Mord auf der Insel

Monika Detering: Wer liebt, stirbt zweimal (Insel-Krimi) – dp Digital Publishers 2016

Die Auricher Kripo-Kommissarin Carla Bernstiel tritt ihren Saisondienst auf der Ferieninsel Langeoog an. Außer mit Ruhestörungen und Fahrraddiebstählen bekommen sie und ihr einheimischer Kollege Gerrit Blau selten anderes zu tun im Inselrevier. Doch mit dem beschaulichen Dienst ist es vorbei, als die Feuerwehrsirenen tönen. Der Brand hat keinen allzu großen Schaden hinterlassen, doch findet die Feuerwehr auf dem Dachboden des Hauses zwei Mädchen, eines davon tot, das andere schwer verletzt. Die Besitzerin des Hauses weilt irgendwo am Bodensee. Als die Identität der Mädchen endlich geklärt ist, müssen Carla und Gerrit die Eltern mit einer unerträglichen Situation konfrontieren: Welche von beiden ist nun tot? Die lebenslustige Jördis, die zuletzt tiefe Persönlichkeitsveränderungen durchgemacht hat, oder ihre Freundin, die etwas biedere Ilka? Hat ein den Eltern unbekannter Freund die Mädchen erschlagen? Und was haben „die Auserwählten“, die zur Heilung sämtlicher Krankheiten ins „Haus der Insel“ laden, mit der ganzen Sache zu tun oder die Zettel mit den Gedichtzeilen, die am Brandhaus und an der Buchhandlung klebten?

Monika Detering spinnt in „Wer liebt, stirbt zweimal“ einen raffinierten Krimi zurecht, gespickt mit falschen Spuren, Missverständnissen und Aneinandervorbeiradeln. Der Leser ahnt viel mehr als die Kommissare wissen – die ziemlich damit beschäftigt sind, sich in dem kleinen Revier auf eine Form der Zusammenarbeit zu einigen. Für Gerrit Blau, der das ganze Jahr über allein sein Revier betreut, ist es alles andere als einfach, sich für den Sommer von einer Ranghöheren etwas sagen zu lassen. Erschwert wird die Arbeit noch durch die Insellage. Beweismittel müssen über die Nordsee geschippert werden, und wenn die Fähre weg ist, ist die Fähre weg. Monika Detering nutzt diese Situation einige Male, besonders um Carla Bernstiel eine Auszeit von den Inselquerelen zu gönnen, überstrapaziert sie aber nicht. Mittendrin, als die Ermittlungen nicht recht vorankommen wollen, bildet Staatsanwalt Storm eine SOKO und schickt die Polizistin Kirsten Köppel zur Unterstützung auf die Insel; noch ein Stein in Carla Bernstiels Weg, den sie gern allein geht. Was jedoch die Ursache für die Hassliebe zwischen ihr und Kirsten ist, erfährt der Leser in diesem Band nicht. Auch nicht, welche Gespenster der Kommissarin Kopfschmerzen bereiten. Sind das etwa Hinweise auf eine Fortsetzung?

Das Verhalten der Eltern in dieser schwierigen Situation schildert Monika Detering eindrucksvoll. Jeder reagiert anders: Bestürzung, Trauer, Agonie, Schuldzuweisung. Die eine Mutter traut sich nicht, ihr Glück zu zeigen, dass ihre Tochter überlebt hat, während die andere dem überlebenden Mädchen die Schuld für den Tod ihrer Tochter gibt. Deshalb können sie auch nur begrenzt zur Auflösung des Mordfalls beitragen.

Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas fehlt es dem Roman nicht an Witz und originellen Einfällen. Eine „Duschszene“ sticht dabei ganz klar hervor – obwohl die für den sonst eher ruhigen Krimi fast schon parodistisch wirkt. Die Tagung der „Auserwählten“ hätte ich mir ausführlicher gewünscht, hier wäre sicher noch mehr Platz für Komik gewesen. Originell wiederum, was sich Monika Detering für die – letztendlich gescheiterte – Beseitigung des Tatwerkzeugs hat einfallen lassen. Darauf muss man erst einmal kommen.

Einen – eher anderthalb Punkte – fehlen dennoch zur vollen 5-Sterne-Wertung. Und das liegt nicht etwa an der Geschichte, sondern an der Umsetzung. So gehen manchmal die Namen durcheinander und der Leser muss aufpassen, den Faden der Geschichte dabei zu behalten. Wer darüber hinwegsehen kann, erlebt einen befriedigenden Krimi. Darüber hinaus hätte ich mir – zusätzlich zu manchem Insel-Unikum, das auf Plattdütsch im Roman zu Wort kommt – mehr Insel-Flair gewünscht: Mehr Meer, mehr Dünen, mehr Strand. Aber den kann sich, wer Langeoog kennt, ja hinzudenken.