Stille

(c) Andrea Gunkler 2016

50° 48′ 27“ N, 9° 32′ 59“ O

Süden

Der Wirtschaftsweg führt geradeaus, folgt dem Weihersbach talabwärts, Grasbüschel durchstoßen die Asphaltdecke. Links Straßenrandbewuchs mit Gräsern und Brennnesseln, darin versteckt ein Stacheldrahtzaun zur Talwiese. Rechts ein Flutgraben, darüber ansteigend die Wiese hinter einem Stacheldrahtzaun, davor Brennnesseln, Gräser und ein Holunderstrauch. Über der Wiese auf dem von Süden her ansteigenden Hügelkamm Eichen und Kirschen im Wind, die Wiese vor kurzem gemäht, heubeige durchsetztes Grün, gerade übermaushoch, Spatzen und Schwalben im Tiefflug auf der Suche nach Insekten. Am Ende des Wegs das Dorf, Pappeln am Straßenrand, wo der Weg im Gefälle verschwindet. Auf der Wiese hinter den Pappeln sind wir Ski gefahren, auf der Wiese gegenüber der Pappeln habe ich mir das Schlittschuhlaufen beigebracht. Die Dächer der ersten Häuser, tonrot, dahinter weitere Häuser in größerer Entfernung, ziegelrote und schwarze Dächer, weiße Giebel. Darüber der Langenberg, hellockerfarbene Getreideäcker, ein Maisfeld, strotzend vor grün, in Serpentinen durchschneidet ein baumbestandener Weg die Landschaft hinauf zum Segelflugplatz.

Westen

Über dem Flutgraben verdorrte Gräser und Brennnesseln im Wind, grün und ockerfarben, beige, Brennnesseln in Blüte, dahinter eine steil ansteigende Wiese, verhalten grün nach der Mahd, darüber eine weitere Wiese, ungemäht, altrosafarbene Streifen von Rotschwingel, die Wiese mit Gatterzaun umfriedet und mit weißem Koppelband eingeteilt, Obstbäume an der Geländekante, die Stämme talabwärts durchgebogen, Totgeäst hier und da, oben auf dem Kamm ein Holzunterstand für das Pferd, das nicht da ist, geduckt unter einer Eiche, Kirschbäume daneben, dahinter der obere Teil des Mastes und die Rotoren einer Windkraftanlage. Rotorengeräusch wutsch wutsch wutsch, wie Flugzeuge. Die Wolken werden grauer.

Norden

Am linken Rand des Sichtfeldes der Winkel des Pferdegatters, dahinter über dem Hügelkamm eine zweite Windkraftanlage, der Mast hellgrau im Schatten, auf Viertelhöhe ein rotes Band, Rotoren nach Westen, wutsch wutsch wutsch, vorherrschende Windrichtung. Stromleitung im Näherkommen, drei Strohmbahnen und zwei Masten aus Holz, unter dem vorderen Holzpflöcke, daran Stacheldraht. Wirtschaftsweg geradeaus talaufwärts, nach hundert Metern Kurve nach rechts und wieder nach links und dann aus dem Blick verschwunden. Eine Birke am Wegrand über dem Flutgraben links, weiter oben eine höhere Böschung mit Kirschbäumen und Eichen. Im Tal rechts neben dem Weg eingezäunte Wiesen, verhaltenes Grün und ocker, hinter einem weißen Koppelzaun Rundballen in mintfarbener Plastikhülle. Über den abzweigenden Weg, wo der Weihersbach entspringt, Autos und Kühlschränke begraben unter dem Bauschutt der letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts. Jetzt wachsen dort Eichen, Holunder, Birken und Weiden. Rechter Hand in Terrassen ansteigendes Gelände mit Kirschen und Eichen und Wiesen, Rotschwingel und strohfarbene Gräser, ungemäht. Im Waldstück am Talende oberhalb der Weihersbachquelle die Autobahn, A7/A5, Hattenbacher Dreieck, Motorendauergeräusch.

Osten

Im rechten Sichtfeld ein Hang voller Bäume: Walnuss, Zwetschgen, Flieder, Fichten, Birken, Eichen, links vom Stichweg oberhalb der trockendürren Böschung gelb leuchtendes Johanniskraut und Königskerzen, im Schafszaun rot-weiß-gestreiftes Flatterband, darüber eine teils gemähte Wiese, das Gras vorwitzig grün, junge Obstbäume, ein Pfirsichbaum, ein weiterer Baum im ungemähten Teil abgestorben, kahle Äste über Rotschwingel und darüber, höher am Hang, eine niedrige Schlehenhecke in gesetztem Grün. Im Stichweg zur unteren Wiese hin beschirmt vom Brennnesseln mein Auto, ein Azurblau, das dem Himmel heute fehlt, dahinter der Eingang zum Stille. So nannten wir das Gelände als Jugendliche, als wir mit Musik aus Autoradios und Kistenbier von der Anni hier feierten. Eine Holzbank unter dem Zwetschgenbaum, halb versteckt hinter dem Walnussbaum, gegenüber Forsythien, seit langem abgeblüht, weiter nach Süden ein Häuschen etwas erhöht am Hang, ziegelrotes Dach, die Fassade blanker Backstein, zwei Fenster im Giebel mit lackiertem Rahmen, brüllend grün, danach leere Obstspaliere, Holzpfähle einander gegenüber, auseinanderstrebend, bilden Ws im Gras. Dahinter ein rostiges Windrad, Reste von mintgrüner Farbe daran. Ein Maschendrahtgehege, bevor der Hang sich mit Grün flutet: silbriges Apfelbaumgrün, auftrumpfendes Eichengrün, flirrendes Birkengrün.