke sich annimmt, ist jedoch brandaktuell und sie widmet sich ihm mit der von ihr gewohnten sprachlichen Präzision.

(Diese Rezension findet ihr auch bei den Büchereulen.)

Sibylle Berg: Der Mann schläft

Nichtfinden, suchen, sinnlos …

Sibylle Berg erzählt in ihrem für den Deutschen Buchpreis 2009 nominierten Roman „Der Mann schläft“ die Geschichte vom Finden und Verlieren einer … na, was? Soll man es Liebe nennen? Ja, und zwar eine ohne all die romantisch-verkitschten Vorstellungen, die frau sich erziehungs- und sozialisationshalber so angeeignet hat. Denn darüber ist die Protagonistin, deren Namen wir ebenso wenig erfahren wie den des Mannes, mit dem sie von heute auf morgen ihr Leben teilt, längst hinaus. Sie glaubt nicht mehr an die Liebe, damit werden allenfalls Waschmittel verkauft. Sie hat sich im Laufe ihres mittelalten Lebens zudem einen gehörigen Hass auf die Menschheit zugelegt, sie selbst eingeschlossen. Beziehungsversuche mit jungen Männern enden in unsäglichen Demütigungen. Wirkliche Freunde gibt es nicht, obwohl hie und da von solchen die Rede ist, Bekannten widmet sie allenfalls drei Stunden bei einem Abendessen, bevor sie erleichtert zurück in ihr Allein-Da-Sein in ihre Wohnung flüchtet, wo sie ihren Tagesablauf „mit der Perfektion eines Ikebana-Gestecks gestaltet“ – und Augen, Herz und Hirn vor der Welt verschließen kann. Nichts als Verachtung hat sie übrig für die Paarbindungen ihrer Umgebung.

Starren und die Zeit besiegen. Nichts denken und nichts fühlen, weil man es nicht aushält. Vermutlich entstehen so Mörder, Päderasten und Soldaten. Sie sind einer einer Lücke zwischen den Gedanken hängengeblieben.

Und doch ist da diese Sehnsucht.

Dann passiert es: Sie trifft ihn in einem dieser austauschbaren Designer-Cafés und beide wissen. Wortlos stehen sie auf und lassen ihre jeweilige Begleitung am Tisch sitzen. Vergleichsweise wortlos verlaufen auch die folgenden vier Jahre, in denen sie mit dem Mann zusammen ist, ihn erst nur besucht und später bei ihm einzieht. Nicht mehr loslassen will sie ihn, kriecht unter sein Hemd, der einzige Platz auf der Welt, der ihr sicher erscheint. Weil er sie so lässt, wie sie eben ist, weil er zwar mit ihren Launen nicht klar kommt, sie ihr aber nicht übel nimmt, weil er ihr Tee und Honig bringt, wenn sie krank ist. Keine Pläne machen, wie es einmal sein könnte, keine Aktivitäten zur Aufrechterhaltung der Spannung in der Liebe, wozu: Den Irrsinn des Verliebtseins hat sie sich ohnehin gespart. Lebensentwürfen an sich steht sie skeptisch gegenüber, wer weiß schon, wie man sich im nächsten Jahr fühlt:

Wüsste man es doch nur von Anfang an, wie rührend albern jeder Plan im Leben ist, dachte ich, das Auge ein wenig matt. Dann hätte man all die Stunden, die man verbringt mit der Erstellung von Listen, auf denen man Vor- und Nachteile einer Entscheidung aufzeichnet, und mit dem Sinnieren darüber, was sein würde und wie es aussehen sollte, das Leben, später, und all die unglaublich wichtigen Entscheidungen zum Grillen von Innereien verwenden können.

Und dennoch. Aus unerfindlichen Gründen macht man dann doch Dinge wie „normale“ Paare. Es beginnt mit einer Fahrt nach Mailand, es folgt ein Flug nach Tokio und dann hat sie die Idee mit dem Urlaub auf einer Insel im südchinesischen Meer, auf der ihr der Mann am Ende abhanden kommt. Er wollte doch nur eine Zeitung holen.

Und sie wartet, und hofft, dass er zurück kommt, sucht ihn, findet ihn nicht und verharrt schließlich in einer scheinbar ausweglosen Starre. Auf einer Insel im südchinesischen Meer. Täglich geht sie dieselben Wege ab. Nichts geht mehr, sie kommt nicht vorwärts und weiß nicht, warum sie zurück sollte. Dann begegnet sie einem Mädchen und von da an weiteren Menschen, die auf dieser Insel leben. Keiner davon unversehrt. Eine Prostituierte im Rollstuhl, ein Mädchen, das seine Mutter beim Großvater abgeladen hat, ein Chinese, dem die Mutter ein Bein amputiert hat. Sie erzählen ihr in langen Monologen ihre Lebensgeschichten, die die Protagonistin nicht interessieren. Sie erträgt sie nur, alkoholisiert. Sie muss entscheiden: Gehen oder bleiben und warten?

Sibylle Berg lässt die Ich-Erzählerin in zwei Zeitebenen erzählen, die sich aufeinander zu bewegen: Die Geschichte des Findens in den vergangenen vier Jahren (in ihrer Stadt und später bei ihm am See im Tessin) und die des Suchens im Heute in einer Zeitspanne von etwa einer Woche (auf der Insel im südchinesischen Meer). Am Schluss sitzt sie im Jetzt mit einer Flasche französischen Rotweins am Fähranleger und hält Ausschau nach dem Rotschopf, der die kleinen Chinesen, die auf dem Weg nach Hause sind, wie ein Riese überragen würde. Ihren Hass auf die Welt und die Verzweiflung drückt sie in drastischen, bisweilen bösartigen und immer wieder überraschenden Worten aus. Dazwischen flicht sie Gedanken über den Zustand der Welt, der Gesellschaft und der Menschen ein, denen sie allesamt ein vernichtendes Zeugnis ausstellt.

Gibt es einen größeren Witz als den Menschen? Emotionale Krüppel in abstoßenden Hüllen, der Welt, dem Rudel, dem Wetter, den Gewalten hilflos ausgeliefert, torkeln wir durch ein Dasein, das an Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist. All unsere ernsthaften Versuche, die Welt zu verstehen, charakterlich integre Personen zu werden, Besitz anzuhäufen, die Umwelt zu retten, Doktortitel zu erwerben, enden mit verschissenen Windeln im Altersheim.

Für den Mann hat sie fast liebevolle  Worte übrig. Fast wirkt es wie eine Überhöhung, wenn sie von ihm spricht. Hier spart sie sich jeden Zynismus:

Der Mann war neben mir, und ein Gefühl, als wäre er schon immer da gewesen, und würde er sich entfernen, entstünde eine unangenehme Leere. Es war ein Moment, der sich durch stille Perfektion auszeichnete. Die Temperatur, die Umgebung, die Freude, nicht alleine zu sein und dennoch unter keinem Druck zu stehen, machten ihn vollkommen.

Gestört wird die Idylle am See nur von ihren Begegnungen mit wiederum zwei Versehrten: Die seltsame Bekannte aus der Stadt besucht sie und hackt sich, nachdem die Protagonistin sich dazu durchgerungen hat, sie endgültig wegzuschicken, eine Hand ab, und auf einer Insel im See begegnet sie einem Kleinwüchsigen, der sich auf den Weltuntergang vorbereitet, indem er ein tsunamitaugliches Ufo baut. Beide sollen im späteren Verlauf des Romans wieder auftauchen.

Berg Zustandsschilderungen halten einem den Spiegel vor und lassen einen lange grübeln über so manche Wahrheit, die sie dem Leser förmlich ins Gesicht schleudert. Die Weltanschauung der Protagonistin deprimiert bisweilen und man klammert sich an jeden Funken Hoffnung, sie möge den Mann doch wieder finden. Berg lässt sie einem.

Sibylle Berg
Der Mann schläft
München : Hanser, 2009
19,90 € (Gebundene Ausgabe)

Juli Zeh: Corpus Delicti

Juli Zeh: Corpus Delicti - ein Prozess

Juli Zeh: Corpus Delicti – ein Prozess
München : btb-Verlag, 4. Aufl. 2010
ISBN 978-3-442-74066-6

Juli Zeh geht es um Freiheit, das Recht auf Selbstbestimmung, den Schutz der Privatsphäre vor Eingriffen des Staates. So beschreibt sie ihr Anliegen in einem Interview, das Denis Scheck mit ihr in seiner Sendung „Druckfrisch“ vom 5. April 2009 geführt hat. In ihrem Roman entwirft sie eine Welt, in der es diese Dinge nicht mehr gibt. Eine Dystopie, das Gegenteil einer Utopie, eine Welt also, die sich so niemand wünschen kann. Das Staatssystem folgt einer METHODE, die sich großschreiben muss, in der sich jedes menschliche Wesen einer Gesundheitsdiktatur zu unterwerfen hat. Die Behörden fordern Schlaf- und Ernährungsberichte ein und erlegen den „Bürgern“ ein tägliches Sportprogramm sowie häusliche Urinproben auf. Die Daten können aus einem in den Oberarm implantierten Chip ausgelesen werden. Wer dem nicht Folge leistet, wird vor den Kadi zitiert.

Mia Holl ist eine davon. Ihre Geschichte wird im Präsens erzählt. Sie ist Naturwissenschaftlerin, Anfang 30, Anhängerin der Methode, noch ohne Lebenspartner mit passendem Immunsystem, denn danach wird ausgesucht, wer sich mit wem fortpflanzen darf, arbeitet nicht, geht kaum noch aus ihrem „Wärterhaus“ hinaus und vernachlässigt sich und ihre Meldepflichten. Der „Große Bruder“ aus George Orwells „1984“ lässt schön grüßen. Ihr „Fall“ landet auf dem Tisch des Amtsgerichts, wo Heinrich Kramer ständiger Gast ist. Er ist Journalist, der für den „Gesunden Menschenverstand“ schreibt und Verfasser des Manifests „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“, auf dem sich die METHODE gründet. Der Name Holl tauchte vor nicht allzu langer Zeit schon einmal in einem Prozess auf, Mias Bruder Moritz war der Angeklagte, er wurde wegen Mordes verurteilt, entzog sich dann aber der Bestrafung durch die METHODE durch Selbstmord, der schlimmsten Verfehlung überhaupt (Moritz: „Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann.“). Moritz‘ Verurteilung ist der Anlass für Mia, am System zu zweifeln. In Rückblenden, für die Juli Zeh die Vergangenheitsform wählt, erfährt der Leser einiges über Mias Beziehung zu ihrem Bruder, dessen Ansichten über die METHODE, von denen er ihr bei heimlichen Treffen im Wald erzählt. Immer wieder taucht Kramer bei Mia auf und versucht sie bei einer Tasse heißem Wasser mit einem Spritzer Zitrone auf den rechten Weg zurück zu führen, doch Mias Zweifel werden stärker. Moritz hat ihr seine „ideale Geliebte“ hinterlassen, die nun, unsichtbar für andere Besucher, auf Mias Sofa hockt und ihr Moritz‘ Ansichten vor Augen hält. Mias Beziehung zu ihr und anderen Personen ihrer Umgebung bringt uns ein überpersönlicher „Wir“-Erzähler nahe. Mia gibt sich der Trauer hin und verstößt wieder und wieder gegen die Auflagen, was ihr eine Anklage nach der anderen einbringt, von METHODENfeindlichen Umtrieben, dem Missbrauch toxischer Substanzen (sie hat geraucht) bis hin zur Führung einer METHODENfeindlichen Vereinigung, genannt die ‚Schnecken‘, eine Splittergruppe der R.A.K., die mit terroristischen Anschlägen droht. Mit brachialer Gewalt setzt die METHODE ihre Interessen durch, als ihre Fehlbarkeit aufgedeckt wird. Moritz‘ Veurteilung stellt sich als Justizirrtum heraus. Die Unfehlbarkeit kann nur wiederhergestellt werden, wenn an Mia Holl ein Exempel statuiert wird. Sie wird als Person zum „Corpus delicti“. Mit allen Methoden, derer sich Diktaturen in der Vergangenheit bemächtigt haben: Unterschieben von Beweismaterial, getürkte Zeugenaussagen, Folter. Man erreicht Mias Verurteilung. Das Ende sei hier nicht verraten.

„Das Mittelalter ist keine Epoche, sondern der Name der menschlichen Natur.“

Das sagt Mia nach ihrer Verurteilung zu Heinrich Kramer, dem Verfasser des Manifests, auf das sich das Staatssystem, genannt METHODE, stützt. Ich muss gestehen, im Bibliothekskatalog der Deutschen Nationalbibliothek nachgesehen zu haben, ob es ein solches Werk tatsächlich gibt. Nicht zufällig wählt Juli Zeh diesen Namen für den Journalisten. Im 15. Jahrhundert diente schon einmal das Werk eines Verfassers gleichen Namens dazu, Andersdenkende aus der Gesellschaft zu tilgen, bekannt unter dem Namen „Hexenhammer“. Und genau darum geht es hier, um eine Hexenjagd. Mia hat in der von Juli Zeh skizzierten Gesellschaft in der Mitte des 21. Jahrhunderts den Status einer Hexe. „Vade retro“, sagt Kramer zu Mia und schlägt ein Kreuz – im Spaß, denn Gott ist aus der Gesellschaft ebenso verbannt wie das Recht auf eine öffentlich geäußerte eigene Meinung. Das Mittelalter hat zu Kramers Zeiten zahllose Märtyrer geschaffen, diese zweifelhafte Ehre wird Mia jedoch nicht zuteil, nachdem alles, was sie gesagt hat, gegen sie verwendet wurde. Bei der Schilderung der „peinlichen Befragung“, der man Mia unterzog, drängten sich mir aktuellere Bilder auf, ich sah die Pressefotos von Abu Ghraib vor mir. Mittelalter – mitten im 21. Jahrhundert.

Das Buch liest sich flüssig und entbehrt nicht einer gewissen Spannung. Natürlich ist die Diktatur der METHODE völlig überzeichnet und klischeehaft dargestellt. Die Figuren sind eher grob skizziert, aber das soll vermutlich so sein, sie wirken ein bisschen wie Marionetten in einem unglaublichen Schauspiel. Doch die Bilder, die Zeh wortgewaltig malt, sind beängstigend und gar nicht mal so undenkbar. In den letzten Jahren wird immer mehr, was man bisher dem menschlichen Privatvergnügen zugerechnet hat, staatlicher Kontrolle unterworfen. Als Beispiele seien nur das Rauchverbot genannt und Überlegungen, Unfälle beim Freizeitsport nicht mehr auf Krankenschein zu behandeln. Wer sich Vorsorgeuntersuchungen nicht unterzieht oder es versäumt, sich im Bonusheft den jährlichen Stempel des Zahnarztes zu holen, der wird zur Kasse gebeten. Unversehens landet man in Programmen der Krankenkassen für chronisch Kranke, wenn man ein bestimmtes Medikament verschrieben bekommen hat. „Corpus Delicti“ regt dazu an, solche Entwicklungen kritisch im Auge zu behalten. Man muss ja deswegen nicht gleich das Trinkwasser vergiften, man gönne sich statt dessen lieber einen starken Kaffee oder einen Rotwein und eine politisch vollkommen unkorrekte Zigarette.