Lesung Peter Stamm: Sieben Jahre

Das Jahr 2009 ist so schnell verflogen, dass ich es heute zum ersten Mal ins Literaturhaus geschafft habe, zur Lesung von Peter Stamm, der seinen aktuellen Roman „Sieben Jahre“ vorgestellt hat. Es ist schon einige Zeit vergangen, seit ich das Buch zu Ende gelesen habe, doch die Lesung heute brachte das Gefühl der Leidenschaftslosigkeit und des Sachlichen in diesen von Stamm beschriebenen Beziehungen wieder an die Oberfläche.

Peter Stamm, Schweizer Autor aus Winterthur mit einer Affinität zum Norden, schreibt über Menschen. Ihn interessieren die Beziehungen, sagt er, was den Menschen geschieht. Seine Hauptfigur Alexander, jung, studiert, Architekt, mit hochfliegenden Träumen, die er sich nie traut zu realisieren, erzählt aus der Ich-Perspektive, was ihm geschieht. Er bestimmt sein Leben kaum selbst, lässt sich so dahin treiben, etwas zu sagen oder zu tun sei eine Bewegung, die eine Entscheidung erforderlich gemacht hätte, heißt es irgendwo am Anfang des Buchs, als er Iwona trifft, eine Frau aus Polen, die illegal in Deutschland lebt.

Ich fragte mich, weshalb ich auf Iwona wartete, wenn mir ihre Gesellschaft so unangenehm war. Vielleicht aus einem Rest von Anstand, vielleicht auch nur, weil es zum Gehen einen Entschluss erfordert hätte und meine schlechte Laune mich lähmte.

Dann gibt es da noch Sonja, die Alex schon lange kennt, auch sie Architektin, schön, intelligent, aus gutem Stall, fast zu perfekt für einen wie Alex. Sie habe ihn überfordert mit ihrer Schönheit und allem, sagt sein Studienfreund Rüdiger, der eine Weile mit Sonja zusammen war. Alex fängt eine Beziehung mit Iwona an. Man wagt es kaum, dazu Beziehung zu sagen, weil sie nicht dem entspricht, was man landläufig darunter versteht. Er versucht sie zu küssen, mit ihr zu schlafen, sie wehrt ihn ab. Dass sie ihn liebt, wie sie sagt, mag man ihr kaum glauben. Erst, als Sonja und er sich dafür entscheiden, gemeinsame Pläne für die Zukunft zu machen (Architekturbüro, Haus, Hochzeit, Familie), zieht er sich von ihr zurück, keine Erklärung dafür findend, welche Anziehungskraft Iwona auf ihn ausübt.

Alles scheint geklärt, es könnte so ewig weitergehen mit Alex und Sonja, das Haus ist gebaut, das gemeinsame Architekturbüro läuft, wenn auch irgendwie mit angezogener Handbremse, Sonja hat ihre Träume von einem Leben in Marseille (fast) aufgegeben. Etwas fehlt: Sonja wird nicht schwanger. Was folgt: Sex nach der Temperaturmethode. Dann meldet sich Iwona bei ihm, braucht Geld. Alex wird – beinahe wie ein Süchtiger – rückfällig und diesmal schlafen sie miteinander. Durch Iwonas Nachbarn, der sich um sie kümmert, erfährt Alex eines Tages, dass Iwona schwanger ist. Als logische Folge seiner rationalen Überlegungen schlägt Alex ihr vor, das Kind zu sich zu nehmen, da sie es als Illegale in Deutschland nicht adäquat würde aufziehen können. Er spricht mit Sonja, die zunächst abweisend und mild schockiert reagiert, dann aber doch darauf eingeht. Dass Alex alles richtig macht, liest er daraus, dass Sonja dieselben Gedanken hat wie er, dass sie sogar dieselben Worte benutzt: „Schließlich ist es ja auch dein Kind“. Alex bringt das Neugeborene nach Hause, zunächst wissen sie nichts damit anzufangen.

Sonja kam näher und fragte, ob alles in Ordnung sei. Alles bestens, sagte ich. Sonja setzte sich im Schneidersitz neben mich und fing an zu weinen. Nach einer Weile fragte sie, was machen wir jetzt? Ich weiß nicht. Warten, dass sie aufwacht.

Dann beginnt das Befremden. Das Kind bleibt ein Fremdkörper.

Bis hier hin etwa las Peter Stamm in erstaunlich akzentfreiem Hochdeutsch (ich kenne nicht viele Schweizer, aber ich hatte mehr typisches Schweizerisch erwartet) Auszüge aus dem Buch; wie es ausgeht, sei hier nicht verraten. Es gibt eine Rahmenhandlung, die die einzelnen Teile des Romans zusammenfasst. Alex und Sonja begleiten Antje, eine Freundin von Sonja, die in Marseille als Malerin lebt und in deren Appartement die Beziehung zwischen Alex und Sonja begann, zu ihrer Vernissage. Antje kommt bei den beiden unter und auf der Autofahrt und später im Haus erzählt Alex ihr von Iwona und seiner Beziehung zu ihr.

Peter Stamm hat die zu lesenden Passagen sehr gut ausgewählt, um auch dem Publikum, das sein Buch noch nicht gelesen hatte, einen Eindruck zu vermitteln, worum es darin geht. Die Lesestimme des Autors untermalte die Kühle der kurzen und klaren Sätze. Sie machte Appetit auf mehr Stamm, den ich wohl jetzt immer mit dieser Stimme lesen werde.

Peter Stamm
Sieben Jahre

Frankfurt am Main : S. Fischer, 2009
18,95 € (Gebundene Ausgabe)