Ein Bekenntnis

Ich schreibe für mein Leben.
Nicht nur für mein Leben gern, sondern wort-wörtlich „für mein Leben“. Im Schreiben sortiere ich die Ereignisse des Tages, der Nacht, meine Gefühle, Gedanken. Schreiben hilft mir dabei, die Welt zu verstehen, mich selbst zu verstehen, meinen Platz in der Welt zu verstehen, zu begreifen, greifbar zu machen, indem ich aufschreibe, mit dem Stift in der Hand. Schreiben ist Denken. Schreiben ist Entdecken. Schreiben ist Begreifen. Schreiben ist Lernen. 

Wenn ich sage, ich schreibe für mein Leben, heißt das nicht, ich könnte ohne Schreiben nicht leben. Aber ohne Schreiben hätte ich sicher nicht dieses Leben.
In doppelter Hinsicht: Ich verdiene inzwischen Geld mit dem Schreiben, und ich hätte ein anderes Leben, mein Leben würde sich anders anfühlen, ich würde mich anders in der Welt bewegen, würde ich nicht schreiben. Ich säße vielleicht immer noch an einem Schreibtisch in irgendeiner Bibliothek und schöbe Frust darüber, wie die institutionalisierte Literaturverwaltung den Wissensuchenden den Zugang zu Wissen nach wie vor derartig erschwert. Ich wäre vielleicht nicht einmal krank geworden, hätte ich nicht angefangen zu schreiben. Ich hätte mich wahrscheinlich mit diesem unbefriedigenden Dasein abgefunden, mit dem Frust, diesen Zustand für normal gehalten, wie so viele andere Angestellte, Berufstätige, die ich kenne, das tun. Das Schreiben hat mir eine neue Welt geöffnet.

Damals wusste ich noch nicht, wie weit diese Welt sein würde, ohne Ort, ohne Zeit, ohne Grenzen. Mein Körper muss es gewusst haben. Er hat gestreikt, mir zugebrüllt: Hör auf mit dem Scheiß, du vergeudest nur deine Zeit. Deine Bestimmung ist eine ganz andere. Nicht zum ersten Mal hat er das geäußert, aber zum ersten Mal hat er mich gezwungen zuzuhören.

Ich gab den Beruf auf. Nicht nur ich stellte mir die Frage: Was willst du stattdessen machen? Die Antwort: Ich will schreiben. Ich sagte das mit einem Gefühl von Unsicherheit, fragte mich: Will ich das wirklich? Kann ich das überhaupt? Ich steckte ja noch in den Anfängen, produzierte Texte, die etwas aufscheinen ließen, die aber noch weit davon entfernt waren, bei anderen Freude am Lesen zu hinterlassen. Wie sollte ich das schaffen? Tief drinnen aber war die Überzeugung da. Trotz aller Fragen, trotz aller Zweifel gab es damals schon die Gewissheit in der Aussage: Ich will schreiben.

Heute ist das mein Bekenntnis, in voller Klarheit: Ich will schreiben. Inzwischen vergeht kaum noch ein Tag, an dem ich nicht schreibe. Ich will auch alles, was daran hängt, wenn man das Schreiben nicht mehr nur für sich macht, sondern sich damit zeigt, veröffentlicht.

Sieben Jahre sind seit diesem Schritt vergangen. In dieser Zeitspanne, sieben Jahre, hat sich der menschliche Körper einmal komplett erneuert, bis in die letzte Zelle. So habe ich mich verändert, das Schreiben hat mich verändert. Vor allem das Schreiben mit der Hand, die Hirn-Hand-Kopplung, schaufelt tief verborgenes Wissen an die Oberfläche, Einsichten, Erkenntnisse die schon immer da waren, die ich aber vor lauter Gedankenlärm im Kopf nie wahrgenommen habe. Angst und Selbstzweifel haben alles übertönt. Mit dem Schreiben erhalte ich Zugang zu tieferen Schichten. Nicht nachdenken, das unterbricht den Flow. Einfach laufen lassen, die Hand, Sortieren kommt später, prüfen, was ich brauchbar finde, verwerfen, was weg kann. Im Schreibfluss offenbaren sich Wahrheiten, über Figuren in fiktiven Geschichten, über Zusammenhänge, über meine Gedanken, mein Verhalten, mein Empfinden. Schreiben ist ein zutiefst körperlicher Prozess. Indem ich die Reaktionen meines Körpers beobachte – der Bauch spielt dabei eine elementare Rolle -, merke ich, ob etwas wahr ist oder gelogen. Wahres macht warm im Bauch, es steigt auf, belebt, euphorisiert. Wenn etwas nicht stimmt, hängt es im Nacken, macht unruhig, sinkt bis in die Knie. Indem ich schreibe, kann ich mich klar sehen, die Welt um mich herum klarer sehen.

Deshalb – und nur deshalb – schreibe ich. Alles andere (Buchverträge, den wunderbarsten Agenten der Welt zu haben, Interviews, Fernsehauftritte) sind Zugabe. Diese Dinge kommen, wenn die eigene Wahrheit an die Oberfläche tritt, von ganz allein. Daran glaube ich.

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