Fertigfutter

#fraugunklerkocht

Was darf ich als Gast heutzutage von einer Speisegaststätte auf dem Land erwarten, was das Essen angeht? Haute cuisine? Wohl kaum. Gediegene Hausmannskost? So etwas in der Art. Die wünsche ich mir jedenfalls, wenn der Koch in dieser Gaststätte das Catering für eine Familienfeier übernommen hat – mit Suppe am Platz serviert, 3 Sorten Fleisch, Beilagen, Gemüse, Salaten am Büffet und einem Nachtisch.

All das gab es auch. In dieser Hinsicht fand ich nichts zum Beanstanden. Auch die Menge war, wie so oft, mehr als ausreichend. Kein Grund also, in exzessives Selberkochen am nächsten Tag zu verfallen. Wir alle wissen, wie wichtig so ein schmackhaftes Essen für das Gelingen einer Familienfeier ist, wie es die Stimmung heben kann, wenn wir in Gesellschaft essen. Oder eben das Gegenteil bewirkt.

Wie in diesem Fall. Deshalb die Kochattacke am nächsten Tag. Schon als die ersten Suppentassen in den Festsaal gebracht wurden, ging bei Manchen das Naserümpfen los. Der unverkennbare … hm, Duft will ich es nicht nennen … das unverkennbare Aroma von Tütensuppe erfüllte schlagartig den Raum und schlug zumindest mir gehörig auf die Stimmung.

Ehrlich? Ich verabscheue dieses Zeug aus allertiefstem Herzen. Nicht nur, weil mein Körper auf Sellerie und manch andere Fertiggerichtezutat allergisch reagiert. Auch mein Willen reagiert allergisch, weil ich nicht akzeptieren mag, wenn mir der Betreiber einer Gaststätte, der gutes Geld für seine Arbeit verlangt, es wagt, seinen „Gästen“ solch einen Industriemüll zu servieren.

Ich hatte befürchtet, dass es so kommen würde, aber hoch und heilig versprochen, nicht dem Suppenkasper zu mimen („nein, meine Suppe ess ich nicht“), sondern brav die Tasse auszulöffeln. Ich scheiterte. Nach zwei Löffeln völlig versalzener M***i-Brühe und an den Zähnen klebenbleibender Markklößchen aus Eiskugelbeutelplastik gab ich auf. Nicht mal die frische Petersilie, die in der Tasse schwamm, vermochte etwas zu retten.

Ein Blick in die Runde brachte verschiedene Ergebnisse: Ich sah sowohl zufrieden löffelnde als auch griesgrämig und fragend dreinblickende Verwandte. Meinen Schwager in spe traf diese Geschmackszumutung besonders hart. Er ist Koch. Für ihn ist diese Tätigkeit kein Beruf, sondern eine Berufung. Seine Schüler, sagte er nach diesem Essen – das übrigens mit Tütensoßen und Tiefkühlgemüse sowie -schnitzeln weiterging -, kämen in den ersten Anstellungen nach ihrer Ausbildung nur schwer zurecht, weil sie den Umgang mit Convenience- bzw. Fertigprodukten und Mikrowelle bei ihm nicht gelernt hätten.

Wie sie wohl eine Brühe kochen würden? Vermutlich ähnlich wie ich: frisches Gemüse in einen Topf, eventuell anbraten, eventuell Fleisch dazu, egal welcher Sorte, eventuell auch anbraten, Kräuter, Lorbeerblätter, Ingwer, Gewürze hinein in den Topf, mit Wasser auffüllen, ordentlich lang köcheln lassen und dann abseihen. Diese Brühe lässt sich wunderbar in Flaschen abfüllen und für alle möglichen Zwecke im Kühlschrank aufbewahren. Bei mir verbraucht sich so ein Liter innerhalb weniger Tage: für das Dressing auf dem Kartoffelsalat, fürs Ablöschen von Gemüse, fürs Soßenkochen, für eine schnelle Suppe, für alles Mögliche. Kostet, wenn ich Gemüsereste und -schalen verwende, nicht einmal etwas extra, also noch weniger als ein Brühwürfel oder eine Tütensuppe – und schmeckt jedes Mal anders, meilenweit entfernt vom Einheitsbrei.

Aber vielleicht liegt genau darin das Problem. Wer will heutzutage schon noch Überraschungen? Vor allem, wenn es ums Essen geht? Der BigMäc schmeckt in Hamburg wie in Offenbach und der Whopper in Kirchheim wie in Frankfurt: berechenbar, verlässlich, vertraut. So soll, das vermute ich wenigstens, auch das Essen in einer Speisegaststätte auf dem Land schmecken. Davon zeugen die Zufriedenlöffler. Denn viele – viel zu viele – Menschen haben sich heutzutage angewöhnt, mit Tüten und Flaschen und Würfeln und Dosen zu kochen. Wie sonst ist es zu erklären, dass Fertigfutter … nein, nennen wir es beim Namen: Chemiefraß mehr Fläche im Supermarkt beansprucht als frisches Obst und Gemüse? Viele viele Menschen haben sich an den Geschmack von Mononatriumglutamat, Hefeextrakt, gehärteten Fetten, E-schießmichtot, natürlichen Aromastoffe, Ascorbinsäure und was weiß ich gewöhnt, empfinden Frischgekochtes oft als fad, weil sorgsam ge- und nicht über-würzt. Dabei täuschen diese Produkte allesamt etwas vor, was sie nicht sind: Nahrung.

Nahrung kommt von „nähren“, etwas zuführen, mit dessen Hilfe etwas wachsen kann, wie unser Körper, der tagtäglich 500 Millionen neue Zellen produziert und sich einmal in 7 Jahren vollkommen aus sich heraus erneuert hat, allein durch das Wunderwerk an komplexen Stoffwechselvorgängen, die wir bis heute nicht vollständig verstanden haben. Wie können wir dieses Wunder der Natur so gering schätzen und ihn derartig mit Chemie vollstopfen, dass sämtliche Zellen in absolute Panik geraten müssen? Wie können wir uns da noch wundern über Diabetes, Herz- und Gefäßerkrankungen, Krebs?

Ich meine, wir müssten es uns wert sein, uns besser zu er-nähren. Unser Körper hat Besseres verdient. Unser Geist hat Besseres verdient. Denn Essen = Nahrungsaufnahme = Er-Nährung hat immer auch diesen sinnlichen Aspekt des Genießens, der das Herz anspricht, wo die Gefühle sitzen, das Befinden. Deshalb will ich gutes Essen. Ich will mich wohlfühlen. Ich weiß, wenn ich meinem Körper gutes Essen gebe, dann fühlt er sich wohl, dann fühle ich mich wohl, bin zufrieden, ja zutiefst befriedigt – und fühle mich genährt und gestärkt und kann es aufnehmen mit den Verrücktheiten dieser Welt. Sogar mit Fertigfutter.

 

Das Ergebnis der Kochattacke:

Hähnchennuggets mit glasierten Möhren, Rosmarinkartöffelchen und Estragonsoße (für 2 Personen)

(1) Für die Soße:

Butter/Olivenöl in einem Topf bei mittlerer Hitze schmelzen
1 gehackte Schalotte andünsten
3-4 TL Mehl anschwitzen; mit
Milch und Brühe zu gleichen Teilen ablöschen und aufkochen lassen, Brühe hinzufügen, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist; mit
Salz, Pfeffer, Zitronensaft, 1 TL Senf würzen, evtl.
frisch gehackten Estragon hinzufügen – kurz vor dem Servieren mit
Estragonessig abschmecken.

Exkurs: Estragonessig selber machen

4-5 Zweige frischen französischen Estragon in eine Flasche mit hellem Essig stecken und 3 Monate ziehen lassen. Fertig 🙂

 (2) Rosmarinkartoffeln

Extra kleine Kartoffeln (meine Bamberger Hörnla waren winzig dieses Jahr) gründlich waschen, mit
frisch gezupften Rosmarinzweigen, Meersalz und Olivenöl vermischen
Backofen auf 200 Grad Umluft vorheizen
Kartoffeln auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech verteilen und 20 Minuten backen

 (3) Glasierte Möhren

8-10 mittelgroße Möhren schälen, in fingerlange Stücke schneiden, vierteln
Olivenöl in einem Topf erhitzen, Möhrenstücke darin in 15-20 Minuten gar dünsten; mit
Salz und Pfeffer würzen
Kurz vor Ende der Garzeit mit Weißwein- (oder einem anderen hellen) Essig ablöschen, die Flüssigkeit verdampfen lassen
1 EL Honig hinzufügen und unter die Möhren mischen, bis sie glänzen
Vor dem Servieren mit Petersilie bestreuen

 (4) Hähnchennuggets

2 Hähnchenbrüste waschen, parieren und in Stücke schneiden; mit
3 EL Joghurt verrühren; mit
Salz, Pfeffer, Currypulver würzen; mit
zerstoßenen Cornflakes und gehackten Nüssen nach Geschmack (Mandeln, Cashewkerne) panieren, in
Kokosöl ausbacken

 Bon appetit!

 PS: Die Zubereitung all dieser Speisen hat kaum 1 Stunde gedauert. Wie lang hätten Sie mit Tüten und Würfeln und TK-Produkten gebraucht? Trauen Sie sich!

 

Ankündigung: „Wahre Heldinnen – Starke Frauen aus Nordhessen“

Wer sich für Geschichten über besondere Frauen interessiert, darf sich auf den 12. Oktober 2018 freuen!
Ich hatte das Vergnügen, für den Wartberg-Verlag in Gudensberg ein Buch zu schreiben über

„Wahre Heldinnen – Starke Frauen aus Nordhessen“

Wartberg-Verlag Gudensberg
64 S.
ISBN 978-3-831332-12-0
Gebundene Ausgabe, 14,00 €

Darin versammelt finden Sie Geschichten über sattsam Bekannte wie Elisabeth Selbert, eine der Mütter des Grundgesetzes, Sophie Henschel, die mehrere Jahre lang die Geschicke der gleichnamigen Lokomotivfabrik lenkte, über die famose Malwida von Meysenbug, die zur Zeit der Märzrevolution dafür kämpfte, dass Frauen sich ein eigenes Auskommen erwirtschaften dürfen sollten, oder über „La Mara“, angesichts derer Sangeskunst selbst der alte Fritz ins Schwärmen geriet.

Doch es sind nicht nur historische Persönlichkeiten, die Sie in diesem Büchlein kennenlernen. Nordhessen hat auch Heldinnen des Alltags zu bieten: Roswitha König etwa, die sich der Rettung verletzter Vögel verschrieben hat; die Landwirtin Claudia Jütte, 2015 „Unternehmerin des Jahres“; Manuela Arndt, die in ihrer „Suppenplantage“ Kasselern die Suppe wieder schmackhaft macht; Nadine Horchler und Carolin Schäfer mit ihren sportlichen Erfolgen.

Merken Sie sich also schon einmal den 12. Oktober 2018 vor. Pünktlich zur Buchmesse wird das Buch auf den Markt kommen. Vorbestellen können Sie es schon jetzt!

Trost-Schmarrn

#fraugunklerkocht

Wann immer die Welt da draußen in Unordnung gerät, bekomme ich Hunger. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Am Wochenende zum Beispiel, als die sogenannten „sozialen Medien“ voll waren mit Chemnitz und Hass und braunem Müll, der durch die Straßen waberte. Und dann gestern, als ich las, dass sich allen Ernstes jemand etwas wünschte, das mit zertrümmerten Schädeln und Ruhestätten zu tun hatte, die als Ort zur Verrichtung von Notdurft dienen sollten.

Mein Magen reagiert da empfindlich. Der braucht an solchen Tagen besonderes Futter. Was von der Pfanne. Und süß muss es sein. Irgendwas mit Kirschen – ich hab noch welche im Tiefkühler. Während ich in das bisschen Teig zusammenrühre, das ich für den Pfannkuchen brauche, brutzeln die Kirschen sich warm in der Butter und tauen allmählich auf. Der Krampf in meinem Hirn lässt sich vom Karamellduft erweichen, der noch eine Bratwurstnote im Gepäck hat, weil ich das Fett auf der Pfanne lasse, egal, was ich später braten will. Hier in meiner Küche entbrennt jetzt auch ein Kampf: ich gegen das Stück Eierschale, das in den Teig gerutscht ist. Sonst herrscht beruhigender Frieden. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Fichtenwipfel voller Zapfen, die im Wind wackeln. Nur die Autobahn macht Lärm – wie immer.

Die Welt ist weit weg, denke ich und es zischt beim Ablöschen der Früchte. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, als wenig später der Teig über die karamellisierten Kirschen fließt. Es riecht nach Butter, Sherry und Ferien in Frankreich, damals, als die Welt noch in Ordnung war. Heute weiß ich, sie war es nie, in Ordnung, meine ich, nur als Kind kriegt man das halt nicht so mit, weil die eigene Welt voller Schule ist und voller Nachmittage im Feld oder im Wald, nachdem es zum Mittag Pfannkuchen gegeben hatte. Die Welt ist auch heute noch in Ordnung, jedenfalls hier bei mir – bis ich die „Fenster“ mit den „sozialen Medien“ öffne und mir die Zukurzgekommenen mit all ihrem Neid zeigen, was sie mit denen zu tun gedenken, die noch ärmer dran sind als sie.

Heute, am Tag nach dem #wirsindmehr-Konzert, gab es neuerlichen Grund für Pfannkuchen. Störche sehe ich einfach lieber auf ihrem Horst in den Fuldawiesen als mit aufgerissenem Maul auf Twitter. Mit Mirabellen war der Schmarrn auch lecker. Welche Früchte nehme ich morgen? Ich habe noch Brombeeren im Gefrierfach. Und die Äpfel draußen am Baum machen sich auch prima im Schmarrn.

Wer jetzt Lust bekommen hat auf Trostpfannkuchen, der nehme:

Für den Teig:
2 gestrichene Esslöffel Mehl
1/2 TL Salz
1 TL Zucker
mit einer Milch/Wasser-Mischung zu einem recht dünnflüssigen Teig verrühren
1 Ei dazugeben und glattrühren.

Früchte nach Wahl  und Saison (Pflaumen, Mirabellen, Äpfel. Birnen > die findet man übrigens gerade überall an Wegrändern und werden oft nicht abgeerntet. Ein Blick auf mundraub.org zeigt, wo man pflücken darf)
in einem Stück Butter andünsten
mit einem TL Rohzucker bestreuen und diesen leicht karamellisieren lassen
das Ganze mit einem Schnaps nach Wahl ablöschen
die Flüssigkeit sollte fast vollständig verdampft sein.

Dann den Teig über die garen Früchte gießen und stocken lassen.

Wer mag, kann den Teig während des Backens zerrupfen und so in Schmarrn-Form bringen. Für die Extra-Dosis Süße nach dem Anrichten den Pfannkuchen bzw. Schmarrn mit Puderzucker bestreuen oder Ahornsirup drübergießen – ist aber auch süß genug ohne.

Nie den Appetit verderben lassen!

Haus am Strand

Verrückt.
Heute mache ich etwas anders.
Ich mache etwas, damit etwas anders wird.
Die Wohnung.
Ich verrücke.
Den Kleiderschrank schiebe ich aus dem Fenster.
Die Badewanne schiebe ich neben das Bett.
Die Stühle schiebe ich allesamt in die Küche.
Den Backofen schiebe ich dahin, wo einmal der Fernseher war.
Die Bücher schiebe ich aus den Regalen und baue Türme daraus.
Das Haus schiebe ich auf den See.
Den Korbsessel schiebe ich hinaus auf die Terrasse.
Zuletzt schiebe ich mir einen Schemel unter die Füße und genieße den Ausblick aufs Wasser.
Wolken schieben Wind heran.
Wind schiebt das Haus voran vom See in den Fluss.
Der Fluss schiebt das Haus hinaus aufs Meer.
Die Wellen schieben das Haus auf den Strand.
Meine Füße schieben den Sand zu einem Wall um mein Haus.
Ich schiebe das Dach zur Seite, damit ich vom Bett aus die Sterne sehen kann.
Ich schiebe den Mond in die Mitte des Himmels.
Jetzt gehört die Welt mir.
Verrückt.

(Foto: 12019/pixabay.com)