Webcam/Porträt: City Galerie III

Porträt: Die ehrgeizige Mutter

(1) setzt ihr Baby in einen Metallkorb mit Lochrand für ein Foto im Stil von Anne Geddes.
(2) nimmt ihr weinendes Kind auf den/in den Arm und redet auf es ein: tröstet/muntert auf/schimpft/fordert.
(3) kleidet ihr Kind in der Öffentlichkeit um.
(4) zupft am Kleid, steckt das Hemd in die Hose, rückt die Kappe zurecht, bindet das Mützchen oder die Haarschleife, schiebt und dreht und wendet das Kind.
(5) fragt wieder und wieder bei der Fotografin nach, wann die vorige Kundschaft endlich fertig und sie an der Reihe ist.
(6) bittet um Wiederholung, weil das mit verheulten Augen keine schöne Fotos geben kann, das muss die Fotografin doch einsehen.
(7) macht dem Kind das Trommeln/Pferdchenschaukeln/Plüschtierliebhaben vor.
(8) schiebt das Kind nach dem Tränentrocknen auf die Bühne zurück.

Webcam: Bad Hersfeld, City Galerie, Freitag, 20.5.2016, Anfang: 15:28, Ende: 15:59

Sitze vorm Café, Blickrichtung Lichthof, Säule vor mir und die vier Cafétische auf der Freifläche vor dem TiTo-Gang und den Bekleidungsgeschäften. An einem der Tische eine Grauhaarige mit blauem Stoffbeutel auf dem Stuhl neben ihr, in meine Richtung schaut ein jüngerer Mann mit orangerotem Hoodie, der schon das dritte Päckchen Zucker in seine Tasse schüttet.
Rechts von mir, zwei runde Tische weiter, eine Gruppe von vier Frauen, eine mit durchdringender Lache und eine im Rollstuhl.
Links im Lichthof, an der Rossmann-Wand, eine Bühne, ein Baby posiert für eine Fotografin in knielanger Strickjacke, blau-weißes Rautenmuster.
„Nadine, nicht so viel Wasser trinken … musst du zur Toilette.“
„Schau mal, die hält sich automatisch fest, Wahnsinn.“
Die Frauen am Tisch beobachten die Fotosession.
„Weidenkörbchen auf dem Feld.“
Das Baby hockt in einem Metallkorb mit Durchbruchmuster am oberen Rand.
„Ist bestimmt nicht so einfach. Echt nicht. Auch nicht bei euch?“
Die Kleine hält es im Metallkorb nicht aus, greint, will auf den Arm der Mutter, eine Dicke in Jeans und schwarzem Pullover. Auf und neben dem Podest allerhand Spielzeug und Plüschtiere. Die Fotografin setzt ein Nilpferd – oder ist es eine Kuh – mit rosa Schnauze auf die Bühne und das Baby darauf. Scheinwerfer mit viereckigen Schirmen rechts und links. Eine Frau mit roter Lederjacke und roter Jeans kommt von der Seite, nimmt das Plüschtier wieder weg.
„Guck, guck.“
Die Fotografin singt, klatscht auf die Bühne, sucht die Aufmerksamkeit des Kleinkinds, das mit seinen Händchen auf Bongos patscht.
Die Dicke nimmt das Kind hoch, die Rotlederne zieht dem Mädchen das schwarzweißgeblümte Kleidchen aus und etwas anderes an, rosafarbenes Hängerchen und blaue Leggings. Die Fotografin spricht derweil mit einer anderen Frau. Die Rotjacke setzt dem Kind, das Jana heißt, einen rosafarbenen Hut auf. Jana will den Hut nicht, rupft ihn sich vom Kopf. Die Kleine quietscht. Blitzlicht zuckt. Die Fotografin tätschelt der Kleinen die Hand. Die Dicke lässt ein Tamburin rasseln, schnippt mit den Fingern der Fotografin über die Schulter, will den Blick der Kleinen lenken.
Im Lichthof wartet neben einem Buggy eine Blonde mit pinkfarbenen Schuhen, Blümchenleggings, pinkfarbenem Top mit Spitze unten und kurzer Jeansjacke darüber. Die Arme verschränkt, beißt sich auf die Lippen, schaut sich um, schiebt den Buggy vor und zurück.
Das Tamburin rasselt, die Kleine weint.
Die Pinkbeschuhte bekommt Gesellschaft von einer Dunkelhaarigen mit einem Jungen, Jeanshose und Jeanscap.
Jana greint über den Schnuller in ihrem Mund hinweg auf dem Arm der Dicken. Die Fotografin schaut von ihrem Hocker hoch und kitzelt dem Kind den Fuß. Die Rotbejackte streckt der Kleinen einen pinkfarbenen Trinkbecher hin. Die Fotografin spricht mit der Dicken, lächelt. Die Rotbejackte steht dahinter, Oberkörper leicht vorgebeugt, die Hände so einandergelegt, wie ich es zuletzt bei einer entfernten Oma gesehen habe in der Kirche, wenn sie darin ihr Schnupftuch hielt. Sie geht mit der Kleinen auf dem Arm ab zu den Tischen.
Ein anderes Kind steht nun auf dem Podest, rosafarbene Strumpfhose, Jeansrock, geblümte Bluse, dunkle Haare, mit Schleifenhaarreif zurückgehalten, dabei eine Frau mit hellrosa Pullover und dunkler Brille, dunkelblaue Hose, Pagenkopf. Die Frau diskutiert mit der Fotografin die Position des Kindes. Schon größer, die Kleine. Die Fotografin schaut sich um, eine weitere Frau mit Kinderwagen nähert sich, fragt etwas, die Fotografin hebt die Hand.
Die Blonde in Jeans und Pink sitzt am Tisch hinter der Säule und beobachtet die Fotosession.
Die Frau mit dem rosafarbenen Pullover und die Fotografin geben dem Mädchen auf der Bühne Anweisungen, wie das Mädchen stehen soll, ganz hinten an die weiße Wand stellt es sich, die Hände hinter dem Rücken. Das Mädchen senkt den Kopf, flieht zu Mama auf den Arm. Die Pagenfrau diskutiert mit dem Mädchen, tröstet, tätschelt ihm den Rücken, stellt es wieder auf die Bühne, zupft das Blüschen zurecht. Die Kleine weint. Rosamama nimmt sie wieder hoch, trägt sie vom Podest weg, tröstet. Die Kleine schreit.
Die Fotografin diskutiert am Tisch mit den Wartenden, fasst sich an den Haarknoten, hebt einen Zettel in die Höhe. Kann man nichts machen.
Sie ruft die Jeanspinke mit dem Jeansjungen auf. Der hat vorher schon die Umgebung erkundet, von der Rolltreppe hat ihn die Dunkelhaarige gefischt.
Die stellt den Jeansjungen auf das Podest. Allein will er da nicht bleiben. Die Frau setzt sich auf die Bühnenkante, spricht mit der Jeanspinken, zieht dem Jungen die Schuhe aus. Die Fotografin schaut den Jungen an, wartet, bis er seine Haltung gefunden hat. Der Junge albert herum. Die Dunkelhaarige hat die Bongos auf die Bühne gestellt. Der Junge bleibt am Fleck stehen. Die Fotografin zupft an seinem Shirt, redet auf den Kleinen ein. Die Dunkelhaarige macht ihm vor, wie das Trommeln geht. Der Kleine geht in die Knie und probiert es. Will bei der Dunkelhaarigen auf den Arm. Steht da mit verknoteten Händen. Blitzlicht zuckt.

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