Bloß nichts vergessen!

Notizen gehören zum Lesen und zum Schreiben. Viele werden das klassische Notizbuch bevorzugen: Beobachtungen, die man in Texten gebrauchen kann, Geistesblitze, wie eine Textstelle zu überarbeiten sei, oder schöne Sätze, die einem spontan in den Sinn kommen oder die man irgendwo gelesen hat.

Die elektronische Variante ist für mich Evernote. Damit habe ich meine Notizen überall parat, auf jedem Rechner mit Internetanschluss und unterwegs auf dem Smartphone. Egal, ob es sich um Texte handelt oder um Fotos, sogar Sprachnotizen nimmt Evernote auf.

Evernote bietet eine Web-Anwendung, ein Desktop-Programm sowie eine Applikation für Smartphones. Wie in einer analogen Aktenmappe lassen sich Notizen in Ordner sortieren, so dass man alles zu einem Thema parat hat. Schlagwörter (Tags) helfen bei der thematischen Zuordnung und bieten neben der Volltextsuche einen weiteren Einstieg, um schnell etwas wiederzufinden. Ordner lassen sich freigeben, so dass man zusammen mit anderen Evernote-Nutzern Notizen erstellen und bearbeiten kann.

Die Nutzungsmöglichkeiten sind vielfältig. Begegnet mir im Netz etwas Interessantes, markiere ich die Passage und füge sie mit dem Evernote Web Clipper, einem Firefox-Add-on, als Notiz hinzu. Laufe ich durch eine Straße, die genauso aussieht, wie ich mir den Wohnort meines Protagonisten vorstelle, mache ich ein Foto mit meiner Handykamera und füge es in Evernote ein. Beim nächsten Verbinden mit m/einem WiFi wird das Foto hochgeladen in die Evernote-Datenbank.

Noch ein Wort zu den Kosten: Die Basisausstattung ist kostenlos, auch die Applikation für Smartphones. Bis 40 MB Uploadvolumen im Monat erhält man gratis, für 45$ pro Jahr werden Notizen verschlüsselt übertragen und das Uploadvolumen erhöht sich auf 500 MB.

Mehr Platz – Teil 2: Wörterbuch

Ein weiterer nützlicher Schreibtisch-Platzsparer ist das woxikon. Synonyme, Abkürzung, was das Herz begehrt. Und besonders nützlich, für jemanden wie mich, dessen Grammatikstunden schon einiges zurückliegen: Die Deklination der Verben.

Immer wieder komme ich mit dem Wort „wenden“ durcheinander. Woxikon dekliniert es durch: Vom einfachen Präteritum bis hin zu den Konjunktivformen wie dem Plusquamperfekt Konjunktiv II „ihr hättet euch gewandt“.

Darüber hinaus gibt es auch hier diverse Wörterbücher für europäische Sprachen und Übersetzungen vom Deutschen ins Polnische, Russische, Finnische, Norwegische und Türkische. Vielleicht lasse ich mal einen Roman in Finnland spielen, wer weiß.

Mehr Platz – Teil 1: Rechtschreibung

Das der Platz auf meinem Schreibtisch begrenzt ist und ich ohnehin am Rechner sitze, verzichte ich auf Nachschlagewerte jeglicher Art und nutze lieber Web-Werkzeuge.

Wenn mir nicht einfällt, wie man ein Wort schreibt – besonders unsicher bin ich meistens bei  Getrennt- und Zusammenschreibung – dann ist Pons.eu meine Wahl. Der Wörterbuchverlag stellt im Internet ein Sprachenportal zur Verfügung, in dem man Begriffe in allen möglichen europäischen Sprachen nachschlagen kann.

Das Portal bietet daneben ein Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung. Zwar ist der Duden nach wie vor das Standardwerk, doch hat Pons.eu einen unbestreitbaren Vorteil: Es kostet nichts – und nimmt keinen Platz weg.

Aus der Einleitung:

Das umfassende pons.eu Wörterbuch Die Deutsche Rechtschreibung liefert mehr als 143.000 Stichwörter. Dank stetiger Pflege unseres Bestandes an Wörtern durch ausgebildete Lexikographen können wir eine hohe Qualität des Wörterbuches gewährleisten. Das Wörterbuch ist komplett von Experten redaktionell geprüft. Es berücksichtigt Umgangssprache, Fachsprache und regionale Varianten der Wortverwendung.

Ob ein Wort getrennt- oder zusammengeschrieben wird, habe ich hier binnen Sekunden herausgefunden. Beispielsweise „herausfinden“: Das Wörterbuch findet zwar nicht exakt diese Wortzusammensetzung, doch es zeigt mir andere Wörter an wie „herausarbeiten“ oder „herausbilden“, die einen Analogschluss erlauben. Jetzt bin ich schlauer.

Lesung Peter Stamm: Sieben Jahre

Das Jahr 2009 ist so schnell verflogen, dass ich es heute zum ersten Mal ins Literaturhaus geschafft habe, zur Lesung von Peter Stamm, der seinen aktuellen Roman „Sieben Jahre“ vorgestellt hat. Es ist schon einige Zeit vergangen, seit ich das Buch zu Ende gelesen habe, doch die Lesung heute brachte das Gefühl der Leidenschaftslosigkeit und des Sachlichen in diesen von Stamm beschriebenen Beziehungen wieder an die Oberfläche.

Peter Stamm, Schweizer Autor aus Winterthur mit einer Affinität zum Norden, schreibt über Menschen. Ihn interessieren die Beziehungen, sagt er, was den Menschen geschieht. Seine Hauptfigur Alexander, jung, studiert, Architekt, mit hochfliegenden Träumen, die er sich nie traut zu realisieren, erzählt aus der Ich-Perspektive, was ihm geschieht. Er bestimmt sein Leben kaum selbst, lässt sich so dahin treiben, etwas zu sagen oder zu tun sei eine Bewegung, die eine Entscheidung erforderlich gemacht hätte, heißt es irgendwo am Anfang des Buchs, als er Iwona trifft, eine Frau aus Polen, die illegal in Deutschland lebt.

Ich fragte mich, weshalb ich auf Iwona wartete, wenn mir ihre Gesellschaft so unangenehm war. Vielleicht aus einem Rest von Anstand, vielleicht auch nur, weil es zum Gehen einen Entschluss erfordert hätte und meine schlechte Laune mich lähmte.

Dann gibt es da noch Sonja, die Alex schon lange kennt, auch sie Architektin, schön, intelligent, aus gutem Stall, fast zu perfekt für einen wie Alex. Sie habe ihn überfordert mit ihrer Schönheit und allem, sagt sein Studienfreund Rüdiger, der eine Weile mit Sonja zusammen war. Alex fängt eine Beziehung mit Iwona an. Man wagt es kaum, dazu Beziehung zu sagen, weil sie nicht dem entspricht, was man landläufig darunter versteht. Er versucht sie zu küssen, mit ihr zu schlafen, sie wehrt ihn ab. Dass sie ihn liebt, wie sie sagt, mag man ihr kaum glauben. Erst, als Sonja und er sich dafür entscheiden, gemeinsame Pläne für die Zukunft zu machen (Architekturbüro, Haus, Hochzeit, Familie), zieht er sich von ihr zurück, keine Erklärung dafür findend, welche Anziehungskraft Iwona auf ihn ausübt.

Alles scheint geklärt, es könnte so ewig weitergehen mit Alex und Sonja, das Haus ist gebaut, das gemeinsame Architekturbüro läuft, wenn auch irgendwie mit angezogener Handbremse, Sonja hat ihre Träume von einem Leben in Marseille (fast) aufgegeben. Etwas fehlt: Sonja wird nicht schwanger. Was folgt: Sex nach der Temperaturmethode. Dann meldet sich Iwona bei ihm, braucht Geld. Alex wird – beinahe wie ein Süchtiger – rückfällig und diesmal schlafen sie miteinander. Durch Iwonas Nachbarn, der sich um sie kümmert, erfährt Alex eines Tages, dass Iwona schwanger ist. Als logische Folge seiner rationalen Überlegungen schlägt Alex ihr vor, das Kind zu sich zu nehmen, da sie es als Illegale in Deutschland nicht adäquat würde aufziehen können. Er spricht mit Sonja, die zunächst abweisend und mild schockiert reagiert, dann aber doch darauf eingeht. Dass Alex alles richtig macht, liest er daraus, dass Sonja dieselben Gedanken hat wie er, dass sie sogar dieselben Worte benutzt: „Schließlich ist es ja auch dein Kind“. Alex bringt das Neugeborene nach Hause, zunächst wissen sie nichts damit anzufangen.

Sonja kam näher und fragte, ob alles in Ordnung sei. Alles bestens, sagte ich. Sonja setzte sich im Schneidersitz neben mich und fing an zu weinen. Nach einer Weile fragte sie, was machen wir jetzt? Ich weiß nicht. Warten, dass sie aufwacht.

Dann beginnt das Befremden. Das Kind bleibt ein Fremdkörper.

Bis hier hin etwa las Peter Stamm in erstaunlich akzentfreiem Hochdeutsch (ich kenne nicht viele Schweizer, aber ich hatte mehr typisches Schweizerisch erwartet) Auszüge aus dem Buch; wie es ausgeht, sei hier nicht verraten. Es gibt eine Rahmenhandlung, die die einzelnen Teile des Romans zusammenfasst. Alex und Sonja begleiten Antje, eine Freundin von Sonja, die in Marseille als Malerin lebt und in deren Appartement die Beziehung zwischen Alex und Sonja begann, zu ihrer Vernissage. Antje kommt bei den beiden unter und auf der Autofahrt und später im Haus erzählt Alex ihr von Iwona und seiner Beziehung zu ihr.

Peter Stamm hat die zu lesenden Passagen sehr gut ausgewählt, um auch dem Publikum, das sein Buch noch nicht gelesen hatte, einen Eindruck zu vermitteln, worum es darin geht. Die Lesestimme des Autors untermalte die Kühle der kurzen und klaren Sätze. Sie machte Appetit auf mehr Stamm, den ich wohl jetzt immer mit dieser Stimme lesen werde.

Peter Stamm
Sieben Jahre

Frankfurt am Main : S. Fischer, 2009
18,95 € (Gebundene Ausgabe)

Sibylle Berg: Der Mann schläft

Nichtfinden, suchen, sinnlos …

Sibylle Berg erzählt in ihrem für den Deutschen Buchpreis 2009 nominierten Roman „Der Mann schläft“ die Geschichte vom Finden und Verlieren einer … na, was? Soll man es Liebe nennen? Ja, und zwar eine ohne all die romantisch-verkitschten Vorstellungen, die frau sich erziehungs- und sozialisationshalber so angeeignet hat. Denn darüber ist die Protagonistin, deren Namen wir ebenso wenig erfahren wie den des Mannes, mit dem sie von heute auf morgen ihr Leben teilt, längst hinaus. Sie glaubt nicht mehr an die Liebe, damit werden allenfalls Waschmittel verkauft. Sie hat sich im Laufe ihres mittelalten Lebens zudem einen gehörigen Hass auf die Menschheit zugelegt, sie selbst eingeschlossen. Beziehungsversuche mit jungen Männern enden in unsäglichen Demütigungen. Wirkliche Freunde gibt es nicht, obwohl hie und da von solchen die Rede ist, Bekannten widmet sie allenfalls drei Stunden bei einem Abendessen, bevor sie erleichtert zurück in ihr Allein-Da-Sein in ihre Wohnung flüchtet, wo sie ihren Tagesablauf „mit der Perfektion eines Ikebana-Gestecks gestaltet“ – und Augen, Herz und Hirn vor der Welt verschließen kann. Nichts als Verachtung hat sie übrig für die Paarbindungen ihrer Umgebung.

Starren und die Zeit besiegen. Nichts denken und nichts fühlen, weil man es nicht aushält. Vermutlich entstehen so Mörder, Päderasten und Soldaten. Sie sind einer einer Lücke zwischen den Gedanken hängengeblieben.

Und doch ist da diese Sehnsucht.

Dann passiert es: Sie trifft ihn in einem dieser austauschbaren Designer-Cafés und beide wissen. Wortlos stehen sie auf und lassen ihre jeweilige Begleitung am Tisch sitzen. Vergleichsweise wortlos verlaufen auch die folgenden vier Jahre, in denen sie mit dem Mann zusammen ist, ihn erst nur besucht und später bei ihm einzieht. Nicht mehr loslassen will sie ihn, kriecht unter sein Hemd, der einzige Platz auf der Welt, der ihr sicher erscheint. Weil er sie so lässt, wie sie eben ist, weil er zwar mit ihren Launen nicht klar kommt, sie ihr aber nicht übel nimmt, weil er ihr Tee und Honig bringt, wenn sie krank ist. Keine Pläne machen, wie es einmal sein könnte, keine Aktivitäten zur Aufrechterhaltung der Spannung in der Liebe, wozu: Den Irrsinn des Verliebtseins hat sie sich ohnehin gespart. Lebensentwürfen an sich steht sie skeptisch gegenüber, wer weiß schon, wie man sich im nächsten Jahr fühlt:

Wüsste man es doch nur von Anfang an, wie rührend albern jeder Plan im Leben ist, dachte ich, das Auge ein wenig matt. Dann hätte man all die Stunden, die man verbringt mit der Erstellung von Listen, auf denen man Vor- und Nachteile einer Entscheidung aufzeichnet, und mit dem Sinnieren darüber, was sein würde und wie es aussehen sollte, das Leben, später, und all die unglaublich wichtigen Entscheidungen zum Grillen von Innereien verwenden können.

Und dennoch. Aus unerfindlichen Gründen macht man dann doch Dinge wie „normale“ Paare. Es beginnt mit einer Fahrt nach Mailand, es folgt ein Flug nach Tokio und dann hat sie die Idee mit dem Urlaub auf einer Insel im südchinesischen Meer, auf der ihr der Mann am Ende abhanden kommt. Er wollte doch nur eine Zeitung holen.

Und sie wartet, und hofft, dass er zurück kommt, sucht ihn, findet ihn nicht und verharrt schließlich in einer scheinbar ausweglosen Starre. Auf einer Insel im südchinesischen Meer. Täglich geht sie dieselben Wege ab. Nichts geht mehr, sie kommt nicht vorwärts und weiß nicht, warum sie zurück sollte. Dann begegnet sie einem Mädchen und von da an weiteren Menschen, die auf dieser Insel leben. Keiner davon unversehrt. Eine Prostituierte im Rollstuhl, ein Mädchen, das seine Mutter beim Großvater abgeladen hat, ein Chinese, dem die Mutter ein Bein amputiert hat. Sie erzählen ihr in langen Monologen ihre Lebensgeschichten, die die Protagonistin nicht interessieren. Sie erträgt sie nur, alkoholisiert. Sie muss entscheiden: Gehen oder bleiben und warten?

Sibylle Berg lässt die Ich-Erzählerin in zwei Zeitebenen erzählen, die sich aufeinander zu bewegen: Die Geschichte des Findens in den vergangenen vier Jahren (in ihrer Stadt und später bei ihm am See im Tessin) und die des Suchens im Heute in einer Zeitspanne von etwa einer Woche (auf der Insel im südchinesischen Meer). Am Schluss sitzt sie im Jetzt mit einer Flasche französischen Rotweins am Fähranleger und hält Ausschau nach dem Rotschopf, der die kleinen Chinesen, die auf dem Weg nach Hause sind, wie ein Riese überragen würde. Ihren Hass auf die Welt und die Verzweiflung drückt sie in drastischen, bisweilen bösartigen und immer wieder überraschenden Worten aus. Dazwischen flicht sie Gedanken über den Zustand der Welt, der Gesellschaft und der Menschen ein, denen sie allesamt ein vernichtendes Zeugnis ausstellt.

Gibt es einen größeren Witz als den Menschen? Emotionale Krüppel in abstoßenden Hüllen, der Welt, dem Rudel, dem Wetter, den Gewalten hilflos ausgeliefert, torkeln wir durch ein Dasein, das an Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist. All unsere ernsthaften Versuche, die Welt zu verstehen, charakterlich integre Personen zu werden, Besitz anzuhäufen, die Umwelt zu retten, Doktortitel zu erwerben, enden mit verschissenen Windeln im Altersheim.

Für den Mann hat sie fast liebevolle  Worte übrig. Fast wirkt es wie eine Überhöhung, wenn sie von ihm spricht. Hier spart sie sich jeden Zynismus:

Der Mann war neben mir, und ein Gefühl, als wäre er schon immer da gewesen, und würde er sich entfernen, entstünde eine unangenehme Leere. Es war ein Moment, der sich durch stille Perfektion auszeichnete. Die Temperatur, die Umgebung, die Freude, nicht alleine zu sein und dennoch unter keinem Druck zu stehen, machten ihn vollkommen.

Gestört wird die Idylle am See nur von ihren Begegnungen mit wiederum zwei Versehrten: Die seltsame Bekannte aus der Stadt besucht sie und hackt sich, nachdem die Protagonistin sich dazu durchgerungen hat, sie endgültig wegzuschicken, eine Hand ab, und auf einer Insel im See begegnet sie einem Kleinwüchsigen, der sich auf den Weltuntergang vorbereitet, indem er ein tsunamitaugliches Ufo baut. Beide sollen im späteren Verlauf des Romans wieder auftauchen.

Berg Zustandsschilderungen halten einem den Spiegel vor und lassen einen lange grübeln über so manche Wahrheit, die sie dem Leser förmlich ins Gesicht schleudert. Die Weltanschauung der Protagonistin deprimiert bisweilen und man klammert sich an jeden Funken Hoffnung, sie möge den Mann doch wieder finden. Berg lässt sie einem.

Sibylle Berg
Der Mann schläft
München : Hanser, 2009
19,90 € (Gebundene Ausgabe)