Windrad 2

Ich hätte mir einen anderen Ort ausgesucht. Die Wahl hat mir niemand gelassen. Es ist laut hier und dreckig. Ein Rauschen erfüllt die Luft, und in dem Rauschen ist Gift. 

Das war anders, als ich damals herkam. Damals wehten die Winde noch lauer. Wir hatten Wochen voller Regen und Sonne im Laub, beides in harmonischem Wechsel. Jetzt müssen wir monatelang fasten. Da liegt ein Tal zu unseren Füßen. Ein Bach plätscherte hindurch. Sie haben das Tal zugeschüttet, den Bach in Rohre geschnürt. Wer weiß, ob er je wieder das Licht des Tages sieht. Sie haben Wege gepflastert und zubetoniert. Sie wollten rasch von hier nach dort.

Aber wollten sie diesen Lärm?

Ich begrüße die Morgensonne in meinem Osten und die Windräder in meinem Norden. Es wird ein weiterer trockener Tag. Ich stelle mir vor, ich lausche dem Bach zu unseren Füßen plätschern. Unsere Vögel höre ich kaum noch. Wir tun unser Bestes und füttern sie.

Sie wollten rasch von hier nach dort. Aber wollten sie diesen Lärm?

#PoppyDay

Es war Sommer, ein Sonntag, Kaiserinnenwetter. Mit einer Freundin hatte ich das Wochenende bei meinen Eltern in Waldhessen verbracht. Nach dem Mittag wollten wir in die Großstadt zurückkehren. Wir hatten uns für eine Ausweichstrecke entschieden, der Staumeldungen wegen. Der Weg, den wir gewählt hatten, führte zunächst über Wirtschaftsstraßen ins Nachbardorf. Wir passierten Felder und Wiesen, fuhren durch hügeliges Gelände mit Fernblick. Das Getreide stand hoch, die Wegrandgras ebenfalls. Wir bogen um eine Kurve – und mussten anhalten. Der Anblick, der sich uns hier bot, verschlug mir den Atem. Ein Getreideacker vor uns blühte blau, rot und weiß vor Kornblumen, Klatschmohn und Kamille. Wir stiegen aus, den Mund offen vor Staunen. Keine von uns hatte eine Kamera dabei. Es waren die Neunziger. Zum Fotografieren brauchte man spezielle Apparate mit Rollen darin, die man einem Fotolabor zum Entwickeln anvertraute. Uns bliebt nichts anderes übrig, als den Anblick in uns aufzusaugen, das Gefühl, das dieser Anblick auslöste, auf der eigenen inneren Festplatte abzuspeichern, um es jederzeit wieder abrufen zu können: dieses Aufsteigen in der Brust, diese Freude, die mir die Tränen in die Augen trieb.
Ich habe sie wiedergefunden, die Farben, das Blau, Rot und Weiß von Kornblumen, Klatschmohn und Kamille. Aber ich musste suchen. Zwischen Weg und Acker blühen sie, an den Rand gedrängt, auf einem schmalen Streifen, den die Giftspritze ausgelassen hat. Insekten schwirren darin: Bienen, Fliegen, Hummeln, Käfer. Es ist ein Gewimmel und Gesumm, als wollten sie sagen: „Wir sind hier. Wir sind nicht mehr viele, aber wir sind hier. Und auch wenn es manchmal nicht danach aussieht, am Ende wird wirklich alles gut.“

Ein Bekenntnis

Ich schreibe für mein Leben.
Nicht nur für mein Leben gern, sondern wort-wörtlich „für mein Leben“. Im Schreiben sortiere ich die Ereignisse des Tages, der Nacht, meine Gefühle, Gedanken. Schreiben hilft mir dabei, die Welt zu verstehen, mich selbst zu verstehen, meinen Platz in der Welt zu verstehen, zu begreifen, greifbar zu machen, indem ich aufschreibe, mit dem Stift in der Hand. Schreiben ist Denken. Schreiben ist Entdecken. Schreiben ist Begreifen. Schreiben ist Lernen.  „Ein Bekenntnis“ weiterlesen