Ideen beim Gehen

Wald in Waldhessen

… oder das Schreiben im Walde

Bevor ich mich an meinen Rechner setze, um Texte zu produzieren, spaziere ich durch Wald und Feld; manchmal auch zwischendurch, wenn das Schreiben hakt. Jeden Tag sieht es dort anders aus. Jeden Tag entdecke ich neue Farben, neue Pflanzen, neue Lichtverhältnisse.

Doch es sind nicht die Farben oder die Ausblicke, die mein Schreiben anheizen. Es ist die Bewegung. Darüber wurde schon von berufener Stelle geschrieben. Haruki Murakami hat dem Laufen – und damit meint er das Joggen – ein ganzes Buch gewidmet mit dem Titel „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“. Und in der 1. Ausgabe der „TextArt“ von 2011 schreibt Anette Koppelberg über das Laufen. „Der Text als Marathon“ lautet der Titel ihres Artikels.

Ich spreche nicht vom Laufen. Ich gehe. Laufen bekommt mir nicht. Ich fange mir eine Erkältung ein oder verstauche mir das Handgelenk. Nicht beim Sport, sondern bei völlig banalen Aktivitäten. Das zwingt mich zu pausieren und dann bin ich raus aus dem Lauf.

Also gehe ich. Ich gehe zügig und bleibe nur manchmal an Orten mit spannenden Ausblicken stehen, atme tief und fotografiere was. Wie es Anette Koppelberg beschreibt, kommen mir beim Gehen die besten Ideen. Bevor ich starte, überlege ich, was ich zuletzt geschrieben habe, und führe es beim Gehen fort. Es ist, als rüttelte das Stampfen meiner Füße auf dem Waldboden die Gedanken aus meinen Hirnwindungen heraus an eine Stelle, an der sie bereitliegen, bis ich wieder am Schreibtisch sitze. Es kommt mir so vor, als wäre mein Kopf eine Worthalle mit Winkeln und Erkern und Mulden, in denen die Sätze liegen, die ich brauche. Beim Gehen schüttele ich alles durch, einiges poltert heraus und sammelt sich vor einer Art Trichter, einem Auslass, den ich später nur noch öffnen muss. Ich brauche nur noch aufzuschreiben, was herausfließt. Satzanfänge, Figuren, Kapitelverläufe, Handlungsstränge, die einen Plot vervollständigen – all das sprudelt nur so beim Gehen.

Die Charaktere, die Atmosphäre, die Beschreibungen, die Formulierungen scheinen bereits fertig in meinem Kopf gestaltet zu sein. Wenn ich am Rechner sitze und die Sätze stecken fest, dann gehe ich eine Runde und sie sind da. Es ist ein Wunder. Oder auch nicht. Gewiss gibt es dafür neurobiologische Erklärungen. Die sind allerdings nicht wirklich von Bedeutung, solange der Prozess an sich funktioniert.

Und so kehre ich mit vielerlei Profit an meinen Schreibtisch zurück: Ich hatte Bewegung an der frischen Luft, habe mich an den Düften des Waldes erfreut und bin gerüstet für die nächsten Kapitel meines Texts. Denn was ich schreiben will, muss ich nur noch aufsammeln.

Literatur:

Anette Koppelberg: Der Text als Marathon. Autoren, die laufend schreiben und schreibend laufen. TextArt, 1-2011, S. 52 – 55