“Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben” lautet der Untertitel des Buches von Angela Leinen, das – wie könnte es anders sein – das Versprechen des Titels gar nicht einhalten will. Es soll auch kein Leitfaden zum kreativen Schreiben sein oder gar eine Stilfibel. Die Autorin richtet sich an den Leser und will ihm Anleitung geben, gute von schlechten Texten zu unterscheiden. “Literaturkritik für alle” eben, wie die Einleitung übertitelt ist. Anhand der Texte, die in den letzten Jahren während der “Tage der deutschsprachigen Literatur” in Klagenfurt vorgestellt wurden, möchte sie zeigen, welche Fehler Autoren vermeiden können, um den “idealen Leser” milde zu stimmen. Ein Text sei erst beim Leser wirklich fertig, denn der fügt dem Geschriebenen seine Vorstellungswelt hinzu. Und ob der Text gelungen ist, entscheidet sich erst hier: In den Augen des Lesers.
Wenn man alles zusammen nimmt, hat Angela Leinen dann doch wieder eine Art Anleitung zum kreativen Schreiben verfasst. Denn das Buch behandelt genau die Aspekte, die man auch in einem “Lehrbuch” finden könnte, mehr oder weniger gut illustriert an Beispielen aus Klagenfurt. Es geht um die Auswahl des Stoffs, das Experimentieren mit Sprache, das Erzeugen von Spannung, den Plot, die Gestaltung literarischer Figuren, um Erzählperspektive, Schauplätze, Requisiten und Bedeutungsebenen. Ein Kapitel widmet sie ausführlich dem Dialog, ein anderes dem Thema Sex, das in Klagenfurt-Texten kaum vorkommt, offenbar, weil die Autoren fürchten, sich damit auf zu dünnes Eis zu begeben. Und am Ende geht es dann doch um Stilistisches, wenn sie den Autor bittet, seinen Sorgfaltspflichten nachzukommen, etwa in Bezug auf Textökonomie, Sprachbilder oder einfache Recherchen.
Angela Leinens Buch liest sich wunderbar leicht. Ich habe es an einem Abend durchgelesen. Es ist kurzweilig und amüsant und die Beispiele sind gut ausgewählt. Da sie ausdrücklich persönliche Leseerfahrungen schildert, muss man nicht in allem mit ihr übereinstimmen. An vielen Stellen jedoch konnte ich herzlich schmunzeln.
Angereichert wird das Buch durch Interviews und Gastbeiträge, in denen eine Literaturkritikerin, ein Autor, ein Autor/Lektor, eine Lektorin und eine Literaturagentin zu Wort kommen. Vom Lektor erfährt man darin zum Beispiel, wo er die Autoren findet, die er zur Abgabe eines Manuskripts einlädt. Daneben wird die “Automatische Literaturkritik der Riesenmaschine” vorgestellt, mit der die Betreiber des gleichnamigen Weblogs die in Klagenfurt eingereichten Wettbewerbstexte anhand bestimmter Kriterien bewerten. Ein Teil dieser Kriterien ist im Anhang abgedruckt. Mit dieser Bewertung wurde 2008 Tilman Rammstedt ausgewählt, der später tatsächlich den Bachmannpreis gewann.
Die Autorin unterhält das Weblog “Sopran” und schreibt für das Gemeinschaftsweblog “Lesemaschine”, ein Schwesterschiff der “Riesenmaschine”.
Angela Leinen
Wie man den Bachmannpreis gewinnt
München : Heyne, 2010
broschiert, 12,95 €