Juli Zeh: Corpus Delicti

Juli Zeh: Corpus Delicti – ein Prozess
München : btb-Verlag, 4. Aufl. 2010
ISBN 978-3-442-74066-6

Juli Zeh geht es um Freiheit, das Recht auf Selbstbestimmung, den Schutz der Privatsphäre vor Eingriffen des Staates. So beschreibt sie ihr Anliegen in einem Interview, das Denis Scheck mit ihr in seiner Sendung „Druckfrisch“ vom 5. April 2009 geführt hat. In ihrem Roman entwirft sie eine Welt, in der es diese Dinge nicht mehr gibt. Eine Dystopie, das Gegenteil einer Utopie, eine Welt also, die sich so niemand wünschen kann. Das Staatssystem folgt einer METHODE, die sich großschreiben muss, in der sich jedes menschliche Wesen einer Gesundheitsdiktatur zu unterwerfen hat. Die Behörden fordern Schlaf- und Ernährungsberichte ein und erlegen den „Bürgern“ ein tägliches Sportprogramm sowie häusliche Urinproben auf. Die Daten können aus einem in den Oberarm implantierten Chip ausgelesen werden. Wer dem nicht Folge leistet, wird vor den Kadi zitiert.

Mia Holl ist eine davon. Ihre Geschichte wird im Präsens erzählt. Sie ist Naturwissenschaftlerin, Anfang 30, Anhängerin der Methode, noch ohne Lebenspartner mit passendem Immunsystem, denn danach wird ausgesucht, wer sich mit wem fortpflanzen darf, arbeitet nicht, geht kaum noch aus ihrem „Wärterhaus“ hinaus und vernachlässigt sich und ihre Meldepflichten. Der „Große Bruder“ aus George Orwells „1984“ lässt schön grüßen. Ihr „Fall“ landet auf dem Tisch des Amtsgerichts, wo Heinrich Kramer ständiger Gast ist. Er ist Journalist, der für den „Gesunden Menschenverstand“ schreibt und Verfasser des Manifests „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“, auf dem sich die METHODE gründet. Der Name Holl tauchte vor nicht allzu langer Zeit schon einmal in einem Prozess auf, Mias Bruder Moritz war der Angeklagte, er wurde wegen Mordes verurteilt, entzog sich dann aber der Bestrafung durch die METHODE durch Selbstmord, der schlimmsten Verfehlung überhaupt (Moritz: „Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann.“). Moritz‘ Verurteilung ist der Anlass für Mia, am System zu zweifeln. In Rückblenden, für die Juli Zeh die Vergangenheitsform wählt, erfährt der Leser einiges über Mias Beziehung zu ihrem Bruder, dessen Ansichten über die METHODE, von denen er ihr bei heimlichen Treffen im Wald erzählt. Immer wieder taucht Kramer bei Mia auf und versucht sie bei einer Tasse heißem Wasser mit einem Spritzer Zitrone auf den rechten Weg zurück zu führen, doch Mias Zweifel werden stärker. Moritz hat ihr seine „ideale Geliebte“ hinterlassen, die nun, unsichtbar für andere Besucher, auf Mias Sofa hockt und ihr Moritz‘ Ansichten vor Augen hält. Mias Beziehung zu ihr und anderen Personen ihrer Umgebung bringt uns ein überpersönlicher „Wir“-Erzähler nahe. Mia gibt sich der Trauer hin und verstößt wieder und wieder gegen die Auflagen, was ihr eine Anklage nach der anderen einbringt, von METHODENfeindlichen Umtrieben, dem Missbrauch toxischer Substanzen (sie hat geraucht) bis hin zur Führung einer METHODENfeindlichen Vereinigung, genannt die ‚Schnecken‘, eine Splittergruppe der R.A.K., die mit terroristischen Anschlägen droht. Mit brachialer Gewalt setzt die METHODE ihre Interessen durch, als ihre Fehlbarkeit aufgedeckt wird. Moritz‘ Veurteilung stellt sich als Justizirrtum heraus. Die Unfehlbarkeit kann nur wiederhergestellt werden, wenn an Mia Holl ein Exempel statuiert wird. Sie wird als Person zum „Corpus delicti“. Mit allen Methoden, derer sich Diktaturen in der Vergangenheit bemächtigt haben: Unterschieben von Beweismaterial, getürkte Zeugenaussagen, Folter. Man erreicht Mias Verurteilung. Das Ende sei hier nicht verraten.

„Das Mittelalter ist keine Epoche, sondern der Name der menschlichen Natur.“

Das sagt Mia nach ihrer Verurteilung zu Heinrich Kramer, dem Verfasser des Manifests, auf das sich das Staatssystem, genannt METHODE, stützt. Ich muss gestehen, im Bibliothekskatalog der Deutschen Nationalbibliothek nachgesehen zu haben, ob es ein solches Werk tatsächlich gibt. Nicht zufällig wählt Juli Zeh diesen Namen für den Journalisten. Im 15. Jahrhundert diente schon einmal das Werk eines Verfassers gleichen Namens dazu, Andersdenkende aus der Gesellschaft zu tilgen, bekannt unter dem Namen „Hexenhammer“. Und genau darum geht es hier, um eine Hexenjagd. Mia hat in der von Juli Zeh skizzierten Gesellschaft in der Mitte des 21. Jahrhunderts den Status einer Hexe. „Vade retro“, sagt Kramer zu Mia und schlägt ein Kreuz – im Spaß, denn Gott ist aus der Gesellschaft ebenso verbannt wie das Recht auf eine öffentlich geäußerte eigene Meinung. Das Mittelalter hat zu Kramers Zeiten zahllose Märtyrer geschaffen, diese zweifelhafte Ehre wird Mia jedoch nicht zuteil, nachdem alles, was sie gesagt hat, gegen sie verwendet wurde. Bei der Schilderung der „peinlichen Befragung“, der man Mia unterzog, drängten sich mir aktuellere Bilder auf, ich sah die Pressefotos von Abu Ghraib vor mir. Mittelalter – mitten im 21. Jahrhundert.

Das Buch liest sich flüssig und entbehrt nicht einer gewissen Spannung. Natürlich ist die Diktatur der METHODE völlig überzeichnet und klischeehaft dargestellt. Die Figuren sind eher grob skizziert, aber das soll vermutlich so sein, sie wirken ein bisschen wie Marionetten in einem unglaublichen Schauspiel. Doch die Bilder, die Zeh wortgewaltig malt, sind beängstigend und gar nicht mal so undenkbar. In den letzten Jahren wird immer mehr, was man bisher dem menschlichen Privatvergnügen zugerechnet hat, staatlicher Kontrolle unterworfen. Als Beispiele seien nur das Rauchverbot genannt und Überlegungen, Unfälle beim Freizeitsport nicht mehr auf Krankenschein zu behandeln. Wer sich Vorsorgeuntersuchungen nicht unterzieht oder es versäumt, sich im Bonusheft den jährlichen Stempel des Zahnarztes zu holen, der wird zur Kasse gebeten. Unversehens landet man in Programmen der Krankenkassen für chronisch Kranke, wenn man ein bestimmtes Medikament verschrieben bekommen hat. „Corpus Delicti“ regt dazu an, solche Entwicklungen kritisch im Auge zu behalten. Man muss ja deswegen nicht gleich das Trinkwasser vergiften, man gönne sich statt dessen lieber einen starken Kaffee oder einen Rotwein und eine politisch vollkommen unkorrekte Zigarette.