Stephen King: Das Leben und das Schreiben

Nun also zu dem Buch, das Pate stand für den Namen dieses Weblogs. Den Buchtipp bekam ich von Anette Schwohl, unserer Kursleiterin der Textwerkstatt in Kühlungsborn Anfang März dieses Jahres.

Bücher von Autoren, die aus ihrer eigenen Praxis berichten, mag ich besonders. Und wenn Stephen King in seinen Romanen nur halb so anschaulich schreibt wie in diesem Büchlein, dann sollte ich einen seiner Romane lesen.

„Das Leben und das Schreiben“ gliedert sich in sechs Teile: je ein biographisches Stück am Anfang und am Ende des Buches, fünf Seiten darüber, was das Schreiben überhaupt ist (Telepathie) und zwei Teile über das Schreiben. Denen will ich mich in diesen Beitrag hauptsächlich widmen. Ganz am Schluss führt er ein Beispiel vor, wie der Unterschied zwischen dem Schreiben bei „geschlossener“ und „geöffneter“ Tür aussieht: er zeigt uns einen Text und erklärt uns, was er wie und warum überarbeitet hat. Getreu dem Schriftstellermotto: Show, don’t tell oder auf deutsch: Zeigen, nicht erklären.

Im ersten biographischen Teil erzählt er, wie er aufwuchs, seine ersten Texte verkaufte, seine Ehefrau kennenlernte, in Wäschereien und als Lehrer arbeitete, um seine Familie durchzubringen, schließlich „Carrie“ verkaufte für einen Betrag, der seine Frau in Tränen ausbrechen ließ, wie er Alkohol und Drogen verfiel und schließlich mit Hilfe seiner Frau wieder davon loskam.
Am Ende des Buches, das nach einem grauenvollen Unfall entstand, der ihn fast das Leben gekostet hatte, berichtet Stephen King, wie er unter Schmerzen wieder zum Schreiben zurückgefunden hat.

Die beiden Teile, die sich mit dem Schreiben beschäftigen, nennt er „Werkzeugkasten“ und „Über das Schreiben“.

Werkzeugkasten

Kings These lautet: Die meisten Werkzeuge zum Schreiben besitzen die meisten bereits. Manche brauchen nur ein bisschen Schmirgelpapier zum Glänzen. Seine Werkzeuge sollte man immer dabei haben und wenn sich ein Problem stellt, ist man gerüstet. In die oberen Schubladen eines Werkzeugskastens gehören seiner Meinung nach:

  1. Wortschatz: „Nehmen Sie das erste Wort, das Ihnen einfällt, wenn es passt und anschaulich ist.“
  2. Grammatik: Subjekt – Prädikat (- Objekt). Um verstanden zu werden, empfiehlt er, sich an die Regeln zu halten. Erst, wenn man genau weiß, was man tut, sollte ein Schriftsteller es wagen, mit den Regeln der Grammatik zu spielen.
  3. Stil: „Das Passiv sollten Sie meiden“ und „Meiden Sie das Adverb sind seine Kernaussagen. Besonders im Zusammenhang mit wörtlicher Rede hält King das Adverb für verabscheuungswürdig und er lehrt uns, dass „er sagte, sie sagte, Monica sagte“ ausreicht, um wörtliche Rede einzuleiten.
  4. Absätze: Sie sind dazu da, das Tempo eines Textes zu variieren. Zwischen elliptischen Formulierungen und mehrseitigen Absätzen ist alles möglich. Damit umzugehen, sagt King, erlernt man nur durch üben, üben, üben, bis man den Rhythmus im Blut hat.

Über das Schreiben

Seine Thesen lauten: Wer gut schreiben will, muss die Grundlagen beherrschen, also den Werkzeugkasten richtig bestückt haben. Aus einem schlechten Schriftsteller wird nie ein begabter und aus einem guten nie ein Genie. Doch wer hart arbeitet, kann es vom begabten zum guten Schriftsteller schaffen. Und wie dahin gelangen? King beschreibt es in fünfzehn Kapiteln anhand zahlreicher Beispiele:

  1. Viel lesen
    Also: Fernsehgerät aus und Buch zur Hand. Lesen bezeichnet King als „Kreativzentrum im Leben eines Schreibers“. Lesen kann man überall: in der Schlange beim Einchecken auf dem Flughafen, im Wartezimmer beim Arzt, sogar die Ergometer in Fitnesscentern seien inzwischen mit Halterungen für Bücher ausgestattet. Und für Vielautofahrer gibt es Hörbücher – aber nur die ungekürzten Lesungen.
  2. Viel schreiben
    Das Schreibpensum ist von Schriftsteller zu Schriftsteller unterschiedlich. King selbst kommt auf zehn Seiten pro Tag, ca. 2000 Wörter. Wenn er nicht jeden Tag schreibt, sagt er, verschwinden die Figuren aus seinem Kopf und er verliert Handlungsfaden und Erzähltempo. Schreiben ist für ihn Zeitvertreib.
  3. Der geeignete Ort
    ist für King ein Zimmer, das eine Tür hat, die man hinter sich schließen kann. Er setzt sich ein Ziel und rät dem Schreibwilligen, das auch zu tun und das Zimmer nicht eher zu verlassen, ehe das Ziel erreicht ist. Man kann trainieren, einen kreativen Zustand zu erreichen. Rituale machen das einfacher. Also: hinsetzen, schreiben!
  4. Jedem Schriftsteller sein Metier
    King ist der Überzeugung, jeder Schriftsteller habe das für ihn geeignete Thema. Manche schreiben Krimis, andere Science-Fiction. Anfangs wird man in dem Genre schreiben wollen, das man gern liest. Den Leitsatz mancher Schreibkurse „Schreib, was du kennst“ hält er für zu eng gefasst.
  5. Elemente einer Geschichte: Erzählung
    Vorgefertigte Handlungsstränge sind nichts für ihn. Er plant nicht, Texte entstehen bei ihm spontan, er schreibt, ausgehend von einer Situation, die ihn fesselt. Solche Situationen lassen sich mit der Frage „Was wäre, wenn?“ umschreiben. Dann kommen die Figuren, die Leben in die Geschichte bringen. Es interessiert den Leser, wie eine Figur mit einer bestimmten Situation umgeht, wie sie einen Konflikt löst. (Das Wort „Konflikt“ taucht selten auf, ob das am Übersetzer liegt?)
  6. Elemente einer Geschichte: Darstellung
    „Gekonnte Darstellung ist erlernbar.“ Was soll der Leser erfahren? Was kann er sich selbst denken? Die Balance zwischen schwacher Beschreibung und einem Übermaß an Informationen ist das Geheimnis: einige wenige Beobachtungen, die einen Charakter mit Wiedererkennungswert beschreiben. Und diese deutlich und einfach schreiben, ohne auf Klischees hereinzufallen. Damit das gelingt, sollte man üben, üben, üben.
  7. Elemente einer Geschichte: Dialog
    Anhand von Textauszügen zeigt King, wie gesprochene Sprache eine Figur charakterisieren kann. Er empfiehlt, sich immer wieder in Gespräche mit anderen Menschen zu begeben und zuzuhören. Dabei wird man bemerken, dass jede Figur ihre eigene Sprache hat. Sie kann gestelzt, unsicher, flapsig oder ordinär sein. Wichtig ist, dass sie glaubwürdig klingt.
  8. Figuren
    Seine Figuren entwickeln sich während des Schreibens, wenn er sie verschiedenen Situationen aussetzt. Je mehr sie an Kraft gewinnen, desto stärker nehmen sie Einfluss auf das Geschehen. Figuren sind nie eindimensional, sie haben Stärken und Schwächen, sympathische und abstoßende Eigenschaften. Es kommt darauf an, dass der Leser sich in sie hineinversetzen kann.
  9. Ausschmückungen
    „Troddeln und Quasten“ sind erlaubt, so lange der Text leserfreundlich bleibt. Manches erscheint dem Schreiber hinter geschlossenet Tür gelungen, was dem Leser nicht gefällt. King zitiert Hemingway: „Man muss seine Lieblinge töten.“ Symbolik gehört zu den Ausschmückungen. Entdeckt man sie, nachdem die Geschichte erzählt ist, kann man sie herausarbeiten. Kann sie die Handlung nicht bereichern, muss man nicht darauf herumreiten.
  10. Thematik
    Nach der ersten Fassung entscheidet der Schreiber, wovon das Buch handelt. Beim Überarbeiten gilt es, die Thematik klar herauszuarbeiten. Der Schreiber wird umstellen und verändern, Szenen hinzufügen, andere streichen. Das funktioniert erst, wenn die Thematik klar ist.
  11. Überarbeiten
    Die erste Fassung entsteht bei geschlossener Tür. Ist das geschafft, rät King zu einer langen Pause mit Urlaub oder einem anderen Projekt. Er empfiehlt, den Text nach etwa sechs Wochen am Stück zu lesen. Dann wird man schnell die Löcher in der Handlung und in der Figurenentwicklung entdecken. Der Werkzeugkasten (s. o.)  wird hervorgeholt und geschraubt: Szenen einfügen, die das Anliegen des Autors unterstreichen, Figuren und Passagen herausstreichen, die nichts beitragen. Nun beginnt die Phase der „geöffneten Tür“: die „idealen Leser“ (Testleser) sind an der Reihe. Deren Vorschläge sollte man sich gut anhören. Klingen sie einleuchtend, ist man gut beraten, sie zu beherzigen.
  12. Tempo und Vorgeschichte
    Ob das Tempo richtig gewählt ist, kann der ideale Leser gut beurteilen. Was ihn langweilt, fliegt raus („Tötet eure Lieblinge“). Ein Absageschreiben an King enthielt die Bemerkung: „Nicht schlecht, aber aufgebläht. Beim Überarbeiten kürzen. Formel: 1. Fassung – 10% = 2. Fassung. Viel Glück.“ Versteht der ideale Leser etwas nicht, fehlt Vorgeschichte. Und davon sollte man nur die interessanten Aspekte auswählen.

Die letzten Kapitel 13, 14 und 15 beschäftigen sich mit Recherchen, der Teilnahme an Schreibkursen sowie einigen Empfehlungen zur Verlagssuche. Da sie die amerikanischen Verhältnisse beschreiben, verzichte ich auf die Zusammenfassung. Das Beispiel eines Anschreibens an einen Verlag ist allerdings sehr anschaulich.

Kings Vergleiche mochte ich beim Lesen besonders. Er bezeichnet eine Geschichte, die er in einem Roman erzählen will, als archäologisches Fundstück, dass es sorgsam auszugraben gilt, ohne es zu beschädigen. Ist es freigelegt (erste Fassung), muss es vorsichtig präpariert werden, damit seine hervorragenden Eigenschaften glänzen (Überarbeitung).

Das Buch endet mit einer Ermutigung:

Sie können es, Sie dürfen es, und wenn Sie genug Mut für den Anfang aufbringen, dann schaffen Sie es auch. Schreiben ist Magie, ist das Wasser des Lebens, genau wie jede andere kreative Kunst auch. Es ist umsonst. Trinket also.
Trinket und erquicket euch.

Stephen King:
Das Leben und das Schreiben

München : Heyne, 2002 (330 S.)
Taschenbuch, 8,95 €

Über das Schreiben

Hatte ich erwähnt, dass ich Bücher von erfolgreichen Schriftstellern über das Schreiben liebe? Mehr noch als die vielen Werke, die sich dem „Creative writing“ widmen, einem in den angloamerikanischen Ländern durchaus weit verbreiteten Fach, das in Schulen und Universitäten gelehrt wird. Hierzulande fasste man das Thema bisher eher mit spitzen Fingern an. Viele Autoren von deutschsprachigen Büchern über kreatives Schreiben führen als Grund für die Ablehnung ins Feld, man sei zu sehr dem Glauben verhaftet, Schreiben sei eine Gabe und könne nicht erlernt werden. Doch das scheint sich zu ändern, vielleicht nicht zuletzt dank dieser Autoren, die selbst lehren: an der Universität Hildesheim und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig gibt es Studiengänge für Kreatives Schreiben. Das Deutsche Literaturinstitut dürfte wohl die bekanntere Einrichtung sein; einige erfolreiche Schriftsteller wie Juli Zeh, Clemens Meyer, Patrick Findeis haben dort studiert. Absolventen des Studiengangs Kreatives Schreiben in Hildesheim sind z. B. Thomas Klupp und Paul Brodowsky.

Neben gedruckten Texten gibt es eine ganze Reihe interessanter Webseiten zum Thema.

In loser Folge will ich in diesem Weblog einige Texte aus meiner (virtuellen) Bibliothek vorstellen. Dazu zählen

  1. Texte aus Schriftstellerfeder, die dem Leser einen Einblick in deren Schaffen bieten, und
  2. solche von Schreibkursleitern oder Dozenten für kreatives Schreiben aus Deutschland und dem angloamerikanischen Raum, sowie
  3. Texte, die sich mit Stilfragen beschäftigen

In allen Kategorien gibt es sehr gute Veröffentlichungen. Von den „Schreibanleitungen“ haben mich die der ersten Kategorie am meisten angeregt, vor allem, wenn ich die Bücher der Schriftsteller kenne (z. B. Elizabeth George). Manche der zweiten Kategorie kommen staubtrocken daher wie ein Jura-Lehrbuch und ich habe sehr früh aufgegeben mit dem Lesen (z. B. Gabriele L. Rico: Garantiert schreiben lernen). Die Bücher der dritten Kategorie, die ich bisher gelesen habe, fand ich durchweg unterhaltsam. Kaum zu glauben, dass man Bücher über gutes Deutsch so locker aufbereiten kann. Obwohl: Bastian Sick beweist ja, dass es geht.

Damit steht das Lektüreprogramm für die nächsten Wochen …

Bloß nichts vergessen!

Notizen gehören zum Lesen und zum Schreiben. Viele werden das klassische Notizbuch bevorzugen: Beobachtungen, die man in Texten gebrauchen kann, Geistesblitze, wie eine Textstelle zu überarbeiten sei, oder schöne Sätze, die einem spontan in den Sinn kommen oder die man irgendwo gelesen hat.

Die elektronische Variante ist für mich Evernote. Damit habe ich meine Notizen überall parat, auf jedem Rechner mit Internetanschluss und unterwegs auf dem Smartphone. Egal, ob es sich um Texte handelt oder um Fotos, sogar Sprachnotizen nimmt Evernote auf.

Evernote bietet eine Web-Anwendung, ein Desktop-Programm sowie eine Applikation für Smartphones. Wie in einer analogen Aktenmappe lassen sich Notizen in Ordner sortieren, so dass man alles zu einem Thema parat hat. Schlagwörter (Tags) helfen bei der thematischen Zuordnung und bieten neben der Volltextsuche einen weiteren Einstieg, um schnell etwas wiederzufinden. Ordner lassen sich freigeben, so dass man zusammen mit anderen Evernote-Nutzern Notizen erstellen und bearbeiten kann.

Die Nutzungsmöglichkeiten sind vielfältig. Begegnet mir im Netz etwas Interessantes, markiere ich die Passage und füge sie mit dem Evernote Web Clipper, einem Firefox-Add-on, als Notiz hinzu. Laufe ich durch eine Straße, die genauso aussieht, wie ich mir den Wohnort meines Protagonisten vorstelle, mache ich ein Foto mit meiner Handykamera und füge es in Evernote ein. Beim nächsten Verbinden mit m/einem WiFi wird das Foto hochgeladen in die Evernote-Datenbank.

Noch ein Wort zu den Kosten: Die Basisausstattung ist kostenlos, auch die Applikation für Smartphones. Bis 40 MB Uploadvolumen im Monat erhält man gratis, für 45$ pro Jahr werden Notizen verschlüsselt übertragen und das Uploadvolumen erhöht sich auf 500 MB.

Mehr Platz – Teil 2: Wörterbuch

Ein weiterer nützlicher Schreibtisch-Platzsparer ist das woxikon. Synonyme, Abkürzung, was das Herz begehrt. Und besonders nützlich, für jemanden wie mich, dessen Grammatikstunden schon einiges zurückliegen: Die Deklination der Verben.

Immer wieder komme ich mit dem Wort „wenden“ durcheinander. Woxikon dekliniert es durch: Vom einfachen Präteritum bis hin zu den Konjunktivformen wie dem Plusquamperfekt Konjunktiv II „ihr hättet euch gewandt“.

Darüber hinaus gibt es auch hier diverse Wörterbücher für europäische Sprachen und Übersetzungen vom Deutschen ins Polnische, Russische, Finnische, Norwegische und Türkische. Vielleicht lasse ich mal einen Roman in Finnland spielen, wer weiß.

Mehr Platz – Teil 1: Rechtschreibung

Das der Platz auf meinem Schreibtisch begrenzt ist und ich ohnehin am Rechner sitze, verzichte ich auf Nachschlagewerte jeglicher Art und nutze lieber Web-Werkzeuge.

Wenn mir nicht einfällt, wie man ein Wort schreibt – besonders unsicher bin ich meistens bei  Getrennt- und Zusammenschreibung – dann ist Pons.eu meine Wahl. Der Wörterbuchverlag stellt im Internet ein Sprachenportal zur Verfügung, in dem man Begriffe in allen möglichen europäischen Sprachen nachschlagen kann.

Das Portal bietet daneben ein Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung. Zwar ist der Duden nach wie vor das Standardwerk, doch hat Pons.eu einen unbestreitbaren Vorteil: Es kostet nichts – und nimmt keinen Platz weg.

Aus der Einleitung:

Das umfassende pons.eu Wörterbuch Die Deutsche Rechtschreibung liefert mehr als 143.000 Stichwörter. Dank stetiger Pflege unseres Bestandes an Wörtern durch ausgebildete Lexikographen können wir eine hohe Qualität des Wörterbuches gewährleisten. Das Wörterbuch ist komplett von Experten redaktionell geprüft. Es berücksichtigt Umgangssprache, Fachsprache und regionale Varianten der Wortverwendung.

Ob ein Wort getrennt- oder zusammengeschrieben wird, habe ich hier binnen Sekunden herausgefunden. Beispielsweise „herausfinden“: Das Wörterbuch findet zwar nicht exakt diese Wortzusammensetzung, doch es zeigt mir andere Wörter an wie „herausarbeiten“ oder „herausbilden“, die einen Analogschluss erlauben. Jetzt bin ich schlauer.