Über das Schreiben

Hatte ich erwähnt, dass ich Bücher von erfolgreichen Schriftstellern über das Schreiben liebe? Mehr noch als die vielen Werke, die sich dem „Creative writing“ widmen, einem in den angloamerikanischen Ländern durchaus weit verbreiteten Fach, das in Schulen und Universitäten gelehrt wird. Hierzulande fasste man das Thema bisher eher mit spitzen Fingern an. Viele Autoren von deutschsprachigen Büchern über kreatives Schreiben führen als Grund für die Ablehnung ins Feld, man sei zu sehr dem Glauben verhaftet, Schreiben sei eine Gabe und könne nicht erlernt werden. Doch das scheint sich zu ändern, vielleicht nicht zuletzt dank dieser Autoren, die selbst lehren: an der Universität Hildesheim und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig gibt es Studiengänge für Kreatives Schreiben. Das Deutsche Literaturinstitut dürfte wohl die bekanntere Einrichtung sein; einige erfolreiche Schriftsteller wie Juli Zeh, Clemens Meyer, Patrick Findeis haben dort studiert. Absolventen des Studiengangs Kreatives Schreiben in Hildesheim sind z. B. Thomas Klupp und Paul Brodowsky.

Neben gedruckten Texten gibt es eine ganze Reihe interessanter Webseiten zum Thema.

In loser Folge will ich in diesem Weblog einige Texte aus meiner (virtuellen) Bibliothek vorstellen. Dazu zählen

  1. Texte aus Schriftstellerfeder, die dem Leser einen Einblick in deren Schaffen bieten, und
  2. solche von Schreibkursleitern oder Dozenten für kreatives Schreiben aus Deutschland und dem angloamerikanischen Raum, sowie
  3. Texte, die sich mit Stilfragen beschäftigen

In allen Kategorien gibt es sehr gute Veröffentlichungen. Von den „Schreibanleitungen“ haben mich die der ersten Kategorie am meisten angeregt, vor allem, wenn ich die Bücher der Schriftsteller kenne (z. B. Elizabeth George). Manche der zweiten Kategorie kommen staubtrocken daher wie ein Jura-Lehrbuch und ich habe sehr früh aufgegeben mit dem Lesen (z. B. Gabriele L. Rico: Garantiert schreiben lernen). Die Bücher der dritten Kategorie, die ich bisher gelesen habe, fand ich durchweg unterhaltsam. Kaum zu glauben, dass man Bücher über gutes Deutsch so locker aufbereiten kann. Obwohl: Bastian Sick beweist ja, dass es geht.

Damit steht das Lektüreprogramm für die nächsten Wochen …

Bloß nichts vergessen!

Notizen gehören zum Lesen und zum Schreiben. Viele werden das klassische Notizbuch bevorzugen: Beobachtungen, die man in Texten gebrauchen kann, Geistesblitze, wie eine Textstelle zu überarbeiten sei, oder schöne Sätze, die einem spontan in den Sinn kommen oder die man irgendwo gelesen hat.

Die elektronische Variante ist für mich Evernote. Damit habe ich meine Notizen überall parat, auf jedem Rechner mit Internetanschluss und unterwegs auf dem Smartphone. Egal, ob es sich um Texte handelt oder um Fotos, sogar Sprachnotizen nimmt Evernote auf.

Evernote bietet eine Web-Anwendung, ein Desktop-Programm sowie eine Applikation für Smartphones. Wie in einer analogen Aktenmappe lassen sich Notizen in Ordner sortieren, so dass man alles zu einem Thema parat hat. Schlagwörter (Tags) helfen bei der thematischen Zuordnung und bieten neben der Volltextsuche einen weiteren Einstieg, um schnell etwas wiederzufinden. Ordner lassen sich freigeben, so dass man zusammen mit anderen Evernote-Nutzern Notizen erstellen und bearbeiten kann.

Die Nutzungsmöglichkeiten sind vielfältig. Begegnet mir im Netz etwas Interessantes, markiere ich die Passage und füge sie mit dem Evernote Web Clipper, einem Firefox-Add-on, als Notiz hinzu. Laufe ich durch eine Straße, die genauso aussieht, wie ich mir den Wohnort meines Protagonisten vorstelle, mache ich ein Foto mit meiner Handykamera und füge es in Evernote ein. Beim nächsten Verbinden mit m/einem WiFi wird das Foto hochgeladen in die Evernote-Datenbank.

Noch ein Wort zu den Kosten: Die Basisausstattung ist kostenlos, auch die Applikation für Smartphones. Bis 40 MB Uploadvolumen im Monat erhält man gratis, für 45$ pro Jahr werden Notizen verschlüsselt übertragen und das Uploadvolumen erhöht sich auf 500 MB.

Mehr Platz – Teil 2: Wörterbuch

Ein weiterer nützlicher Schreibtisch-Platzsparer ist das woxikon. Synonyme, Abkürzung, was das Herz begehrt. Und besonders nützlich, für jemanden wie mich, dessen Grammatikstunden schon einiges zurückliegen: Die Deklination der Verben.

Immer wieder komme ich mit dem Wort „wenden“ durcheinander. Woxikon dekliniert es durch: Vom einfachen Präteritum bis hin zu den Konjunktivformen wie dem Plusquamperfekt Konjunktiv II „ihr hättet euch gewandt“.

Darüber hinaus gibt es auch hier diverse Wörterbücher für europäische Sprachen und Übersetzungen vom Deutschen ins Polnische, Russische, Finnische, Norwegische und Türkische. Vielleicht lasse ich mal einen Roman in Finnland spielen, wer weiß.

Mehr Platz – Teil 1: Rechtschreibung

Das der Platz auf meinem Schreibtisch begrenzt ist und ich ohnehin am Rechner sitze, verzichte ich auf Nachschlagewerte jeglicher Art und nutze lieber Web-Werkzeuge.

Wenn mir nicht einfällt, wie man ein Wort schreibt – besonders unsicher bin ich meistens bei  Getrennt- und Zusammenschreibung – dann ist Pons.eu meine Wahl. Der Wörterbuchverlag stellt im Internet ein Sprachenportal zur Verfügung, in dem man Begriffe in allen möglichen europäischen Sprachen nachschlagen kann.

Das Portal bietet daneben ein Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung. Zwar ist der Duden nach wie vor das Standardwerk, doch hat Pons.eu einen unbestreitbaren Vorteil: Es kostet nichts – und nimmt keinen Platz weg.

Aus der Einleitung:

Das umfassende pons.eu Wörterbuch Die Deutsche Rechtschreibung liefert mehr als 143.000 Stichwörter. Dank stetiger Pflege unseres Bestandes an Wörtern durch ausgebildete Lexikographen können wir eine hohe Qualität des Wörterbuches gewährleisten. Das Wörterbuch ist komplett von Experten redaktionell geprüft. Es berücksichtigt Umgangssprache, Fachsprache und regionale Varianten der Wortverwendung.

Ob ein Wort getrennt- oder zusammengeschrieben wird, habe ich hier binnen Sekunden herausgefunden. Beispielsweise „herausfinden“: Das Wörterbuch findet zwar nicht exakt diese Wortzusammensetzung, doch es zeigt mir andere Wörter an wie „herausarbeiten“ oder „herausbilden“, die einen Analogschluss erlauben. Jetzt bin ich schlauer.

Lesung Peter Stamm: Sieben Jahre

Das Jahr 2009 ist so schnell verflogen, dass ich es heute zum ersten Mal ins Literaturhaus geschafft habe, zur Lesung von Peter Stamm, der seinen aktuellen Roman „Sieben Jahre“ vorgestellt hat. Es ist schon einige Zeit vergangen, seit ich das Buch zu Ende gelesen habe, doch die Lesung heute brachte das Gefühl der Leidenschaftslosigkeit und des Sachlichen in diesen von Stamm beschriebenen Beziehungen wieder an die Oberfläche.

Peter Stamm, Schweizer Autor aus Winterthur mit einer Affinität zum Norden, schreibt über Menschen. Ihn interessieren die Beziehungen, sagt er, was den Menschen geschieht. Seine Hauptfigur Alexander, jung, studiert, Architekt, mit hochfliegenden Träumen, die er sich nie traut zu realisieren, erzählt aus der Ich-Perspektive, was ihm geschieht. Er bestimmt sein Leben kaum selbst, lässt sich so dahin treiben, etwas zu sagen oder zu tun sei eine Bewegung, die eine Entscheidung erforderlich gemacht hätte, heißt es irgendwo am Anfang des Buchs, als er Iwona trifft, eine Frau aus Polen, die illegal in Deutschland lebt.

Ich fragte mich, weshalb ich auf Iwona wartete, wenn mir ihre Gesellschaft so unangenehm war. Vielleicht aus einem Rest von Anstand, vielleicht auch nur, weil es zum Gehen einen Entschluss erfordert hätte und meine schlechte Laune mich lähmte.

Dann gibt es da noch Sonja, die Alex schon lange kennt, auch sie Architektin, schön, intelligent, aus gutem Stall, fast zu perfekt für einen wie Alex. Sie habe ihn überfordert mit ihrer Schönheit und allem, sagt sein Studienfreund Rüdiger, der eine Weile mit Sonja zusammen war. Alex fängt eine Beziehung mit Iwona an. Man wagt es kaum, dazu Beziehung zu sagen, weil sie nicht dem entspricht, was man landläufig darunter versteht. Er versucht sie zu küssen, mit ihr zu schlafen, sie wehrt ihn ab. Dass sie ihn liebt, wie sie sagt, mag man ihr kaum glauben. Erst, als Sonja und er sich dafür entscheiden, gemeinsame Pläne für die Zukunft zu machen (Architekturbüro, Haus, Hochzeit, Familie), zieht er sich von ihr zurück, keine Erklärung dafür findend, welche Anziehungskraft Iwona auf ihn ausübt.

Alles scheint geklärt, es könnte so ewig weitergehen mit Alex und Sonja, das Haus ist gebaut, das gemeinsame Architekturbüro läuft, wenn auch irgendwie mit angezogener Handbremse, Sonja hat ihre Träume von einem Leben in Marseille (fast) aufgegeben. Etwas fehlt: Sonja wird nicht schwanger. Was folgt: Sex nach der Temperaturmethode. Dann meldet sich Iwona bei ihm, braucht Geld. Alex wird – beinahe wie ein Süchtiger – rückfällig und diesmal schlafen sie miteinander. Durch Iwonas Nachbarn, der sich um sie kümmert, erfährt Alex eines Tages, dass Iwona schwanger ist. Als logische Folge seiner rationalen Überlegungen schlägt Alex ihr vor, das Kind zu sich zu nehmen, da sie es als Illegale in Deutschland nicht adäquat würde aufziehen können. Er spricht mit Sonja, die zunächst abweisend und mild schockiert reagiert, dann aber doch darauf eingeht. Dass Alex alles richtig macht, liest er daraus, dass Sonja dieselben Gedanken hat wie er, dass sie sogar dieselben Worte benutzt: „Schließlich ist es ja auch dein Kind“. Alex bringt das Neugeborene nach Hause, zunächst wissen sie nichts damit anzufangen.

Sonja kam näher und fragte, ob alles in Ordnung sei. Alles bestens, sagte ich. Sonja setzte sich im Schneidersitz neben mich und fing an zu weinen. Nach einer Weile fragte sie, was machen wir jetzt? Ich weiß nicht. Warten, dass sie aufwacht.

Dann beginnt das Befremden. Das Kind bleibt ein Fremdkörper.

Bis hier hin etwa las Peter Stamm in erstaunlich akzentfreiem Hochdeutsch (ich kenne nicht viele Schweizer, aber ich hatte mehr typisches Schweizerisch erwartet) Auszüge aus dem Buch; wie es ausgeht, sei hier nicht verraten. Es gibt eine Rahmenhandlung, die die einzelnen Teile des Romans zusammenfasst. Alex und Sonja begleiten Antje, eine Freundin von Sonja, die in Marseille als Malerin lebt und in deren Appartement die Beziehung zwischen Alex und Sonja begann, zu ihrer Vernissage. Antje kommt bei den beiden unter und auf der Autofahrt und später im Haus erzählt Alex ihr von Iwona und seiner Beziehung zu ihr.

Peter Stamm hat die zu lesenden Passagen sehr gut ausgewählt, um auch dem Publikum, das sein Buch noch nicht gelesen hatte, einen Eindruck zu vermitteln, worum es darin geht. Die Lesestimme des Autors untermalte die Kühle der kurzen und klaren Sätze. Sie machte Appetit auf mehr Stamm, den ich wohl jetzt immer mit dieser Stimme lesen werde.

Peter Stamm
Sieben Jahre

Frankfurt am Main : S. Fischer, 2009
18,95 € (Gebundene Ausgabe)