Sibylle Berg: Der Mann schläft

Nichtfinden, suchen, sinnlos …

Sibylle Berg erzählt in ihrem für den Deutschen Buchpreis 2009 nominierten Roman „Der Mann schläft“ die Geschichte vom Finden und Verlieren einer … na, was? Soll man es Liebe nennen? Ja, und zwar eine ohne all die romantisch-verkitschten Vorstellungen, die frau sich erziehungs- und sozialisationshalber so angeeignet hat. Denn darüber ist die Protagonistin, deren Namen wir ebenso wenig erfahren wie den des Mannes, mit dem sie von heute auf morgen ihr Leben teilt, längst hinaus. Sie glaubt nicht mehr an die Liebe, damit werden allenfalls Waschmittel verkauft. Sie hat sich im Laufe ihres mittelalten Lebens zudem einen gehörigen Hass auf die Menschheit zugelegt, sie selbst eingeschlossen. Beziehungsversuche mit jungen Männern enden in unsäglichen Demütigungen. Wirkliche Freunde gibt es nicht, obwohl hie und da von solchen die Rede ist, Bekannten widmet sie allenfalls drei Stunden bei einem Abendessen, bevor sie erleichtert zurück in ihr Allein-Da-Sein in ihre Wohnung flüchtet, wo sie ihren Tagesablauf „mit der Perfektion eines Ikebana-Gestecks gestaltet“ – und Augen, Herz und Hirn vor der Welt verschließen kann. Nichts als Verachtung hat sie übrig für die Paarbindungen ihrer Umgebung.

Starren und die Zeit besiegen. Nichts denken und nichts fühlen, weil man es nicht aushält. Vermutlich entstehen so Mörder, Päderasten und Soldaten. Sie sind einer einer Lücke zwischen den Gedanken hängengeblieben.

Und doch ist da diese Sehnsucht.

Dann passiert es: Sie trifft ihn in einem dieser austauschbaren Designer-Cafés und beide wissen. Wortlos stehen sie auf und lassen ihre jeweilige Begleitung am Tisch sitzen. Vergleichsweise wortlos verlaufen auch die folgenden vier Jahre, in denen sie mit dem Mann zusammen ist, ihn erst nur besucht und später bei ihm einzieht. Nicht mehr loslassen will sie ihn, kriecht unter sein Hemd, der einzige Platz auf der Welt, der ihr sicher erscheint. Weil er sie so lässt, wie sie eben ist, weil er zwar mit ihren Launen nicht klar kommt, sie ihr aber nicht übel nimmt, weil er ihr Tee und Honig bringt, wenn sie krank ist. Keine Pläne machen, wie es einmal sein könnte, keine Aktivitäten zur Aufrechterhaltung der Spannung in der Liebe, wozu: Den Irrsinn des Verliebtseins hat sie sich ohnehin gespart. Lebensentwürfen an sich steht sie skeptisch gegenüber, wer weiß schon, wie man sich im nächsten Jahr fühlt:

Wüsste man es doch nur von Anfang an, wie rührend albern jeder Plan im Leben ist, dachte ich, das Auge ein wenig matt. Dann hätte man all die Stunden, die man verbringt mit der Erstellung von Listen, auf denen man Vor- und Nachteile einer Entscheidung aufzeichnet, und mit dem Sinnieren darüber, was sein würde und wie es aussehen sollte, das Leben, später, und all die unglaublich wichtigen Entscheidungen zum Grillen von Innereien verwenden können.

Und dennoch. Aus unerfindlichen Gründen macht man dann doch Dinge wie „normale“ Paare. Es beginnt mit einer Fahrt nach Mailand, es folgt ein Flug nach Tokio und dann hat sie die Idee mit dem Urlaub auf einer Insel im südchinesischen Meer, auf der ihr der Mann am Ende abhanden kommt. Er wollte doch nur eine Zeitung holen.

Und sie wartet, und hofft, dass er zurück kommt, sucht ihn, findet ihn nicht und verharrt schließlich in einer scheinbar ausweglosen Starre. Auf einer Insel im südchinesischen Meer. Täglich geht sie dieselben Wege ab. Nichts geht mehr, sie kommt nicht vorwärts und weiß nicht, warum sie zurück sollte. Dann begegnet sie einem Mädchen und von da an weiteren Menschen, die auf dieser Insel leben. Keiner davon unversehrt. Eine Prostituierte im Rollstuhl, ein Mädchen, das seine Mutter beim Großvater abgeladen hat, ein Chinese, dem die Mutter ein Bein amputiert hat. Sie erzählen ihr in langen Monologen ihre Lebensgeschichten, die die Protagonistin nicht interessieren. Sie erträgt sie nur, alkoholisiert. Sie muss entscheiden: Gehen oder bleiben und warten?

Sibylle Berg lässt die Ich-Erzählerin in zwei Zeitebenen erzählen, die sich aufeinander zu bewegen: Die Geschichte des Findens in den vergangenen vier Jahren (in ihrer Stadt und später bei ihm am See im Tessin) und die des Suchens im Heute in einer Zeitspanne von etwa einer Woche (auf der Insel im südchinesischen Meer). Am Schluss sitzt sie im Jetzt mit einer Flasche französischen Rotweins am Fähranleger und hält Ausschau nach dem Rotschopf, der die kleinen Chinesen, die auf dem Weg nach Hause sind, wie ein Riese überragen würde. Ihren Hass auf die Welt und die Verzweiflung drückt sie in drastischen, bisweilen bösartigen und immer wieder überraschenden Worten aus. Dazwischen flicht sie Gedanken über den Zustand der Welt, der Gesellschaft und der Menschen ein, denen sie allesamt ein vernichtendes Zeugnis ausstellt.

Gibt es einen größeren Witz als den Menschen? Emotionale Krüppel in abstoßenden Hüllen, der Welt, dem Rudel, dem Wetter, den Gewalten hilflos ausgeliefert, torkeln wir durch ein Dasein, das an Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist. All unsere ernsthaften Versuche, die Welt zu verstehen, charakterlich integre Personen zu werden, Besitz anzuhäufen, die Umwelt zu retten, Doktortitel zu erwerben, enden mit verschissenen Windeln im Altersheim.

Für den Mann hat sie fast liebevolle  Worte übrig. Fast wirkt es wie eine Überhöhung, wenn sie von ihm spricht. Hier spart sie sich jeden Zynismus:

Der Mann war neben mir, und ein Gefühl, als wäre er schon immer da gewesen, und würde er sich entfernen, entstünde eine unangenehme Leere. Es war ein Moment, der sich durch stille Perfektion auszeichnete. Die Temperatur, die Umgebung, die Freude, nicht alleine zu sein und dennoch unter keinem Druck zu stehen, machten ihn vollkommen.

Gestört wird die Idylle am See nur von ihren Begegnungen mit wiederum zwei Versehrten: Die seltsame Bekannte aus der Stadt besucht sie und hackt sich, nachdem die Protagonistin sich dazu durchgerungen hat, sie endgültig wegzuschicken, eine Hand ab, und auf einer Insel im See begegnet sie einem Kleinwüchsigen, der sich auf den Weltuntergang vorbereitet, indem er ein tsunamitaugliches Ufo baut. Beide sollen im späteren Verlauf des Romans wieder auftauchen.

Berg Zustandsschilderungen halten einem den Spiegel vor und lassen einen lange grübeln über so manche Wahrheit, die sie dem Leser förmlich ins Gesicht schleudert. Die Weltanschauung der Protagonistin deprimiert bisweilen und man klammert sich an jeden Funken Hoffnung, sie möge den Mann doch wieder finden. Berg lässt sie einem.

Sibylle Berg
Der Mann schläft
München : Hanser, 2009
19,90 € (Gebundene Ausgabe)

Juli Zeh: Corpus Delicti

Juli Zeh: Corpus Delicti - ein Prozess

Juli Zeh: Corpus Delicti – ein Prozess
München : btb-Verlag, 4. Aufl. 2010
ISBN 978-3-442-74066-6

Juli Zeh geht es um Freiheit, das Recht auf Selbstbestimmung, den Schutz der Privatsphäre vor Eingriffen des Staates. So beschreibt sie ihr Anliegen in einem Interview, das Denis Scheck mit ihr in seiner Sendung „Druckfrisch“ vom 5. April 2009 geführt hat. In ihrem Roman entwirft sie eine Welt, in der es diese Dinge nicht mehr gibt. Eine Dystopie, das Gegenteil einer Utopie, eine Welt also, die sich so niemand wünschen kann. Das Staatssystem folgt einer METHODE, die sich großschreiben muss, in der sich jedes menschliche Wesen einer Gesundheitsdiktatur zu unterwerfen hat. Die Behörden fordern Schlaf- und Ernährungsberichte ein und erlegen den „Bürgern“ ein tägliches Sportprogramm sowie häusliche Urinproben auf. Die Daten können aus einem in den Oberarm implantierten Chip ausgelesen werden. Wer dem nicht Folge leistet, wird vor den Kadi zitiert.

Mia Holl ist eine davon. Ihre Geschichte wird im Präsens erzählt. Sie ist Naturwissenschaftlerin, Anfang 30, Anhängerin der Methode, noch ohne Lebenspartner mit passendem Immunsystem, denn danach wird ausgesucht, wer sich mit wem fortpflanzen darf, arbeitet nicht, geht kaum noch aus ihrem „Wärterhaus“ hinaus und vernachlässigt sich und ihre Meldepflichten. Der „Große Bruder“ aus George Orwells „1984“ lässt schön grüßen. Ihr „Fall“ landet auf dem Tisch des Amtsgerichts, wo Heinrich Kramer ständiger Gast ist. Er ist Journalist, der für den „Gesunden Menschenverstand“ schreibt und Verfasser des Manifests „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“, auf dem sich die METHODE gründet. Der Name Holl tauchte vor nicht allzu langer Zeit schon einmal in einem Prozess auf, Mias Bruder Moritz war der Angeklagte, er wurde wegen Mordes verurteilt, entzog sich dann aber der Bestrafung durch die METHODE durch Selbstmord, der schlimmsten Verfehlung überhaupt (Moritz: „Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann.“). Moritz‘ Verurteilung ist der Anlass für Mia, am System zu zweifeln. In Rückblenden, für die Juli Zeh die Vergangenheitsform wählt, erfährt der Leser einiges über Mias Beziehung zu ihrem Bruder, dessen Ansichten über die METHODE, von denen er ihr bei heimlichen Treffen im Wald erzählt. Immer wieder taucht Kramer bei Mia auf und versucht sie bei einer Tasse heißem Wasser mit einem Spritzer Zitrone auf den rechten Weg zurück zu führen, doch Mias Zweifel werden stärker. Moritz hat ihr seine „ideale Geliebte“ hinterlassen, die nun, unsichtbar für andere Besucher, auf Mias Sofa hockt und ihr Moritz‘ Ansichten vor Augen hält. Mias Beziehung zu ihr und anderen Personen ihrer Umgebung bringt uns ein überpersönlicher „Wir“-Erzähler nahe. Mia gibt sich der Trauer hin und verstößt wieder und wieder gegen die Auflagen, was ihr eine Anklage nach der anderen einbringt, von METHODENfeindlichen Umtrieben, dem Missbrauch toxischer Substanzen (sie hat geraucht) bis hin zur Führung einer METHODENfeindlichen Vereinigung, genannt die ‚Schnecken‘, eine Splittergruppe der R.A.K., die mit terroristischen Anschlägen droht. Mit brachialer Gewalt setzt die METHODE ihre Interessen durch, als ihre Fehlbarkeit aufgedeckt wird. Moritz‘ Veurteilung stellt sich als Justizirrtum heraus. Die Unfehlbarkeit kann nur wiederhergestellt werden, wenn an Mia Holl ein Exempel statuiert wird. Sie wird als Person zum „Corpus delicti“. Mit allen Methoden, derer sich Diktaturen in der Vergangenheit bemächtigt haben: Unterschieben von Beweismaterial, getürkte Zeugenaussagen, Folter. Man erreicht Mias Verurteilung. Das Ende sei hier nicht verraten.

„Das Mittelalter ist keine Epoche, sondern der Name der menschlichen Natur.“

Das sagt Mia nach ihrer Verurteilung zu Heinrich Kramer, dem Verfasser des Manifests, auf das sich das Staatssystem, genannt METHODE, stützt. Ich muss gestehen, im Bibliothekskatalog der Deutschen Nationalbibliothek nachgesehen zu haben, ob es ein solches Werk tatsächlich gibt. Nicht zufällig wählt Juli Zeh diesen Namen für den Journalisten. Im 15. Jahrhundert diente schon einmal das Werk eines Verfassers gleichen Namens dazu, Andersdenkende aus der Gesellschaft zu tilgen, bekannt unter dem Namen „Hexenhammer“. Und genau darum geht es hier, um eine Hexenjagd. Mia hat in der von Juli Zeh skizzierten Gesellschaft in der Mitte des 21. Jahrhunderts den Status einer Hexe. „Vade retro“, sagt Kramer zu Mia und schlägt ein Kreuz – im Spaß, denn Gott ist aus der Gesellschaft ebenso verbannt wie das Recht auf eine öffentlich geäußerte eigene Meinung. Das Mittelalter hat zu Kramers Zeiten zahllose Märtyrer geschaffen, diese zweifelhafte Ehre wird Mia jedoch nicht zuteil, nachdem alles, was sie gesagt hat, gegen sie verwendet wurde. Bei der Schilderung der „peinlichen Befragung“, der man Mia unterzog, drängten sich mir aktuellere Bilder auf, ich sah die Pressefotos von Abu Ghraib vor mir. Mittelalter – mitten im 21. Jahrhundert.

Das Buch liest sich flüssig und entbehrt nicht einer gewissen Spannung. Natürlich ist die Diktatur der METHODE völlig überzeichnet und klischeehaft dargestellt. Die Figuren sind eher grob skizziert, aber das soll vermutlich so sein, sie wirken ein bisschen wie Marionetten in einem unglaublichen Schauspiel. Doch die Bilder, die Zeh wortgewaltig malt, sind beängstigend und gar nicht mal so undenkbar. In den letzten Jahren wird immer mehr, was man bisher dem menschlichen Privatvergnügen zugerechnet hat, staatlicher Kontrolle unterworfen. Als Beispiele seien nur das Rauchverbot genannt und Überlegungen, Unfälle beim Freizeitsport nicht mehr auf Krankenschein zu behandeln. Wer sich Vorsorgeuntersuchungen nicht unterzieht oder es versäumt, sich im Bonusheft den jährlichen Stempel des Zahnarztes zu holen, der wird zur Kasse gebeten. Unversehens landet man in Programmen der Krankenkassen für chronisch Kranke, wenn man ein bestimmtes Medikament verschrieben bekommen hat. „Corpus Delicti“ regt dazu an, solche Entwicklungen kritisch im Auge zu behalten. Man muss ja deswegen nicht gleich das Trinkwasser vergiften, man gönne sich statt dessen lieber einen starken Kaffee oder einen Rotwein und eine politisch vollkommen unkorrekte Zigarette.

Val McDermid: Nacht unter Tag

Der jüngste Roman von Val McDermid ist wieder einer dieser „intermediates“, ein selbständiger Krimi außerhalb der Reihe von Kriminalromanen mit den Hauptfiguren Tony Hill und Carol Jordan. McDermid hat in diesem Roman ein Thema aufgegriffen, das ihre eigene Heimat im schottischen Fife geprägt hat, den Bergarbeiterstreik von 1984. Während  einer Lesung erzählte sie, sie habe gewusst, dass sie dieses Thema einmal in einem ihrer Bücher aufgreifen werde. Es sei ein sehr persönliches Thema, da ihre eigene Familie von den damaligen Ereignissen direkt betroffen war. Wie sich die Ideen für diesen Roman ansammelten, schilderte sie während der Lesung sehr anschaulich: Mit mehreren Freundinnen machte sie in der Toskana zusammen Urlaub. Diese Frauenrunde hatte eine Villa gemietet und ließ es sich dort gut gehen. Eine davon, eine passionierte Joggerin, entdeckte während ihres Morgenlaufs eben jene casa rovina, von der im Buch die Rede ist, natürlich ohne den im Buch vorkommenden Blutfleck. Die Erzählungen ihrer Freundin wälzte sie tagelang hin und her und speicherte sie zunächst ab, bis ihr mehr dazu einfallen würde. Als sie dann später einmal in der Loge ihres Fußballklubs neben einem anderen berühmten Mitglied des Klubvorstands, der derzeit Downing Street No. 10 bewohnt, saß und man so beim Reden war, ließ der etwas fallen, das in McDermid den Zündfunken für den Roman gegeben hat, so jedenfalls ihre Darstellung. Herausgekommen ist das Folgende:

Eine junge Frau meldet ihren Vater, Mick Prentice, als vermisst. Dieser ist allerdings bereits seit 22 Jahren verschwunden und alle glauben zu wissen, er habe sich seinerzeit den Streikbrechern angeschlossen und sei nach Nottingham gegangen (von wo regelmäßig Geldbeträge an Mutter und Tochter geschickt wurden), obwohl man Mick so etwas nie zugetraut hätte. Auch dessen bester Freund Andy Kerr, Gewerkschaftsfunktionär, verschwindet zur selben Zeit spurlos. Karen Pirie und ihr Kollege Phil Parhatka von der Abteilung für ungelöste Fälle in Glenrothes, Schottland, nehmen sich der Sache an, obwohl sie nicht zuständig sind, beginnen Befragungen im Wohnort des Vermissten und spüren die damaligen Streikbrecher in Nottingham auf.

In der Toskana entdeckt derweil eine Journalistin, Bel Richmond, die dort mit ihren ehemaligen Kommilitoninnen einen einwöchigen Urlaub verbringt, auf ihrer morgendlichen Joggingrunde eine herunter gekommene Villa. Ihrer ausgeprägten Neugier folgend betritt sie das teilweise baufällige Haus und entdeckt, dass es erst vor kurzem von vermutlich nicht rechtmäßigen Bewohnern Hals über Kopf verlassen wurde. Die Entdeckung eines Siebdruckrahmens und der damit verfertigten Poster sowie einer großen Blutlache lassen sie die Geschichte ihres Lebens wittern.

Die Wege von Ermittlerin und Journalistin kreuzen sich, als ein Bauunternehmer, Brodie Grant, millionenschwer, pressescheu und selbstgefällig, die Ermittlerin bittet, den Fall seiner bei einer missglückten Lösegeldübergabe getöteten Tochter Catriona und des damals verschwundenen Enkels Adam wieder aufzurollen. Die Journalistin hatte ihm aus der Toskana als neues Beweismaterial das Poster mitgebracht und nun hegt er die Hoffnung, den Mörder seiner Tochter endlich zu finden. Nun verfolgen beide unabhängig voneinander Spuren dieses Falls. Pirie benutzt den Entführungsfall dazu, ihre Ermittlungen im Prentice-Fall zu verschleiern und weiterzuführen und wird bald fündig, allerdings findet sich nicht das, was sie erwartet hat. Richmond dagegen stößt in Italien auf neue Informationen, die sie Grant mitteilt, der jedoch gar nicht daran denkt, sie auch der Polizei weiterzugeben. Grant hat ganz andere Pläne und bringt Richmond damit in Gewissensnöte. Während Richmond ein zweites Mal nach Italien fliegt, entdeckt Pirie, dass beide Fälle zusammen hängen müssen und kommt mit Hilfe der italienischen Polizei, mit der Richmond jede Zusammenarbeit ablehnt, auf des Rätsels Lösung.

McDermid erzählt diese Geschichte, indem sie in die laufenden Ermittlungen von Pirie und Richmond immer wieder Rückblenden einbaut. An einem bestimmten Punkt der Befragung bricht die Handlung in der Jetzt-Zeit ab und beleuchtet ein Ereignis in der Vergangenheit. Für die bessere Orientierung des Lesers sind die Kapitel deshalb mit Ort und Datum überschrieben. Diese Rückblenden illustrieren die damalige Situation oder ein Ereignis besser als das der Erzählung einer der beteiligten Figuren in einer Befragung möglich wäre. Man ist als Leser viel näher an den Geschehnissen dran. Leider bleibt die Autorin in den Rückblenden oft nicht bei der personalen Erzählweise, sondern bedient sich eines allwissenden Erzählers, was mich manchmal gestört hat. Besonders in den Episoden, die während des Bergarbeiterstreiks spielen, lag ihr vermutlich zu viel daran, die Not und das Leid der Familien der Bergarbeiter aus möglichst vielen Sichtweisen zu schildern. Deshalb schaut sie in einer Sequenz verschiedenen Protagonisten in Herz und Seele. Eine genaue Charakterisierung einzelner Figuren kommt dabei zu kurz. Das ist aber nur ein kleines Manko und schmälert das Lesevergnügen kaum. Die Story selbst ist anfangs vielschichtig und man fragt sich, wie das alles zusammen passen wird. Das Ende wird es jedoch irgendwann vorhersehbar. Dennoch spannend zu lesen und, wie die Krimi-Couch zu Recht sagt: Großes Kino.

Val McDermid
Nacht unter Tag
München : Droemer, 2009
19,95 € (Gebundene Ausgabe)

Nachtrag:
Der nächste Krimi mit Tony Hill erscheint im September im englischen Original unter dem Titel „The fever of the bone“ heraus.

Olga Flor: Kollateralschaden

Olga Flors Buch, das 2008 auf der Long-List zum Deutschen Buchpreis stand und das es wegen des Lobs und des Themas in mein Bücherregal geschafft hat, brauchte eine zweite Chance, um endlich gelesen zu werden.

Die Form, in der Olga Flor Personen vorstellt, die sich zufällig in einem Supermarkt über den Weg laufen oder einander aus dem Weg gehen, hat mir zu schaffen gemacht. Die Kapiteleinteilung in Minuten ist sicher keine schlechte Idee, für mein Lesebedürfnis zerreißt es die Geschichten der einzelnen Protagonisten jedoch viel zu sehr. Ich bekam wenig Gelegenheit, mich auf eine Figur einzulassen und mehr über sie zu erfahren, weil innerhalb der 60 Sekunden, die ein Kapitel dauert, unter Umständen die Gedanken von 3-6 Personen „zur Sprache“ kommen. Die Perspektive wechselt dabei naturgemäß schnell, manchmal sogar innerhalb eines Absatzes von etwa 20 Zeilen.

Die unterschiedlichen Figuren haben trotz unterschiedlichster sozialer Herkunft und Altersgruppe zunächst eine sehr ähnliche Stimme: Mo, ein Teenager, dessen Mutter zeitgleich bei einer alten Dame bügeln geht, Tobias, ein Azubi, der seine Arbeitszeit lieber mit dem Anschauen von Pornos verbringt als mit dem Einräumen der Regale, Anna K, eine 60jährige Hausfrau, die sich über ihren Ehemann beklagt, Horst, der Rentner, dessen Frau gerade auf dem OP-Tisch liegt und der sich fragt, was wäre, wenn sie nicht wieder aufwachte, Luise, eine karrieregeile Jungpolitikerin, die vom Tod ihres Mannes erzählt und sich mühsam aus dem Bannstrahl ihres ehemaligen Lovers und Parteiaushängeschildes (ich meine, eine gewisse Ähnlichkeit zu einem real bereits gestorbenen Politiker entdeckt zu haben) zu befreien sucht oder Erich, ein Lokalreporter, den man „in die Chronik abgeschoben“ hat. Erst im letzten Drittel des Buches finden einige Figuren zu ihrer eigenen Sprache: Mo seinen Straßen-Jargon in Vorbereitung seiner Performance, Luises Worte und Gedanken werden hektisch bei dem Versuch, Ferdinand nun endlich zu übertrumpfen und die im Supermarkt entstandene Situation für sich auszunutzen, Erich hört man den Reporter jetzt deutlich an. Erst am Ende fügen sich die Stränge in ein Ganzes, das sich plötzlich wie ein Soufflée aufbläht und genauso schnell wieder in sich zusammen fällt. Übrig bleibt ein fader Geschmack im Mund. Erst, als ich das Ende des Buches kannte, wurden mir Absätze vom Anfang des Buches begreiflich.

Einzelne Gedankengänge und innere Kämpfe, die so manche Figur mit sich herum schleppt und an denen sie den Leser teilhaben lässt, fand ich jedoch sehr gelungen und auch nachvollziehbar. Sehr anrührend fand ich die Geschichte von Horst in seiner ganzen Hilflosigkeit. Ich hätte sie lieber zusammenhängend präsentiert bekommen.

Olga Flor
Kollateralschaden

Wien : Zsolnay, 2008
17,90 € (gebundene Ausgabe)